„Tatort“

Frau Kommissarin in der Krise - Ulrike Folkerts hat den Blues

Im Oktober 1989 stieg die Schauspielerin, damals als Küken der Serie, beim „Tatort“ ein. Damals war sie das Küken der Serie. Jetzt feiert sie ein Vierteljahrhundert. Und ihren 60. Fall.

Foto: SWR/Alexander Kluge

Mann, sieht die schlecht aus. Dicke Ringe unter den Augen. Total übermüdet. Immer wieder fühlt sie sich versteckt den Puls. Und dann fällt sie schließlich direkt vor einer Straßenbahn um und wacht vor einem Notarzt wieder auf. Ist Ulrike Folkerts etwa amtsmüde? Ist sie ihre Dauerwurst-Serienrolle leid? Nein, es ist keine persönliche Krise der Schauspielerin. Sondern eine ihrer „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal.

Mit Odenthal feiert Ulrike Folkerts morgen gleich ein Doppeljubiläum. Sie ist dann fast auf den Tag genau 25 Jahre bei der beliebtesten deutschen Fernsehreihe dabei. Am 29. Oktober 1989 löste sie – mit 27 Jahren damals das Küken der Serie – ihren ersten Fall. Elf Tage, bevor die Mauer fiel. Die neue Folge „Blackout“ ist zugleich ihr 60. Fall. Ein anderer Anlass zum Feiern wurde dagegen irgendwie unter den Teppich gekehrt. Oder auch schlicht vergessen. Denn irgendwann zwischen ihrer 59. und 60. Folge hat Ulrike Folkerts eine magische Grenze überschritten. Und Horst Tappert überholt.

Dauerrekord im deutschen Krimi

Der hielt bis dahin den Ausdauerrekord, weil er vom 20. Oktober 1974 bis zum 23. Januar 1998, also 24,5 Jahre lang „Derrick“ spielte. Zahlen sind natürlich Schall und Rauch. Das Münchner „Tatort“-Team hat erst 1991 den Dienst angetreten, aber schon 66 Fälle auf dem Buckel, sechs mehr als die Kollegin aus Ludwigshafen. Tappert derrickte in 281 Folgen und kommt auf ein Vielfaches an Sendeminuten. Der wahre Spitzenreiter aber ist Michael Ande, der seit unglaublichen 37 Jahren und 381 Fällen bei „Der Alte“ dabei ist. Doch Ande, obwohl längst selbst ein Alter, ist halt nur der ewige Assistent und schaffte nie die finale Beförderung zum Chef.

Aber nach Dienstjahren bleibt der Fakt: Der längste, zäheste Kommissar des deutschen Fernsehens ist eine Frau. Das ist ja auch mal was. Und Lena Odenthal hat sogar eine wahre Flut an weiblichen Ermittlern ausgelöst, nicht nur beim „Tatort“, auch sonst, mit „Rosa Roth“ oder „Bella Block“. Vor Ulrike Folkerts hatte es nur zwei „Tatort“-Kommissarinnen gegeben, Nicole Heesters (1978-1980) und Karin Anselm (1981-1988). Die hatten aber entnervt aufgegeben, weil das TV-Publikum für eine Frau Kommissarin noch nicht reif war. Das hat die Folkerts geändert. Das darf sie sich als Verdienst anrechnen.

Die Angst, allein zu sterben

Das Vierteljahrhundert könnte sie daher mit reichlich Selbstbewusstsein feiern. Und Jubiläen werden sonst ja gern für ganz besondere Knaller genutzt. Nicht so bei Folkerts’ Odenthal. Die gerät ausgerechnet zum Doppeljubiläum in eine existenzielle Krise, beruflich wie privat. Gleich zu Anfang ist sie zu spät und kann einen Selbstmord nicht verhindern. Auch bei dem Fall danach unterlaufen ihr allenthalben Fehler. Dann kriegt sie dauernd fiese Sachen gesagt, dass sie niemanden abgekriegt hat. Dass sie nicht weiß, was Liebe ist. Und irgendwann beichtet sie selbst, was ihre größte Angst ist: „Dass ich eines Tages allein zuhause sterbe und mich niemand findet, weil mich niemand vermisst.“ Sie fügt noch drastischer hinzu: „Und dass meine Katze, weil nach drei Tagen das Katzenfutter aufgebraucht ist, anfängt, mich aufzufressen.“ Lena Odenthal in der Ganzkörperkrise.

Es spricht für Ulrike Folkerts, dass sie sich in ihrem 60. Fall „Blackout“ nicht feiern lässt. Es spricht auch für die Macher der Folge, dass man sinnvoll an ihre Stunde Null anknüpft. Wir haben uns aus gegebenem Anlass ein Double Feature mit beiden Fällen gegönnt. Und verblüffende Parallelen festgestellt. Nicht nur, dass es wieder um eine Vergewaltigungsserie mit einem Mord geht. In „Die Neue“ war die Folkerts noch eine junge, freche Frau, die für ihren Beruf brannte, aber alles besser wusste und sich gegen Männer und Frauen auf dem Revier durchsetzen musste. Klassische Über-Ambitionen einer Novizin. In Folge 60 aber geht Kopper (Andreas Hoppe), seit 18 Jahren ihr Kollege und seit dem neuen Jahrtausend auch WG-Genosse, auf Reisen. Odenthal bekommt als Urlaubsvertretung eine Neue: die junge, freche Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter), die für ihren Beruf brennt, alles besser weiß und sich gegen ihre Vorgesetzten beim LKA durchsetzen muss. Alles klaro? Lena Odenthal ist reichlich genervt von dem Neuzugang. Aber sie guckt quasi in den eigenen Spiegel. So war sie auch einmal. Und jetzt ist sie die Alte.

Wie lange noch, Frau Odenthal?

Johanna Stern soll auch künftig mit im Ludwigshafen-Team sein. Sie mischt das eingespielte, vielleicht auch etwas eingerostete Duo Odenthal/Kopper gehörig auf. Eine geschickte Vitaminspritze, eine Frischzellenkur, damit die Kommissare mal nicht so fossilienhaft aussehen wie weiland Derrick & Harry. Oder muss man da etwa im Kaffeesatz lesen? Und in den Schwäche- und Schwindelanfällen von Lena Odenthal das Anfang vom Ende sehen?

Wie lange Ulrike Folkerts noch vertatortet werden will, lässt sie absichtsvoll offen. Mal meint die heute 52-Jährige, sie wolle nicht als Miss Marple enden. Dann wieder heißt es, solange der „Tatort“-Boom anhalte, werde sie „einen Teufel tun, da nicht mitzumischen“. Zum Jubiläum orakelt sie nun, sie werde ihre Dienstmarke nicht im Rentenalter abgeben: „Ich mache das anders, wie, das bleibt mein Geheimnis.“ Sind die Schlaflosigkeit, der rasende Puls, die ganze desolate Erscheinung der Kommissarin schon Vorzeichen für dräuende Verfallserscheinungen, gar ein Äquivalent zu Tukurs Hirntumor? Es bleibt abzuwarten. Halten wir zur Sicherheit das Katzenfutter bereit.

Tatort Sonntag, ARD, 20.15 Uhr