Eurovision Song Contest

Eklat um Conchita Wurst verdüstert erstes ESC-Halbfinale

Auf einer russischen Webseite soll eine Petition gegen den österreichischen Travestiekünstler Conchita Wurst laufen. Im Halbfinale feierte dann ein deutsches Urgestein einen lange fälligen Erfolg.

Wenn in Kopenhagen ein Preis für den bärtigsten Paradiesvogel zu vergeben wäre, dann würde man kein Televoting und kein Juryurteil benötigen, der Fall wäre klar. Die Wahl fiele auf den 25-jährigen Travestiekünstler Tom Neuwirth aus Oberösterreich, der seit einigen Jahren unter dem Namen Conchita Wurst durch die Lande tingelt und – auch dank der Teilnahme an einschlägigen Castingshows – dort schon eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.

Seines Aussehens wegen, das den Habitus einer eleganten Dame mit einem dunklen Vollbart kombiniert, ist Conchita Wurst immer mal wieder Anfeindungen aus der üblichen Muffecke ausgesetzt gewesen. Nicht nur der eine oder andere homophobe Landsmann, auch Vertreter aus osteuropäischen Semidemokratien wählten sie sich als Zielscheibe aus, um ihre Ressentiments gegen Homosexuelle zu pflegen. Zuletzt hatte der armenische Sänger Aram MP3, in seinem Land als Komödiant gilt, laut darüber nachgedacht, ob dieser Wettbewerb ihr vielleicht helfen könne, sich für ein Geschlecht zu entscheiden. Kleinlaut war er alsbald zurückgerudert.

„Die Teilnahme ist beleidigend“

Was nun aus Weißrussland herübertönte, nahm sich da schon deftiger aus: In Lukaschenkos Dikatur soll der russischen Website NEWSru zufolge eine Petition gegen Conchita Wurst gestartet worden sein. Die ESC-Teilnahme des Österreichers wird darin „beleidigend“ genannt. Mit der Nominierung werde eine Lebensweise propagiert, die für die weißrussische Gesellschaft „inakzeptabel“ sei: „Dank der europäischen Liberalen hat sich der populärste internationale Wettbewerb, der von unseren Kindern gesehen wird, zu einer Brutstätte der Sodomie entwickelt“, zitiert die Tiroler Tageszeitung.

Auch wenn Conchita Wurst erst am zweiten Halbfinale am kommenden Donnerstag erstmals in Kopenhagen antreten wird, verliehen solche Meldungen doch der gestrigen Auftaktveranstaltung etwas Beklemmendes. Der Vorspann, in dem Europäer aus allen Ländern die Vorjahres-Siegerhymne „Only teardrops“ anstimmten, auch die ostentativ gute Laune verbreitenden Moderatoren machten das dann aber doch recht schnell vergessen. Es folgte die altbekannte Mischung aus rustikaler Romantik, primetimekompatibler Sehnsuchtssimulation und wohldosiertem Regelbruch, die den Eurovision Song Contest schon immer zu einer länderübergreifenden Konsensveranstaltung gemacht haben.

Mutter, ich liebe Dich

Wer fiel besonders auf? Bemerkenswert war zum Beispiel der leibesfüllige Kandidat aus Belgien, Axel Hirsoux. Er besang in tenorhaft gemeinten Tönen seine Mutter: „You are my guiding light, my shoulder, my shelter, my satellite.“ Man wusste nicht so recht wohin mit der Mischung aus Rührung und Scham, die dieser Vortrag auslöste. Das Publikum und die Jurys wussten es besser: Hirsoux hat den Einzug ins Finale nicht geschafft. Ebenfalls ausgeschieden ist die eigentlich ganz fidele lettische Band Aarzemnieki in ihrem Song „Cake to bake“ das komplett planlose Backen eines Kuchens besang.

Auf die Liste der Finalisten hingegen schafften es sowohl die ukrainische Interpretin Maria Yaremchuk wie auch die merkwürdig artifiziellen „Tolmachevy Twins“ aus Russland, die freilich bei der Verkündung des Ergebnisses als Stellvertreter Wladimir Putins ausgebuht wurden. Und auch der große deutsche Nimmermüde hat es geschafft, der alte Kämpe des Eurovision Song Contest mit 23 Teilnahmen und nur einem Sieg, der trotzdem nie die Hoffnung auf einen weiteren aufgegeben hat. Er hat es nun zum dritten Mal hintereinander mit Valentina Monetta aus San Marino versucht, jetzt ist ihm der Finaleinzug endlich gelungen: Ralph Siegel. Wir gratulieren.

Für das Finale sind bisher qualifiziert: Deutschland, Dänemark, Spanien, Italien, Großbritannien, Frankreich, Montenegro, Ungarn, Russland, Armenien, Aserbaidschan, San Marino, Ukraine, Schweden, Niederlande und Island.