Günther Jauch

Wenn ein Kind nicht zur Schule darf, weil es behindert ist

Wie gut kann man geistig behinderte Kinder in den Unterricht integrieren? Inklusion in Schulen wird immer mehr zu einem Reizthema. Bei Günther Jauch diskutierten Lehrer, Eltern und Betroffene.

Foto: ARD

In Berlin kommen dieser Tage in vielen Haushalten Briefe an. Sechstklässler, die sich für eine weiterführende Schule beworben haben, erfahren, ob ihre Wunschschule sie nimmt. Oder die Zweitwunschschule. Oder die Drittwunschschule. Und bei vielen ist die Antwort ernüchternd. Abgelehnt. Hart für die Kinder, hart für die Eltern.

Aber was, wenn die Ablehnung erfolgt, weil das Kind mit einem Down-Syndrom geboren wurde – wegen geistiger Behinderung? Und das in Zeiten der Inklusion, dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. Inklusion ist ein Schlagwort. Behinderung ist ein weites Feld. Körperliche Behinderung? Da ist Inklusion nicht so schwer, ein bisschen Umbau der Schule, dann klappt es schon. Aber was ist bei geistiger Behinderung? Günther Jauch fragt: „Stößt die Inklusion da an ihre Grenzen?“

Bei den Freunden bleiben?

Nehmen wir Henri, elf, Sohn der Journalistin Kirsten Ehrhardt, Down-Syndrom. Er lebt in Baden-Württemberg und geht in die vierte Klasse einer normalen Grundschule, die längst Inklusion praktiziert. Nun wechseln seine Freunde aufs örtliche Gymnasium oder die Realschule. Beide Schulen haben Henri abgelehnt, weil er wohl nie einen Abschluss schaffen wird. Seine Mutter wehrt sich. Darum sitzt Kirsten Ehrhardt bei Jauch.

„Er soll mit seinen Freunden zusammenbleiben“, argumentiert sie, und seine Mitschüler müssten so eine Behinderung kennenlernen, das mache sie sozialer. „Alle Kinder in Henris Klasse sind absolut großartig.“ Nur Eltern und Lehrer seien das Problem, sie schielten ständig auf Leistung. Rasch wird klar: Sie will das Gymnasium grundsätzlich reformieren. Zugang für alle, weg mit dem Leistungsdenken! In Zeiten des Turbo-Abis und gestresster Schüler irgendwie rührend, aber nicht realistisch.

Notenabschluss 2,3 – trotz Behinderung

Um zu zeigen, wie wunderbar das Leben auf der Regelschule für ein Down-Kind klappen kann, sitzt Carina Kühne aus Berlin in der Runde. Auch sie hat ein Down-Syndrom, allerdings wohl weniger heftig als Henri. Sie hat sich damals in Berlin – in Zeiten der Zwangseinweisung in eine Sonderschule – vor Gericht erkämpft, eine Hauptschule besuchen zu dürfen. Und sie hat den Abschluss geschafft, Notendurchschnitt 2,3. „Ich bin eigentlich sehr fit“, sagt sie. Aber man ahnt, dass ein Abitur wohl nicht drin gewesen wäre.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer laviert sich diplomatisch durch die Sendung, sie versucht nicht anzuecken. Der Vorsitzende des deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus – ein Bayer – betont dagegen: Entscheidend sei die Leistung. Ohne Leistung ginge es halt nicht auf dem Gymnasium.

Die Mischung ist entscheidend

Wie wohltuend ist da der Lehrer Jan-Martin Klinge in der Runde, der an einer Gesamtschule arbeitet, die Inklusion umsetzt. Er sagt ganz klar: Inklusion ist richtig, aber sie hat Grenzen. Ab der 7. Klasse sei das Zusammenlernen oft ein Problem. „Die Kinder entwickeln sich rasant auseinander.“ Und auch sozial. Stark behinderte Kinder seien oft sehr behütet, während die ohne Behinderung in der Pubertät ihre Grenzen austesteten. Dann brächen Freundschaften auseinander.

„Unser Schulsystem basiert nicht darauf, dass man mit seinen Freunden zusammen ist“, sagt Klinge deutlich. Sein Fazit: Die Mischung macht’s. Man muss halt schauen, welche Zusammensetzung eine Klasse, eine Schule verträgt. Dass Kinder dabei immer wieder von Schulen abgelehnt werden, gehört dazu. Das trifft behinderte und nicht behinderte Kinder. Man nennt es Realität.