ARD-Krimi

Ein Solo als Finale - Der letzte „Tatort“ für Boris Aljinovic

Als der RBB bekannt gab, dass er seine Berliner Kommissare Ritter und Stark absetzt, wurde eine Finalfolge angekündigt. Doch darauf hatte Dominic Raacke keine Lust. Nun muss Aljinovic alleine ran.

Foto: ** / rbb/Frédéric Batier

Wie steigt man aus einer erfolgreichen Serie aus? Rausschießen lassen wie Siegfried Lowitz beim „Alten“? Mantelkragen hoch und bedeutungsschwer aus dem Bild laufen wie „Derrick“? Abflug per Drachenfliegen mit einem letzten Fluch wie Götz George als Schimanski? Oder, sehr nobel, scheitern und den Dienst quittieren wie Iris Berben jüngst in „Rosa Roth“?

Boris Aljinovic hat sich bei seinem 31. und letzten „Tatort“-Einsatz für ein salomonisches Ende entschieden. Kein Schlussstrich in der letzten Minute. Er muss die ganze Zeit oder doch den halben Film ein mögliches Aus in Betracht ziehen. Es wird ihm nämlich ein unschönes Ende prophezeit. Von einer jungen Frau, die in die Zukunft sehen kann.

Man kennt sowas ja eher von Jahrmärkten. Frauen mit Fantasieturbanen, die einem über die Hand streichen und etwas von Lebenslinien faseln. Das ist nicht den müden Euro wert, den man dafür berappen muss. Das würde sicher auch Felix Stark, also Boris Aljinovics „Tatort“-Kommissar, so sehen. Doch der bekommt es in seiner finalen Folge „Vielleicht“ mit keiner Kirmeshellseherin zu tun, sondern mit einer norwegischen Studentin, die unheimliche Vorahnungen hat.

Sie hat von einem Mord an einer Freundin geträumt und meldet das bei der Polizei. Felix Stark nimmt das Protokoll auf. Legt es dann aber in die Schublade. Und vergisst es. Bis Wochen später diese Freundin wie prophezeit ermordet aufgefunden wird. Herr Stark hat ein schlechtes Gewissen, weil er die Anzeige nicht ernst genommen hat. Herr Stark will das wieder gutmachen. Und meldet sich wieder bei der Norwegerin. Das hätte er besser nicht getan. Denn sie träumt prompt auch von ihm. Und es ist ein blutiger Traum.

Die Kohle wird ihm fehlen

Wir spielen jetzt auch mal Wahrsager. Und prophezeien, dass Boris Aljinovic mit einem lachenden und einem weinenden Auge den „Tatort“ verlässt. Bei der letzten Klappe nach 13 Jahren habe er schon geschluckt, gibt er zu. Und was er schon vermissen wird, zumindest ein bisschen, das sei, auch da ist er ganz ehrlich, „die Kohle“. Aber der 47-Jährige hat gerade am Renaissance-Theater gut zu tun. Ein dänischer Film ist auch schon abgedreht. Und im Trickfilm „Der 7te Zwerg“ hat er nicht nur einem von Otto Waalkes’ Zwergen die Stimme geliehen, er hat damit auch sein Regiedebüt gegeben, auch wenn das keinem groß auffiel. Aljinoivc wird also in kein Loch fallen.

Aber zum Abschied bekommt er ein großes Solo geschenkt. Und darf noch mal alle Gefühlspaletten zeigen. Er darf seine Zeichenkunst unter Beweis stellen. Er darf fluchen, wenn ihm bei den Ermittlungen sein Fahrrad geklaut wird. Er darf an seiner Berufung zweifeln. Er darf sogar heulen.

Vor allem aber darf er ganz allein die Ermittlungen führen. Ritter ist ja weg. Wir erinnern uns: Als der RBB bekannt gab, dass er seinen Berliner Kommissaren Ritter & Stark die Lizenz zum „Tatort“ entzieht, wurde generös noch eine Finalfolge angekündigt. Darauf aber hatte Dominic Raacke keine Lust. Und schmiss sofort hin. Ein Paukenschlag. Und ein Affront. Gegen den RBB und Aljinovic.

Retourkutsche für den Stinkefinger

Dass die beiden Schauspieler immer nur Kollegen, aber keine Freunde waren, daraus haben sie nie ein Geheimnis gemacht. Dass ihnen der Besetzungswitz mit Pat und Patachon, dem Großen und dem Kleinen, schon bald auf die Nerven ging, haben sie auch offen bekundet. Das Konzept vom Kontrastpaar wurde bald aufgegeben. Aber eins blieb. Die großen Auftritte, die gab es immer für Raackes Ritter: Er hatte all die Frauengeschichten, all die Abstürze, er geriet auch mal selbst unter Mordverdacht. Aljinovics Stark war da eher der schwache Sidekick, das ausgleichende Korrektiv, der Vermittler. Und irgendwie auch das: der Langweiler.

Nicht so aber in der letzten Folge. Kein Wort über Ritter in „Vielleicht“. Warum der nicht mehr da ist – keine Erklärung, keine Silbe im ganzen Film, auch kein Eintrag im „Tatort“-Fundus bei ARD online. Als sei es nie anders gewesen, darf Stark diesmal einen ganzen Trupp junger Mitermittler dirigieren, darunter auch so prominente Namen wie Fabian Busch und Laura Tonke. Raacke hat dem RBB mit seiner Ex-und-Hopp-Kündigung irgendwie den Mittelfinger gezeigt. Sein Nicht-Erwähnen ist jetzt eine Art Retourkutsche.

Grandioser Auftritt einer unbekannten Norwegerin

Und ja, irgendwie hat jetzt auch Kommissar Stark mal eine Frauengeschichte. Aber eben nicht so, wie sie Ritter gehabt hätte, mit Augenzwinkern, Rendezvous und Verbalgebalz. „Vielleicht“ handelt von einer jungen Frau, die das zweite Gesicht hat. Die deshalb die Menschen meidet. Weil die ihr nicht glauben. Und weil sie ihnen unheimlich ist. Vor allem, wenn ihre Visionen sich erfüllen. In ihrem ersten deutschen Film spielt die Norwegerin Lise Risom Olsen diese fragile Studentin Trude mit einer Wucht und einer Präsenz, dass man darüber schon bald die Absenz von Kollege Ritter vergisst.

Inszeniert hat diesen letzten Aljinovic-Fall Klaus Krämer, der schon bei zwei der besten Ritter-&-Stark-Folgen („Machtlos“ und „Hitchcock und Frau Wernicke“) Regie geführt hat. Er zeichnet auch fürs Drehbuch verantwortlich und hat es Aljinovic auf den Leib geschrieben. Die Spannung bezieht dieser Mystery-Krimi nicht vornehmlich aus der Mördersuche, sondern aus dieser übersinnlichen Konstellation. Der Skepsis, ob man solchen Visionen Glauben schenken kann. Und den letzten Fragen. „Vielleicht“ ist damit eine der ungewöhnlichsten, andersartigsten „Tatort“-Folgen der letzten Zeit. Nicht das Schlechteste, was man über einen Serien-Ausstieg sagen kann. Nur schade, dass das erst jetzt ausgestrahlt wird, wo die Nachfolger Meret Becker und Mark Waschke schon ihren ersten Berliner „Tatort“ drehen.

„Tatort: Vielleicht“, ARD, 16. November, 20.15 Uhr