Musik zweitrangig

Was den ESC wirklich einzigartig macht

Beim Eurovision Song Contest geht es schon lange nicht mehr um gute Musik. Wirklich reizvoll macht den Wettbewerb vor allem das Abstimmungsergebnis – vor allem jetzt, wo sogar Australien dabei ist.

Foto: Georg Hochmuth / dpa

In gewisser Weise war schon der deutsche Vorentscheid symptomatisch. Wir erinnern uns: Am 5. März gewann der unterfränkische Blues-Sänger Andreas Kümmert die Finalrunde von „Unser Song für Österreich“ mit überragenden 78,7 Prozent. Da stand er dann im Jubel der Hannoveraner Arena, ein sympathischer, kleiner Mann mit Vollbart und Kapuzenpullover – und wollte plötzlich nicht mehr. An seiner Stelle wird nun die 24-jährige Ann Sophie aus Hamburg beim Eurovision Song Contest (ESC) antreten.

Kümmert musste für seine Verweigerung viele Prügel einstecken. Dabei mag er nur instinktiv gespürt haben, was sich in den beiden Vorentscheiden für das Finale jetzt bestätigt hat: Er wäre fremd geblieben bei dieser Mammutshow mit 180 Millionen Zuschauern. Fremd vielleicht weniger wegen seines Anspruchs auf Authentizität, den jeder drittklassige Schlagerbarde inzwischen im rhetorischen Marschgepäck herumträgt. Fremd vielmehr wegen seines Herzensanliegens, hinter dem jeder Showeffekt zurückzustehen hat: guter Musik nämlich. Vielleicht verstand Kümmert plötzlich in einer glasklaren Sekunde, dass es darum auf der Wiener Bühne gar nicht gehen würde.

Der Reiz des ESC liegt im Abstimmungsergebnis

Nichts könnte richtiger sein. Wer sich ernsthaft über die globalisierte Konfektionsware beschwert, die wir am Sonnabend hören werden, verfehlt den eigentlichen Reiz des Mammutwettbewerbs. Spannend macht ihn nicht die neueste Sehnsuchtsballade aus Armenien, sondern seine Fülle an Aussagen über die Populärkultur der westlich orientierten Mittelschichten – international. Und die schlägt sich nicht allein in Kostümen, in Lichtregie und Bühnenchoreografie nieder, sondern seit Einführung des Televotings vor allem im hochinteressanten Abstimmungsergebnis.

Wer unterstützt wen im Kulturkreis, den wir trotz der Eingemeindung Israels, Aserbaidschans und jetzt auch Australiens europäisch nennen? Gibt es eine östliche Solidargemeinschaft? Welche Rolle spielt, nationenübergreifend, die homosexuelle Community? Und wie viel Unterstützung erfahren Minderheiten im Ausland aus ihren Heimatländern? Es sind solche Fragen, die den ESC zu etwas Einzigartigem machen.