Eurovision Song Contest

Liveticker - Das sind die Favoriten beim ESC 2015

In der Wiener Stadthalle findet das Finale des Eurovision Song Contests ab. Wie ist die Stimmung, wer sind die Favoriten? Wir berichten live aus Wien.

Von Felix Müller, Wien

>> Der Liveticker vom ESC-Finale aus Wien <<

Draußen regnet es schon den ganzen Tag bei kaltem Wind, aber in der Wiener Stadthalle heizt sich die Stimmung jetzt spürbar auf. Im Pressezentrum steigen sowohl der Nervositäts- als auch der Lautstärkepegel, und der Kampf um die letzten freien Plätze gewinnt an Dramatik. Nimmt man den Applaus während der Proben zum Maßstab, dann zeichnen sich fünf Favoriten für die 60. Ausgabe des Eurovision Song Contest ab.

Da ist zunächst der 29-jährige Schwede Mans Zermerlöw mit seinem Lied „Heroes“. Zermerlöw, in Schweden unter anderem als Sieger der Bühnenshow „Let’s Dance“ bekannt, wird nicht nur wegen seines guten Aussehens in Wien Punkte einsammeln können. Seine Bühnenshow ist auch die mit Abstand bemerkenswerteste dieses Abends. Zermerlöw tanzt vor einer Leinwand und interagiert mit den dort erscheinenden Strichmännchen. Sobald sich die Kamera komplett darauf fokussiert und den Rest der Bühne ausblendet, wirkt das wie ein gut gemachter Videoclip – für die Zuschauer in der Stadthalle sicherlich weitaus weniger spektakulär als für die vielen Millionen Zuschauer vor den Fernsehbildschirmen.

Auch dem Australier Guy Sebastian werden in Journalistenkreisen große Chancen eingeräumt. Lieder verkaufen Geschichten, und die von Guy Sebastian handelt von einem Land, das seit Jahren von einer Teilnahme am Wettbewerb träumt und nun, zum 60. Jubiläum des ESC, einmalig zugelassen ist. Auch wenn der ESC 2016 nicht in Australien, sondern in einem der Geldgeberländer Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien oder Großbritannien ausgetragen würde, erträumt sich so mancher das Märchen, den ESC-Fans aus Down Under auf diese Weise zu einer weiteren Teilnahme zu verhelfen. Für die „European Broadcasting Union“ hätte das nebenher den angenehmen Effekt, dass die australische Rundfunkanstalt SBS die Hälfte der Kosten des Millionenspektakels übernehmen würde.

Italiener bringen Popoper auf die Bühne

Dann gibt es noch die Italiener. Das Trio mit dem klangvollen Namen „Il Volo“ bringt mit „Grande Amore“ eine Popoper auf die Bühne, die jede Kitschgrenze so schamlos hinter sich lässt, dass es schon wieder charmant wirkt. Wie ihre Kollegen aus Schweden und Australien sind Piero Barone, Ignazio Boschetto und Gianluca Ginoble längst etablierte Größen in der Musikbranche ihres Heimatlandes: ihr Debütalbum verkaufte sich über eine Million Mal, und sie haben, passend zu ihrem Stil, bereits mit Eros Ramazzoti, Plácido Domingo und Barbra Streisand zusammengearbeitet.

Ein siebzehnjähriger Israeli könnte sich ihnen in den Weg stellen. Nadav Guedj ist der jüngste Interpret des Wettbewerbs und mischt mit seinem Song „Golden Boy“ trockenen Justin-Timberlake-Pop mit orientalischen Elementen. Er hat in Israel das Reality-TV-Format „A Rising Star“ gewonnen, darf aber im Vergleich zu seinen Konkurrenten schon aufgrund seines Alters am ehesten als Newcomer gelten.

Und dann gibt es noch einen heimlichen Favoriten. Einen, den fast alle im Wiener Pressezentrum nennen, wenn man über das beste Lied des diesjährigen Wettbewerbs spricht, dem aber keiner so recht die Chancen auf den Sieg einräumen will – weil sein Song vielleicht zu unkonventionell ist, um den ganz großen internationalen Konsens zu erzielen. Die Rede ist vom Belgier Loic Nottet und seinem Song „Rhythm Inside“. Wer nicht hinsieht, glaubt eher eine kraftvolle Soulstimme aus Louisiana zu hören – wäre da nicht das wallonisch klingende Englisch des Zwanzigjährigen. Ein größerer Unterschied zu dem beleibten Tenor Axel Hirsoux und seiner Hymne an die eigene Mutter ist schwer vorstellbar.

Und Deutschland? Befragt man langjährige Berichterstatter des ESC, dann zucken sie meistens ratlos mit den Schultern. Ann Sophies „Black Smoke“ ist ein eingängiges, geradeaus durchkomponiertes Stück Popmusik – aber ob es die Millionen im Ausland an die Telefone treibt, wagen die meisten zu bezweifeln. Das Schöne an jeder Vorhersage gilt aber auch in diesem Fall: sie muss nicht stimmen.