Ein schmaler Schlitz öffnet und schließt sich wieder. Erst im oberen Drittel des Bildes, dann im unteren, dann in der Mitte. Wir sehen in ein blassblaues Augenpaar ohne Gesicht, zweimal schaut es uns direkt an. Dazu ertönt alarmierend eine aufsteigende Quarte, sie klingt ein bisschen wie eine Sirene. Zwei dünne, weiße Linien schieben sich von links und von oben in Zeitlupe durch die Pupillen. Sie bilden ein Fadenkreuz. Es ist 20.15 Uhr, das Wochenende ist schon fast vorbei. Wir sind daheim und sehen den Vorspann des „Tatorts“.
Diese 32 Sekunden, ohne die das sonntägliche Mordgeschehen nicht beginnen darf, sind der erfolgreichste Vorspann, den das deutsche Fernsehen kennt. Seit dem ersten „Tatort“ von 1970 ist das Werk der Grafikerin Kristina Böttrich-Merdjanowa, unterlegt mit Klaus Doldingers eingängiger Musik, nur in winzigen Details geändert worden. Das alles weiß man. Auch der Eigentümer des Augenpaars, der Schauspieler Horst Lettenmayer, wird regelmäßig journalistisch gewürdigt. Nur eine Frage ist noch ungeklärt: Was genau macht diesen Vorspann eigentlich so gut, warum ist er um so vieles besser als die Eröffnungsvideos zum Beispiel der „Tagesschau“ oder der „Sportschau“, die regelmäßig renoviert werden mussten?
In wessen Augen blicken wir?
Dazu liefert ein neues Buch kluge Einsichten. Wolfram Eilenberger, promovierter Philosoph und Chefredakteur des in Berlin erscheinenden „Philosophie Magazins“, hat 14 Autoren gebeten, sich einen Reim auf ein kulturelles Phänomen zu machen: Darauf nämlich, dass Flaggschiffe der Fernsehunterhaltung wie „Wetten, dass..?“ sinken, während das Format „Tatort“ nicht nur gegen jede Krise gefeit scheint, sondern verblüffende Erfolge feiert. Wenn am Sonntag Kommissar Thiel und Gerichtsmediziner Boerne in Münster auf Täterjagd gehen, werden sicher wieder mehr als 10 Millionen Menschen zusehen. Das Buch „Der Tatort und die Philosophie. Schlauer werden mit der beliebten Fernsehserie“ sucht nach Erklärungen dafür.
Und die beginnen beim Vorspann. Eilenberger selbst stellt die Fragen, die am Anfang jeden Philosophierens stehen: Was können wir eigentlich wissen über das, was wir hier sehen? Sind es die Augen eines Täters, die sich hier vor uns öffnen? Ist es vielleicht sogar sein Opfer? Oder blicken wir in die kühl-analytischen Augen eines Ermittlers, dessen Aufklärungsarbeit bevorsteht?
Leben im Spiegelkabinett
Eilenberger zufolge rührt schon der Vorspann an die fundamentale Frage, die der französische Rationalist René Descartes in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts aufwarf: Woher weiß ich eigentlich, dass es außerhalb meines Ichs noch andere Subjekte, andere fühlende Individuen gibt, dass ich also nicht ganz allein bin mit mir und meinen mentalen Prozessen, die mir die Existenz einer „Welt“ lediglich vorspiegeln?
Die traurige Antwort darauf lautet, dass man es gar nicht wissen kann. Descartes „Zweifelsneurose“, wie Eilenberger sie nennt, hat die abendländische Philosophie derart heftig infiziert, dass es ein Schock war, als ihm sein Landsmann Emmanuel Levinas mehr als 300 Jahre später widersprach. Gerade der Blick in die Augen eines anderen, sagte Levinas, erschüttere das Gefühl, allein und abgekapselt von der Welt zu sein. Es sei offensichtlich, dass sich hinter den Augen des Gegenüber eine unzugängliche Welt verberge, der Gefühls-, und Gedankenkosmos eines anderen Ichs, zu dem man keinen Zugang habe. Diese Erkenntnis erschüttert nach Levinas das moderne Gefühl, völlig allein zu sein. Es steht ihm entgegen, wir können das jeden Sonntag vor dem Fernseher erleben.
So kluge Anschlüsse an die große Welt der Ideen liefert das Buch zuhauf. Es ist ja auch eine spannende Frage, wie etwas so populär werden kann, das zugleich so vorhersehbar ist. Wir alle wissen, dass die durch Gewalt gestörte Ordnung, die uns jeder „Tatort“ anfangs präsentiert, am Ende wieder ins Lot gebracht wird. Ballauf und Schenk stehen dann, wenn alles aufgeräumt ist, immer an der Currywurstbude und schauen den Kölner Dom an. Und alles wird gut sein.
Die Logik des Mordens
Ein dergestalt konfektionierter Erzählverlauf verdankt sich für Theodor W. Adorno einer kapitalistischen Verwertungslogik, weshalb der geistige Vater der aufklärungskritischen „Frankfurter Schule“ ihn als Produkt der „Kulturindustrie“ gegeißelt hätte. „Durchweg ist dem Film sogleich anzusehen, heißt es in der 1944 publizierten „Dialektik der Aufklärung“ über solche Produktionen, „wie er ausgeht, wer belohnt, bestraft, vergessen wird, und vollends in der leichten Musik kann das präparierte Ohr nach den ersten Takten des Schlagers die Fortsetzung raten und fühlt sich glücklich, wenn es wirklich so eintrifft.“ Adorno hatte für diese Art der programmierten Zerstreuung nur Verachtung übrig.
Der Journalist Adam Soboczynski führt in seinem Aufsatz bündig vor, wie sehr sich Adornos pessimistisches Kulturbild vom „Tatort“ bestätigt gesehen hätte. Er stellt dem aber die weitaus lichteren Einsichten des Germanisten Richard Alewyn gegenüber, der in seiner „Anatomie des Detektivromans“ ausführte, dass der Leser in der Gewalt der Kriminalgeschichte nur ein wenig Verfremdung der banalen Realität finden wolle. Ihn treibt nach Alewyn nur der begreifliche Hunger „nach ein bisschen Angst“ und nicht der universale Verblendungszusammenhang.
Das Privatleben der Ermittler
Ob es nun das schwer gestörte Liebesleben fast aller Kommissare ist, die Frage nach dem Verständnis für die Täter oder das alte philosophische Rätsel, wie das Böse in die Welt kommt und wen man dafür haftbar machen kann: All diese Themen behandelt der Band originell, pointiert und vor allem: zugänglich. Man braucht kein philosophisches Seminar besucht haben, etwas Neugierde reicht. Neugierde auch auf das Leben der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, das immer wieder in Beziehung gesetzt wird zu den Ideen, die von ihnen blieben. So mancher ihrer Gedanken wird uns trösten, wenn der „Tatort“ schwach war und wir uns fragen, warum wir eigentlich nicht abgeschaltet haben.
Literatur: Wolfram Ellenberger (Hg.): Der Tatort und die Philosophie. Schlauer werden mit der beliebten Fernsehserie. Tropen Verlag, 220 Seiten, 17,95 Euro.



