ARD-Krimi

Im Stuttgarter „Tatort“ muss der Geiselnehmer sterben

Wann und wen dürfen Polizisten töten? Das fragt sich der Stuttgarter „Tatort“ mit „Eine Frage des Gewissens“. Richy Müller spielt Kommissar Thorsten Lannert. Ein solider Tatort aus Schwaben.

Foto: Johannes Krieg,SWR / dpa

Ein Überfall auf einen Stuttgarter Supermarkt. Der Täter erinnert von fern an den Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner, der vor 26 Jahren in der Realität marodierte, in Gladbeck und anderswo. Hier heißt er Holm Bielfeldt, aber er hat einen ähnlichen Bart, eine ähnliche Statur und vor allem tut er dasselbe wie Rösner damals: Er presst einem Menschen seinen Revolver ins Gesicht, dem Wachmann des Supermarkts. Er schreit: „Ich zähle bis drei. Ich knall’ euch ab. So eine verfickte Scheiße.“ Was man eben der Polizei so mitteilt in einer solchen Situation.

Die Kamera irrlichtert durch die Regalreihen. Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) nimmt den Geiselnehmer ins Visier. Er ruft: „Lassen Sie den Mann los!“ Aber der tut es nicht. Dann schießt Lannert dem Mann in den Kopf.

An Gerichtsverhandlungen oder vorgerichtlichen Anhörungen ist besonders faszinierend, wie sie längst verflackerte Momente in ewige Formeln verwandeln. Deshalb sind sie für Drehbuchautoren so ein dankbares Sujet: Die Brutalität des vergehenden Lebens und der steife Formalismus des Prozesses sind schon für sich genommen ein spannungsreiches Gespann.

In unserem Fall klingt das so: „Am 17. des Monats gegen 19.50 Uhr wurde Holm Bielfeldt in einer Filiale der Kaufmarktkette von Kriminalhauptkommissar Thorsten Lannert in Ausübung seines Dienstes erschossen. Herr Bielfeldt hatte die Filiale überfallen und eine Geisel genommen. Gleichwohl geht es in dieser Verhandlung nicht darum, die strafbaren Handlungen des Herrn Bielfeldt zu untersuchen. Unsere Aufgabe wird vielmehr sein, herauszufinden, ob das Verhalten des KHK Lannert angemessen und ordnungsgemäß war.“

Ein solider schwäbischer Tatort

Es sollte zur polizeilichen Routine gehören, dass ein Gebrauch der Dienstwaffe genau untersucht wird – zumal dann, wenn ein Mensch gestorben ist. In Lannerts Fall hat sich schon ein klagefreudiger Anwalt eingefunden, der die Interessen von Bielfeldts Mutter wahrnimmt. Lannerts Kollege Sebastian Bootz (Felix Klare) war zwar ebenfalls im Supermarkt und entlastet seinen Kollegen, aber ganz sicher kann er sich nicht sein. Denn er wurde im entscheidenden Moment abgelenkt – von einer jungen Frau, die plötzlich die Szene betrat. Sie ist es, die nun in der Anhörung erscheint. Dort verliert sie unvermittelt die Fassung. Keiner weiß recht, wieso. Aber 24 Stunden später ist sie tot, ermordet.

„Wir stehen immer mit einem Bein im Gefängnis und mit dem anderen auf dem Friedhof“, sagt Lannert irgendwann beim Bier zu Bootz. Stuttgarter Kneipenschatten wandern auf den Gesichtern. Regisseur Till Endemann erzählt diese Geschichte selbstlos, er gönnt sich kaum einen Manierismus. Es ist kein erschütternder oder existenziell beunruhigender „Tatort“, aber eines ist er schon: solide. Ist das nicht mit vielen Dingen so, die aus Schwaben kommen?

ARD, „Eine Frage des Gewissens“, Sonntag, 20.15 Uhr.