Kann der Eurovision Song Contest, dieses harmlose alljährliche Mainstreampop-Turnier, ernsthafte diplomatische Verstimmungen auslösen? Kann er es in dem Sinn, dass Außenminister einander öffentlich angehen und die Veranstalter gerügt und allerorten giftige Kommentare platziert werden? Ja, allerdings kann er das.
Man muss dazu nur an das letzte Jahr erinnern, als Russlands Außenminister Lawrow seinem aserbaidschanischen Amtskollegen Mammadyarow öffentlich eine „schmähliche Tat“ vorwarf und Konsequenzen ankündigte. Das hörte sich an, als habe Mammadyrow in Baku eigenhändig und öffentlich die russische Flagge verbrannt.
Es ging aber um etwas ganz anderes. Russland wollte wissen, was mit seinen Punkten geschehen war. Die Russen hatten beim ESC im schwedischen Malmö dem ehemaligen sowjetischen Bruderland die Höchstwertung von zwölf Punkten zugesprochen – und mussten wütend in einer Mischung aus mit Wut und Enttäuschung erleben, dass diese Liebe unerwidert blieb. Kein einziger Punkt wanderte aus Baku nach Moskau – die Aufregung war groß und der Eklat war perfekt.
Erst später stellte sich heraus, dass die kuriose Nullrunde nichts mit aserbaidschanischer Böswilligkeit zu tun hatte – und viel mit einer kleinen, aber sehr wirkungsvollen Reform des Abstimmungssystems. Dass sich das Votum eines Landes aus dem Ergebnis des Televotings und dem Urteil einer Fachjury ergibt, war schon längere Zeit Praxis. Neu war allerdings, wie sich diese beiden Urteile zusammensetzten. Waren sie bislang jeweils einzeln in das gängige Punktschema von 1 bis 12 übersetzt und dann addiert worden, wurde nun der Mittelwert aus beiden Urteilen gebildet. So konnte es kommen, dass der russische Song zwar in der Gunst der aserbaidschanischen Zuschauer auf Platz 2 landete, aber dennoch keine Punkte erhielt – er war schlicht bei der Jury durchgefallen.
Der Sinn der Regel ist evident: Sie soll den musikalischen Mainstream stärken. Nur wenn sich die Anrufer und das knapp besetzte Expertengremium halbwegs einig sind, haben Kandidaten auch die Chance auf eine hohe Punktzahl. Das verleiht der Jury aber eine große Machtfülle, so dass man sich fragen muss: Wer sind eigentlich die fünf Personen in der deutschen Jury, deren Urteil genauso viel zählt wie das aller anrufenden deutschen Zuschauer?
Die deutsche Jury
Nach dem erklärten Willen des NDR, der für die Auswahl zuständig ist, soll es sich dabei um professionelle Musikschaffende handeln. Und es dürfen nicht jedes Jahr dieselben Köpfe sein, weshalb dieses Jahr Florian Silbereisen, Lena Meyer-Landrut, Alina Süggeler und Carolin Niemczyk nicht in Frage kamen. Stattdessen entschied man sich zum Beispiel für Sido. Der 33 Jahre alte Berliner Rapper hat damit eine erstaunliche Entwicklung abgeschlossen, die im Vulgärjargon begann und nun im der Schmalzrhetorik transeuropäischen Konsensgedudel angekommen ist.
An seiner Seite steht die erst 18-jährige Madeline Juno, die mit ihrem Song „Error“ nicht nur einen Überraschungserfolg auf YouTube landete, sondern auch den Titelsong für die erfolgreiche Komödie „Fack ju Göhte“ lieferte. Hinzu kommen der 30-jährige Singer-Songwriter Andreas Bourani und mit der 27-jährigen Jennifer Weist eine weitere Vertreterin aus Berlin, die als Frontfrau der Rockband „Jennifer Rostock“ bekannt geworden ist.
Der einzige Nichtsänger der Runde ist der ebenfalls noch ziemlich junge, nämlich auch erst 34 Jahre alte Musikproduzent Konrad Sommermeyer. Dass er Tim Bendzko zu seinen Klienten zählt, der 2013 seinerseits in der Jury saß, hat den Journalisten Stefan Niggemeier zu dem galligen Kommentar veranlasst, es stehe noch nicht fest, wer Tim Bendzko nächstes Jahr in der Jury vertreten werde. Am Donnerstag wird die Jury beim zweiten Halbfinale erstmals Gelegenheit haben, ihre Punkte abzugeben. Beim Finale am Sonnabend wird Schlagerstar Helene Fischer die Gesamtergebnisse verlesen. Die Machtfülle der kleinen Gruppe mag manchen Musikfan misstrauisch stimmen. Auch deshalb sollen die Urteile jedes einzelnen Jurymitglieds nach der Veranstaltung öffentlich gemacht werden.
Und selbst wenn dann etwas unklar bleibt, so weiß man dann doch wenigstens mehr über Sidos neue Vorlieben – ob er also dem albanischen Spaßpopper den Vorzug gibt oder doch lieber einer armenischen Herzschmerzhymne. Seine alten Rapperfreunde vom Label mit dem schönen Namen Aggro Berlin werden das sicher mit Interesse verfolgen.
Der 59. Eurovision Song Contest findet am 10. Mai 2014 in Kopenhagen statt. Insgesamt kämpfen 37 Länder um die Siegerkrone - wer von ihnen beim Finale antreten darf, entscheidet sich im ersten und zweiten Halbfinale am 6. und 8. Mai (übertragen auf EinsPlus und Phoenix jeweils ab 21 Uhr). Das Finale wird am Sonnabend, 10. Mai, ab 20.15 Uhr in der ARD gezeigt. Das Programm beginnt mit dem Countdown für Kopenhagen live von der Hamburger Reeperbahn, moderiert von Barbara Schöneberger. Um 21 Uhr läuft dann das Finale aus Kopenhagen. Das Ende wird gegen 0.15 Uhr erwartet.





