„Tatort“

Richy Müller geht durch die Hölle von Stuttgart-Zuffenhausen

In einem schwäbischen Gefängnis blühen Korruption und Gewalt wie in einer südamerikanischen Drogenmetropole. Da muss ein verdeckter Ermittler ran, um den Stall auszumisten. Aber wird er das überleben?

Foto: SWR-Pressestelle/Fotoredaktion / SWR/Johannes Krieg

Eigentlich werden hier ja die Klischees produziert, für die man uns im Ausland zugleich belächelt und bewundert. Präzision, Beständigkeit, Berechenbarkeit: All das ist im Geist des schwäbischen Pietismus entstanden und perfektioniert worden, all das kommt zu einem großen Teil aus Stuttgart-Zuffenhausen. Wenn hier mal gemordet wird, dann sind die Alibis so beängstigend perfekt wie die Autos, die hier gebaut werden.

Und so ist es auch in diesem Fall. Eine Frau ist brutal ins Jenseits geprügelt worden. Die Spurensicherung findet Hautfetzen des Täters unter ihren Fingernägeln. Die DNA lässt sich zweifelsfrei ihrem Ex-Mann zuordnen, Holger Drake (Tambert Tuisk). Nur hat der leider zur Tatzeit im Gefängnis gesessen, in der JVA Zuffenhausen. Die Ermittler Sebastian Bootz und Thorsten Lannert (Felix Klare und Richy Müller) wollen sich das schon mit einem Messfehler erklären, als sie erfahren, dass es im Zusammenhang mit demselben Gefängnis vor zwei Jahren schon einmal einen ähnlich gelagerten Fall gab.

Geheime Besprechungen im Puff

Hier wechselt dieser „Tatort“ in ein Fach, das in letzter Zeit – vor allem durch die Hamburger Episoden mit Cenk Batu alias Mehmet Kurtulus – wieder stärker in Mode gekommen ist: einer der Kommissare wird zum Undercover-Ermittler, der sich mit seinem Kollegen regelmäßig an einem möglichst absurden Ort trifft, um sich zu besprechen. In diesem Fall ist es ein Bordell.

Thorsten Lannert wird also zu Peter Seiler und als JVA-Beamter in das Gefängnis eingeschleust. Er stellt schnell fest: Da stinkt einiges in Zuffenhausen. Erstens haben die Insassen von Trakt 3 die seltsamsten Privilegien. Einige Gefangene scheinen exklusiv von bestimmten Beamten behandelt, eigentlich muss man sagen: bedient zu werden. Und dann ist da der Anstaltsleiter Andreas Franke (Herbert Knaup), den alle nur den „King“ nennen und vor dem sie mal mit Angst, mal mit Hoffnung, mal mit Bewunderung sprechen. Es dauert nicht lang, da wird Lannert alias Seiler zum Teil des Systems: Er bekommt kleinere Aufträge, er findet größere Geldscheine in seinem Spind und wird in der Kunst unterwiesen, im richtigen Moment wegzuschauen.

Kann man so ein besserer Mensch werden?

Regisseur Martin Eigler hat schon mehrere „Tatorte“ inszeniert und zeigt hier eine selbstbewusste Routine, die keine Manierismen braucht. „Freigang“ ist ein düsteres Kammerspiel geworden und zugleich ein skeptischer Kommentar über den Wert des Regelvollzugs. Gerade erst haben wir im Zusammenhang mit Uli Hoeneß darüber diskutiert: Ist Resozialisierung unter den Bedingungen, wie wir sie hier sehen, eigentlich möglich? Für Uli Hoeneß kann man nur hoffen, dass sie im realen Landsberg besser sind als im fiktiven Zuffenhausen.