TV-Kritik

Wie Mario Barth Geldverschwendung in Berlin verteufelt

In Berlin begab sich Deutschlands erfolgreichster Komiker auf „Schuldentour“. Er wollte zeigen, wo besonders viel Geld sinnlos ausgegeben wird. Das wurde umso ärgerlicher, je länger es dauerte.

Foto: RTL / Sebastian Drueen

Im Fernsehstudio befindet sich eine gigantische Toilettenschüssel. Sie ist im Durchmesser mindestens zwei Meter breit. Links und rechts davon stehen zwei Hostessen herum, riesige Geldstapel in Reichweite. Immer dann, wenn gerade von besonders lächerlichen und peinlichen Fällen von Steuerverschwendung die Rede war, kommt Mario Barth zu den Hostessen und schaufelt mit ihnen munter Geld ins Klo. Darin ist wirklich eine Kamera installiert, die uns dann im Umschnitt zeigt, wie es aus der Innenkloperspektive aussieht, wenn Geld hineingeworfen wird. „Das sind ihre Gelder, die hier im Klo landen“, sagt der fröhlich schaufelnde Mario Barth. Manchmal steht Ingo Appelt daneben. Es scheint allen Spaß zu machen. Das Publikum applaudiert.

Die Grundidee der Show „Mario Barth deckt auf“ hat viel mit diesem Klo zu tun. Sie inszeniert die lustvolle Verschwendung, die sie eigentlich anprangern will. In einer nicht enden wollenden Parade von Varianten erzählt sie die immer gleiche Geschichte: Behörden stellen irgendeinen Unsinn an, niemand denkt nach, und am Ende steht eine Bauruine auf Sylt, sind in Holzminden gleich zwei Müllentsorger mit derselben Aufgabe betraut, verstopfen in der Radeberger Mozartstraße Blumenkübel den Bürgersteig, werden in Ratingen angeblich sinnlose Fahrradzähler aufgestellt, verschickt das bayerische Landwirtschaftsministerium Heuproben an Schulen, stehen bei Kassel Brücken in der Landschaft, die nirgendwohin führen.

Atemlos sind hier alle

Und, und, und. Ignoranten allerorten, man wird ganz atemlos dabei, und mittendrin stehen Mario Barth oder seine Ko-Moderatoren wie Ingo Appelt, Dieter Nuhr oder Carolin Kebekus und sind mindestens ebenso kurzatmig. Immer wieder ploppen grafisch animierte Zahlen auf und wuchern Balken mit Schuldenständen in die Höhe. Dann wieder zurück ins Studio, der nächste Gast und ein neues Beispiel, und nach einer Dreiviertelstunde dämmert es dem Zuschauer: ihm wird hier gerade ein neues Sendeformat vorgeführt.

Denn es ist in den 120 Minuten dieser Sendung der Ausnahmefall geblieben, dass einmal die Hintergründe all dieser Schildbürgerstreiche ausgeleuchtet wurden. Bei den Radeberger Blumenkästen durfte ein Mann vom Amt immerhin ein paar bürokratische Formeln loslassen, über die sich die Runde im Studio dann auch gleich so ausgiebig wie kenntnisfrei lustig machte. Aber sonst war, mit Ausnahme zweier weiterer Beispiele, nicht einmal der Anflug von Ehrgeiz erkennbar, die andere Seite einmal zu hören. Das hätte es ja vielleicht auch nur unnötig verkompliziert.

Und so schaffte es Mario Barth bei seiner „Schuldentour“ durch Berlin tatsächlich, nicht einen einzigen Verantwortlichen vor seine Kamera zu holen. Er wollte das auch gar nicht – es ist schließlich einfacher, prustend vor der Staatsoper zu stehen und den Ingenieuren Inkompetenz vorzuwerfen, als diese Menschen selbst einmal zu Wort kommen zu lassen. Es macht weniger Mühe, mal kurz den Boulevard der Stars am Potsdamer Platz und seine teure Instandhaltung mit Hohn zu überkübeln, als wenigstens kurz mit Dieter Kosslick als dem Berlinale-Chef oder einem politisch Verantwortlichen zu reden. Es ist so verführerisch leicht, den Abgeordnetentunnel an der Dorotheenstraße zu geißeln, als einmal einen Beteiligten erklären zu lassen, was zu seinem Bau geführt hat. Und so weiter.

Kreischende Erregung

Und das ist das Traurige an dieser Sendung: Weil sie gar kein journalistisches Produkt sein will, sondern allerschlichteste Comedy, schert sie alles über einen Kamm. Sie will gar nichts so richtig ernst nehmen – und demonstriert das ausgerechnet an öffentlichen Sachverhalten und Projekten, die man ernst nehmen oder sich wenigstens genau anschauen sollte. Bei „Mario Barth deckt auf“ will aber niemand irgendetwas genau anschauen. Man will nur kreischen und sich lustig machen, und das auf möglichst pubertärem Niveau.