Es war eine ungeheuer knöcherne, staatstragende Veranstaltung. Dass die Frauen ihr Haar schütteln oder ausgelassen tanzen würden zu ihren Liedern? Das wäre damals einem Eklat gleichgekommen. Man nehme allein das Jahr 1957: Da ging der „Grand Prix Eurovision de la Chanson“, den der Schweizer Fernsehgeneraldirektor Marcel Bezençon zur erbaulichen Festigung des europäischen Gedankens aus der Taufe gehoben hatte, gerade einmal in die zweite Runde.
Gesendet wurde aus Frankfurt am Main, und der Hessische Rundfunk hatte einen topaktuellen Song von Margot Hielscher ausgewählt, der vom schwierigen Umgang mit den neuen Medien handelte. „Nunmehr kommt das deutsche Chanson“, kündigte die Moderatorin freundlich an, die mangels Teleprompter ein gigantisches Buch mit sich herumtragen musste. „Es heißt ‚Telefon, Telefon’. Der Text ist von Ralph Maria Siegel.“
Der Satz ist nicht nur bemerkenswert, weil er ganz putzig den Stand der damaligen Technik spiegelt. Sondern auch, weil er zeigt, dass es in der oft sprunghaften Geschichte dieses Musikwettbewerbs einen Fels gab, der unverrückbar im Wellengang des Zeitgeistes stand. Dieser Fels war der Name Siegel. Doch dazu später mehr.
Fast 60 Jahre lang gibt es diesen musikalischen Wanderzirkus schon, und sein Teilnehmerkreis ist inzwischen derart aus dem Ruder gelaufen, dass man eigentlich kaum noch von einem europäischen Wettbewerb sprechen kann – oder nur mit einem großen Maß an geografischer Toleranz. Das macht aber gar nichts, denn das Internationale, das Kuriose und Exotische ist dem „Eurovision Song Contest“ längst zur eigentlichen Natur geworden. Das war nicht immer so.
Denn anfangs ging es nicht um Vielfalt, es ging um europäische Einheit, um Identität. Diese galt es elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst einmal herzustellen – und nur mit ihr konnte sich die seit 1950 existierende „European Broadcasting Union“, die Arbeitsgemeinschaft der europäischen Rundfunkanstalten, legitimieren. Das waren allesamt staatliche Institutionen, und deshalb atmete der Grand Prix anfangs einen bürokratischen Geist. Mit den beiden ersten Interpreten, die Deutschland 1956 nach Lugano entsandte, gestattete man sich allenfalls ein bisschen Folklore: Freddy Quinn durfte dort hanseatische Sehnsucht verbreiten („So geht das jede Nacht“) und der heute vergessene Walter Andreas Schwarz besang den „Wartesaal zum großen Glück“.
Das Farbfernsehen machte den Weg für den Pop frei
Eine behäbige, manchmal fast bräsige Steifheit blieb dem ESC lange erhalten. Nur schneckenhaft und gleichsam phasenverschoben kroch der kulturelle Umbruch der Sechziger in den Wettbewerb. Die Teenager kreischten sich schon lange zu Beatles-Hits wie „Love me do“ und „Please please me“ die Stimmbänder aus dem Leib, als Udo Jürgens immer noch weihevoll „Merci, Chérie“ in die Kameras sang. Das war 1966.
Wer sich die Klänge von damals anhört, dem wird die scharf bewachte Grenze klar, die damals noch zwischen dem Schlagerfach und der Rock-und-Pop-Fraktion verlief – die Musik des Grand Prix blieb hausbacken und bieder, auch wenn sich nach der Einführung des Farbfernsehens wenigstens die Kostüme zu radikalisieren begannen. So trat die Spanierin Salomé im Jahr 1969 mit ihrem Titel „Vivo cantando“ in einem blauen Overall an, dessen Material wie aus Lametta gewirkt schien. Prompt trug sie den Sieg davon, wenn auch mit drei weiteren Nationen.
Die um sich greifende gesellschaftliche Entspannung kam erst in der Mitte der Siebziger Jahre so richtig im Wettbewerb an. Die Lieder wurden zeitgemäßer, massenkompatibler. Jeder über 30 hat, sofern er nicht ganz unmusikalisch ist, sofort das Lied „Kisses for me“ der Brotherhood of Men im Ohr, die damit 1976 nicht nur den Wettbewerb gewannen, sondern im Anschluss auch sechs Millionen Singles verkauften. Zwei Jahre zuvor erst war eine bis dahin unbekannte Band namens Abba mit „Waterloo“ auf dem Siegertreppchen gelandet.
Da mochte Deutschland auch mit Joy Flemings vorletztem Platz für „Ein Lied kann eine Brücke sein“ historischen Schiffbruch erleiden: Der Grand Prix hatte zu Höhenflügen angesetzt, er machte Spaß. Aber man weiß ja, dass auch die Kulturgeschichte zyklisch verläuft und auf die Zeiten ästhetischer Hochkonjunktur gnadenlos der Absturz folgt.
Vielleicht haben spätere Zeitalter einmal ein gnädigeres Urteil für die Achtziger übrig, aber aus heutiger Sicht muss man sie, zumindest für das europäische Wettsingen, als Totalausfall bewerten. Die Macht der Jurys, die damals noch allein über Wohl und Wehe der Kandidaten entschieden, führte nun zu einer ewigen Wiederkehr des Immergleichen. Musikproduzent Ralph Siegel, Sohn des eingangs genannten Ralph Maria Siegel, steuerte jedes Jahr ein Lied dazu bei. Dieses Jahr wird er für San Marino im Finale stehen.
Internationale Einflüsse
Dann kam noch eine Krise hinzu: „Das Videoclip-Zeitalter und der Start von MTV“, schreibt Oliver Rau in seiner liebevollen Onlinedokumentation zum ESC unter www.aufrechtgehn.de, „machte den Eurovision Song Contest als TV-Schaubühne für europäische Popmusik überflüssig.“ Der Wettbewerb brauchte dringend eine Frischzellenkur, und er bekam sie: mit der Revolution in Mittel- und Osteuropa, die ihn für so viele neue Einflüsse öffnete, mit seiner neuen Freude am ironischen Bruch (siehe Guildo Horn) und mit seinem „Coming-out als jährliches, paneuropäisches schwules Familientreffen“ (Rau), der spätestens mit dem Sieg der israelischen Transsexuellen Dana International 1998 für alle sichtbar wurde.
Produzenten wie Stefan Raab und Sängerinnen wie Lena Meyer-Landrut haben ihn auch für die Deutschen wieder zu einer Veranstaltung gemacht, vor der man nicht davonlaufen muss. Und wenn man sich nur einmal anhört, wie viele internationale Einflüsse allein im deutschen Beitrag von Elaiza zusammenfließen, dann ist einem kurz ein bisschen weniger bang um Europas Zukunft, als es das noch nach den Nachrichten war. Glücksmomente: Viel mehr kann man von Musik eigentlich nicht verlangen.
Das ESC-Finale wird an diesem Sonnabend um 21 Uhr live in der ARD gezeigt. Bereits um 20.15 Uhr begrüßt Moderatorin Barbara Schöneberger ihre Gäste.






























