Der letzte Fall für den Berliner Tatort-Kommissar Felix Stark ist auch sein seltsamster. Es beginnt mit einer Nahaufnahme seines Gesichts. Schon das ist ungewöhnlich und auch ein Statement: Stark wird in dieser Folge nicht nur der Juniorpartner des unsteten Frauenverzehrers Till Ritter sein, an dessen Seite er immer ein wenig steif und spießig wirkt. Es wird diesmal nur um ihn gehen.

Er wird in den Nebenraum gerufen, eine Frau will eine Aussage machen. Sie sagt, sie habe von einem Mord geträumt. Ein Mann in Latzhose, der eine Frau erwürgt. Sie habe Angst, dass es wirklich passiere. Stark hört sich das an, ernst und unbewegt, er verabschiedet sich höflich, geht wieder in sein Büro, setzt sich an seinen Schreibtisch.

Dann beginnt er zu zeichnen.

Auch für ihn eine schwierige Sache

Es ist ein faszinierendes Erlebnis, einer Zeichnung beim Entstehen zuzusehen – vor allem bei einem so guten Zeichner, wie es der Schauspieler Boris Aljinovic ist. Wie aus einer Anordnung von Strichen, Kreisen und Kurven auf einem Blatt Papier etwas entsteht, das unser Gehirn als gelungene Wiedergabe von dreidimensionaler Realität akzeptiert. Das können nicht viele, und nur wenige können es so gut oder besser als Boris Aljinovic. Und auch für ihn ist es eine schwierige Sache.

Es gibt ein kleines Video, das die ARD bei den Dreharbeiten gemacht hat. Es ist ein Making-of der Szene, in der Kommissar Stark den Traum zeichnet. Das sieht so leichthändig aus, wie da in ein paar Sekunden zwei Figuren auf dem Blatt entstehen: eine sterbende und eine mordende. Aber Aljinovic selbst sagt, dass es viele Stunden dauert, bis so eine komplizierte Komposition mit den richtigen Proportionen und der korrekten Körperhaltung der Figuren auf dem Papier ist, und dass er sie vorher gewissermaßen auswendig gelernt und dann „heruntergeplottet“ habe. Schon deshalb sind wir ihm dankbar, dass er die Arbeit für zehn Zeichnungen auf dieser Seite auf sich genommen hat. Drei Tage hat er damit zugebracht, und man kann schnell sehen, wie viel Mühe und Liebe er in sie investiert hat. Als er fertig war, haben wir ihn in seiner Wohnung in Wilmersdorf besucht.

Darin steht ein sehr großer, über Eck gebauter Schreibtisch, wie man ihn nun einmal braucht als Illustrator. Und ein Computer mit Grafiktablett, das für Aljinovic inzwischen viel häufiger das Arbeitsinstrument ist als der Stift. „Den benutze ich schon noch, aber eher so zum Kritzeln während des Telefonierens“, sagt er, und zeigt ein paar beneidenswert schöne Skizzen. Und dann erzählt er, wie er zum Zeichnen gekommen ist. Dass er nämlich schon als Kind und Jugendlicher nebenher immer herumgestrichelt und gemalt habe und wie er dann plötzlich den Trick herausgefunden habe, wie das geht mit der Perspektive von Figuren und Gesichtern. Er erzählt das, während er vor seinem Grafiktablett sitzt und sein eigenes Gesicht zeichnet. „Ich beginne immer mit der Nase“, sagt er und kichert ein bisschen, denn seine Nase ist ja schon eine klare Ansage. Und dann führt er den Trick vor, wie nämlich aus einer bestimmten Linienführung am Kinn der Eindruck entsteht, dass uns nicht nur ein Strichmännchen anschaut, sondern ein Gesicht mit einem uns näher zugewandten Auge und einem das, etwas weiter entfernt ist, mit einer Perspektive also. Und wie das so ist mit guten Tricks: Man sieht zwar, dass er funktioniert. Aber nicht wie.

