RTL-Sendung

Was Mario Barth am Pannenflughafen BER aufdeckt

Was passiert mit unseren Steuergeldern? Deutschlands erfolgreichster Komiker präsentierte in seiner Sendung Beispiele für öffentliche Geldverschwendung. RTL nennt das „investigative Comedy“.

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Mario Barth steht an der Einfahrt zu einem Parkhaus am künftigen Großflughafen BER und hat etwas Lustiges entdeckt. Der Automat vor der Schranke, an dem man sich vor dem Reinfahren sein Ticket ziehen muss, zeigt ein Datum an: Mitte Januar. Barth geht fünf Meter weiter zu dem Automaten, in den man sein Ticket beim Rausfahren wieder hineinsteckt. Da steht auf der Anzeige: Mitte Februar.

Barth stutzt und schaut auf sein Mobiltelefon: Es ist Mitte März. „Da kommst Du morgens an und fährst abends weg“, sagt er, „und ein Monat ist vergangen.“

Die kaputten Geräte sind ein schönes Beispiel dafür, was da draußen passiert in Schönefeld – und in welchem Tempo. Der Flughafen BER ist gewissermaßen ein Pflichtstoff für Deutschlands erfolgreichsten Komiker und seine Sendung „Mario Barth deckt auf“. Das nicht nur, weil er selbst Berliner ist, hier seine größte Fangemeinde hat und das Olympiastadion regelmäßig mit 100.000 Zuschauern füllt. Es liegt auch daran, dass der BER das Paradebeispiel für das Thema seiner Sendung ist: Die Verschwendung von öffentlichen Geldern.

Vier Millionen Zuschauer

Dafür haben sie sich bei RTL ein neues Format einfallen lassen, das sie „investigative Comedy“ nennen. Und das übrigens sehr erfolgreich ist: Die erste Folge im Oktober 2013 sahen mehr als vier Millionen Menschen. In der für den Privatsender so wichtigen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen waren es dabei herausragende 22 Prozent Marktanteil.

Und wie geht das? Barth führt zwar durch die Sendung, hat aber eine Reihe von Gästen eingeladen, die jeweils ihre eigenen Geschichten mitbringen. Kabarettist Dieter Nuhr etwa besucht merkwürdige Aussichtsplattformen, die unbenutzt im Umland von Köln herumstehen. TV-Anwalt Christopher Posch inspiziert eine große Brachfläche in Nordfriesland, wo „aus Naturschutzgründen“ ein Waldstück abgeholzt wurde. Und RTL-Moderatorin Annett Möller, die einmal Vize-Miss Mecklenburg war, besucht ihr Heimatland auf der Suche nach Millionengräbern. Dann wird das durchgerechnet und beziffert und als Spielgeld von Hostessen in ein riesengroßes Klo geschmissen

Sprint, nicht Sprit

Keine Frage, dass der BER einen erheblichen Batzen zum Toilettengeld beiträgt. Und dort, am BER, macht Mario Barth noch weitere Beobachtungen. Er läuft durch menschenleere Abfertigungshallen, entdeckt ausgetrunkene Bierflaschen und witzelt, das von Hartmut Mehdorn aufgelegte Programm zur Baubeschleunigung heiße doch „Sprint“ und nicht „Sprit“. Er stellt fest, dass die Kontrollbude eines Securitymannes kaputt ist. Dann sieht er Lampen brennen, am hellichten Tag.

Der nächste Schritt wäre nun, dass Barth sich die Verantwortlichen „vorknöpft“, wie man so sagt, oder es zumindest versucht. Das geschieht aber nicht und fällt im Barthschen Redewasserfall auch erst gar nicht so auf. Auch deshalb, weil dauernd Statements von Mehdorn eingeblendet werden, ganz so, als habe Barth mit ihm gesprochen.

Zahlen poppen auf

Hat er aber nicht. Und je länger er dort draußen dampfplaudernd herumläuft, je mehr Beispiele er anspricht – die defekte Entrauchungsanlage, die zerborstenen Scheiben, das fehlende Wasser für die Sprinkleranlage –, desto klarer wird, dass es hier gar nichts Neues zu erfahren gibt. Auch die dauernd aufpoppenden Zahlen wie „60.000 Mängel!“, die eine Illusion von Journalismus erzeugen sollen, ändern nichts daran: Das alles ist jedem bekannt, der sich auch nur von fern einmal mit dem BER befasst hat. Man kann Barths aufgeregten Monolog vielleicht lustig finden. Vielleicht. Aber eines macht er hier mit Sicherheit nicht: etwas aufdecken.

Ein anderes Beispiel aus Berlin, gleich zu Beginn der Sendung: Die Baustelle an der Invalidenstraße in Mitte. Dort stehen die Bagger schon einige Zeit still, der geplante Ausbau der Tramstrecke durch den Bauherrn BVG stockt. Zum Frust der Autofahrer, die jeden Tag durch diesen Engpass aus Schildern und Absperrungen hindurchmüssen, der den Verkehr vom Hamburger Bahnhof bis zum Nordbahnhof lähmt.

Barth bildet minutiös das Gefühl ab, das jeden befällt, der hier schon einmal seine Zeit vertun musste: Dass alles brutal sinnlos ist und hier Millionen verbuddelt werden von Dilettanten und Kretins. Er führt dann ein paar Telefonate. Er ruft etwa das nicht zuständige Bezirksamt Mitte an, und irgendwann brummelt er in sich hinein, man sei bei den Bauarbeiten wohl auf unbekannte Wasseradern gestoßen. Aber das will er eigentlich auch nicht so genau wissen und erläutern: Es würde den Sachverhalt komplizierter machen und am Ende gar die Pointe seiner Sendung gefährden.

Hahnensperma und Ampeln für Kühe

Das gilt für fast alle Geschichten, die wir zu hören bekommen. Irgendwo wird Geld für Hahnensperma ausgegeben. Im thüringischen Dittersdorf gibt es eine Ampel für Kühe. In der Nähe von Dresden wurde ein Freibad gebaut, das nun keiner besucht. Und, und, und. Die Beispiele sind derart inflationär, dass man kaum noch mitkommt. Man muss aber auch gar nicht mitkommen, denn auch das ist alles schon durch die Medien gegangen oder nachzulesen im Bericht des Steuerzahlerbundes.

Das ist traurig, denn natürlich wird mit Steuern oft verantwortungslos umgegangen. Und davon könnte man vielleicht sogar in einem Comedy-Format erzählen, wenn man sich denn die Mühe redlicher Recherche machen würde. Vielleicht wäre das dann auch alles noch viel lustiger. Denn wenn der Unsinn wirklich sichtbar wird, entsteht die Komik oft von ganz allein.