#Varoufake

Der Stinkefinger und die irre Lust, Blödsinn zu verbreiten

Griechenlands Finanzminister Varoufakis und der Stinkefinger: Hier wurde eine Szene aus dem Zusammenhang gerissen und bis zum Irrsinn hysterisiert, sagt Hajo Schumacher und fordert mehr Verantwortung.

Foto: Allessandro del Prete / dpa

Künftige Kommunikationswissenschaftler werden unter der Chiffre „#Varoufake“ womöglich den Wendepunkt einer unheilvollen Entwicklung identifizieren. Dabei geht es nicht um Jux, Fake und Stinkefinger, nicht einmal um satirisches Entlarven, sondern um Vorboten eines Systemversagens.

Was wir diese Woche erlebt haben, war ein überflüssiger Abgrund an Hysterie und Wahn, geboren aus Verwirrung, Täuschung und Dementis, der dem medialen System dieses Landes nicht zur Ehre gereichte. Eine Tugend, die mal als Sorgfaltspflicht bekannt war, hätte gefragt: Wann kam es zum Stinkefinger? In welchem Kontext wurde er gezeigt? Was war die Botschaft? Und: Ist dieser alte Krempel fürs heutige Geschehen relevant? Wohltuend nüchternes Resultat: Egal, für den Lauf der Welt ebenso wie für die aktuellen Krisen.

Aber das Gegenteil geschah. Ob mit Absicht oder mangels Hirn wurde eine Szene aus dem Zusammenhang gerissen, mit Stereotypen aufgegeigt und bis zum Irrsinn hysterisiert. Sinnlose Schlachten über Fake und Gegenfake tobten, bis hochheikle EU-Verhandlungen über den Patienten Griechenland wieder mal angeheizt waren. Grieche-Stinkefinger-Empörung – so funktionieren Pawlows Hunde. Es ist schon bizarr, wenn erwachsene Menschen Empörungsrituale feiern, während zwei Flugstunden entfernt Kinder hungern.

Geht es nur noch um Rabatz?

Es ging eben nicht um das Annähern an die Realität, sondern das Gegenteil, die Konstruktion einer Medienrealität, die allein durch die Anwesenheit von Kameras und Mikrofonen und kurzatmigen Bewertungen entsteht. Daher inszenieren sich Politiker ebenso bildgerecht wie die Randalierer von Blockupy. Aufgabe eines erwachsenen Medienbetriebs aber ist es, dem ersten naheliegenden und oft niederträchtigen Reflex zu widerstehen, um Inszenierungen kühl zu decouvrieren. Stattdessen wächst eine irre Lust, Blödsinn wider besseres Wissen zu verbreiten, solange es hübsch knallt.

Es ist ein Krisensymptom, wenn das Pegida-Wort von der „Lügenpresse“ in Journalistenkreisen ebenso peinlich berührtes Grummeln erzeugt, wie die Diagnose des griechischen Finanzministers, dass die Deutschen offenbar ein Medienproblem hätten. Natürlich hebt man nicht das Bein im eigenen Nest, aber: Was wäre, wenn die beiden Diagnosen stimmen, zumindest in Teilen?

Bei allem Respekt vor dem Schlauberger Jan Böhmermann, der das Fakespiel fröhlich anheizte, blieb den Freunden der Wirklichkeit nur Verzweiflung. Denn gejuxt und entlarvt ist genug; entscheidend ist die Frage, was Medien und ihre Nutzer in Zeiten digitaler Hochgeschwindigkeit eigentlich wollen. Geht es nur noch um Rabatz, dann dürfen wir uns vom Konzept der prüfenden, erklärenden, einordnenden Vierten Gewalt verabschieden. Hektisches Rumgemeine und hirnloses Stereotypen-Bediene sind das Gegenteil von verantwortungsvoller Information, auch und insbesondere im TV-Talk. Man nennt es Verantwortung. Hajo Schumacher