Doch man sieht, wie er versinkt in dem was er tut, und dass es meditative Wirkung für ihn hat. „Kritzeln, die Zeit vergessen“, sagt er. „Das ist für mich, was für andere Leute Hausmusik ist. Die sind glücklich, wenn sie in der Musik leben. Ich bin glücklich, wenn ich in der Zeichnung lebe.“ Er wollte ja auch erst Zeichner werden als er Anfang 20 war und die Mauer noch stand, damals hat er auch als Grafiker sein Geld verdient. Als die Schauspielschule Ernst Busch ihn zur Ausbildung annahm, wurde aus der professionellen Option wieder ein Hobby – aber eines, das ihn nie wieder losgelassen hat.

Tim-und-Struppi-Schöpfer Hergé als Vorbild

Deshalb war er auch so angetan von der Idee, ein Interview mit Zeichnungen zu beantworten. Am Stil seiner Bilder ist abzulesen, welcher große Franzose sein Säulenheiliger und Vorbild ist: Georges Prosper Remi alias Hergé, der Schöpfer der Tim-und-Struppi-Comics. Aljinovic macht daraus überhaupt kein Geheimnis, seine Zeichnung zu unserer neunten Frage zeigt das ganz deutlich. Hergé gilt als Erfinder der „ligne claire“, also der klaren Umrisslinien und klaren Farben ohne Verläufe und Schattierungen. So puristisch geht es in Aljinovics Zeichnungen zwar nicht zu, aber auch sie erzählen von der Kunst, mit möglichst wenigen Linien einen guten Effekt zu erzielen.

Bleibt die Sache mit dem zeichnenden Kommissar. Mit Regisseur Klaus Krämer hat Aljinovic schon häufiger zusammengearbeitet, und als er das Buch zu der letzten „Tatort“-Folge las, hat es ihn gefreut, dass er darin diese Fähigkeit einmal würde vorführen dürfen. Eine Studentin sagt Gewaltverbrechen voraus, zwei Tote in einem Restaurant zum Beispiel, und Felix Stark beginnt zu zeichnen. Der Effekt ist verblüffend. Denn Stark, dieser disziplinierte, überaus ernste, vielleicht manchmal etwas zwanghafte und immer maximal auf den aktuellen Fall fokussierte Charakter: dieser Felix Stark bekommt plötzlich etwas Verträumtes, Künstlerisches. Und das steht nicht nur ihm sehr gut, das steht vor allem dieser Geschichte ganz wunderbar, die ja auch nicht auf dem Boden der Tatsachen bleibt, sondern in fantastischen und mysteriösen Sphären spielt.

Und so entdecken wir an Felix Stark ausgerechnet zum Abschied Seiten, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben. Er ist plötzlich nicht mehr nur der Dompteur des allzu lässigen Kollegen, der lieber das Fahrrad nimmt, wenn der andere den schnittigen Sportwagen anwirft. Er ist verletzlicher. Das Leben und die Toten, die alltägliche Gewalt, mit der er leben muss in Berlin: all das geht ihm viel näher als sonst, es macht ihn müde und traurig.

Gut, dass wir da den Schauspieler getroffen haben, der hinter Felix Stark steckt. Denn wenn die Bilder auf einer Doppelseite eines zeigen, dann lebenslustigen Humor. Wie Aljinovic selbst auch seinen Abschied als „Tatort"-Kommissar nicht als tragisches Ende empfindet, sondern als spannenden Beginn von etwas Neuem. Er steht ja regelmäßig auf der Bühne des Renaissance-Theaters, er spricht Hörbücher und hat gerade zum ersten Mal Regie geführt, für den Computeranimationsfilm „Der 7bte Zwerg“. Und wer weiß, vielleicht lesen wir ja auch irgendwann einen Comic von ihm. Das Talent dafür hat er.