„Die Arier“

Mo Asumang sucht den Kontakt mit Rassisten und Neonazis

Die Afrodeutsche hat Mut. Das zeigt ihr Dokumentarfilm „Die Arier“, der heute im ZDF zu sehen ist. Leider versteckt ihn der Sender spät in der Nacht. Das ist schade, denn er ist sehenswert.

Foto: Festival / festival

Ihre Freundin Esther, eine KZ-Überlebende, ist fassungslos. Warum willst du das tun, fragt sie, sichtlich konsterniert, Mo Asumang, warum willst du dich mit denen treffen? Die alte Dame spricht uns aus dem Herzen. Sie spricht aus, was wir alle denken. Aber indem die TV-Moderatorin und Filmemacherin ihr antwortet, fasst sie schon mal das ganze Konzept zusammen.

Mit Rassismus wurde Mo Asumang, Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers, konfrontiert, seit sie in Studententagen Taxi gefahren ist. Als sie als TV-Moderatorin von „Liebe Sünde“ bekannt wurde, gab es eine Morddrohung in einem Song der rechtsradikalen Band White Aryan Rebels: „Diese Kugel ist für dich, Mo Asumang“. Es blieb nicht die einzige Drohung.

Nachts allein mit Ku-Klux-Klan-Anhängern

Mo Asumang hat sich dieses Thema, mit dem sie sich seit Jahren auseinandersetzt, nicht ausgesucht. Es wurde ihr aufgezwungen. Aber sie hat sich dem gestellt. Schon in ihrem ersten Dokumentarfilm „Roots Germania“, den sie in deutschen Schulen vorgeführt hat. Und jetzt in ihrem zweiten, in dem sie der Frage nachstellt, was das eigentlich sein soll: Arier, die vermeintliche Herrenrasse, die immer ins Feld geführt wird. Bei der NSU, wo man Artikel über die „arische Rasse“ fand, oder in den USA, wo „Aryan Hategroups“ Morde an Andersartigen verüben.

Als Afrodeutsche sucht Mo Asumang die offene Konfrontation. Bei Burschenschaften, bei Neonazis, ja sogar bei Anhängern des Ku-Klux-Klan in Amerika. Mit denen hat sie sich nachts im Freien getroffen. Eine beunruhigende Szene, bei der nicht nur dem Zuschauer, sondern auch der Dokumentarfilmerin sichtlich das Grauen beschleicht. Aber sie bleibt. Sie geht mit den Vermummten ins Kornfeld. Und fragt nach, unerbittlich. Was sie eigentlich gegen Schwarze haben, was sie ihnen getan hätte. Der Mann unter der Maske ist sichtlich verlegen, murmelt etwas davon, dass er gegen sie persönlich ja gar nichts habe. Es sind Momente wie diese, die so selbstentlarvend sind. Und die diese Doku ausmachen.

Die wahren Arier: ein Hirtenvolk im Iran

Immer wieder muss man Angst um diese Frau haben. Immer wieder muss man sie bewundern, wie sie bewusst naiv fragt. Und nicht lockerlässt. Dabei ist interessant, dass deutsche Rechtsradikale sofort verstummen, wenn eine Kamera läuft, und diese abzudrängen suchen. Während Amerikaner es geradezu lieben, sich im Bild zu produzieren.

Wie nebenbei findet Mo Asumang heraus, wer die Arier wirklich sind. Ein Hirtenvolk im Iran. Auch die geht sie besuchen. Nix nordisches Volk. Nix blauäugige Hünen. Sie spricht stattdessen mit einer Frau mit Kopftuch: „Ich als Ariern sage, wir Menschen sind alle gleich.“

Wäre das ZDF nur auch etwas mutiger

Es ist ein unglaublicher, unglaublich spannender Film. Bei dessen Recherche Mo Asumang unter anderem herausfand, dass selbst die eigene Großmutter, die sie aufgezogen hat, einst bei der SA gearbeitet hat. Es zeigt ein schockierendes Ausmaß an Hass und Bedrohung. Aber es endet mit einem Funken Hoffnung, wenn Mo Asumang sich am Ende mit einem Aussteiger aus der rechten Szene trifft.

„Die Arier“ ist ein kleines Juwel im Dokumentarfilmbereich. Schön, dass dieser Film im Fernsehen zu sehen ist. Aber skandalös, dass ihn das ZDF in der Mitternachtsschiene versteckt.

Die Arier“: Am heutigen Montagabend im ZDF, 23.55 Uhr.

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