In der Ukraine überschlagen sich die Dinge derzeit in einem so wilden Tempo, dass man fast von einer Ereignislawine sprechen muss. Die von der OSZE entsandten Beobachter waren gerade unter großer Aufmerksamkeit freigelassen worden, da lieferte man sich in der Hafenmetropole Odessa schon Straßenschlachten, die 46 Menschen das Leben kosteten. Dann kam es wieder zu Gefechten in der Ostukraine, während Nato-Generalsekretär Rasmussen die Aufrüstung des Bündnisses forderte – militärisches und rhetorisches Dauerfeuer also rund um die Uhr, auf allen denkbaren Kanälen.

Es ist fast unmöglich, vor diesem Hintergrund eine Talkrunde zu organisieren, die mit dem Geschehen ganz auf Augenhöhe bleiben kann. Und so verfiel Günther Jauchs Sendung am Sonntagabend auch streckenweise auf die Evergreens, die das öffentliche Gespräch über Putin und sein Verhältnis zum Westen längst hervorgebracht hat.

Da war die Frage nach dem erschütterten Vertrauen Russlands zum Westen, das in der Ostausdehnung der Nato wurzeln soll. Fritz Pleitgen, selbst jahrelang Korrespondent in Russland, referierte die inzwischen schon aberdutzendfach vorgetragene Gedankenfigur, die schon genauso oft mit guten Gründen angezweifelt worden ist.

Frau von der Leyen und die Aufrüstung

Es war aber auch Erhard Eppler, der die altbekannten Töne anstimmte. In Russland habe sich „ein Gefühl des Abgelehntwerdens, des Ausgestoßenseins“ breitgemacht angesichts der westlichen Haltung, monierte der Friedensforscher und SPD-Politiker. Wie schon in vielen anderen Gesprächsrunden zuvor plädierte er gegen eine Verteufelung Russlands und schob dem Westen einen Großteil der Verantwortung dafür zu, dass der Dialog Schaden gelitten habe. So weit, so bekannt.

Dann war da dieses Foto von Gerhard Schröders 70. Geburtstag in St. Petersburg, das ihn in freundschaftlicher Umarmung mit dem russischen Präsidenten zeigt. Wie viel Einfluss er auf die Freilassung der Geiseln genommen habe, wollte Jauch wissen – eine Frage, mit der auch schon nicht eben wenige Sendeminuten gefüllt worden sind. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wollte sich zwar nicht dazu durchringen, ihm alle Einflussnahme abzusprechen – betonte aber deutlich, wie sehr das Ende der Geiselhaft das Verdienst des Außenministers, der Kanzlerin und vor allem der OSZE gewesen sei.

Marina Weisband, Piraten-Politikerin mit ukrainischen Wurzeln, fand das mediale Interesse an dem Foto obszön: Angesichts von über 40 Toten in Odessa sei es „absurd, über das Foto mit Schröder und Putin zu diskutieren“, sagte sie. Weisband wusste der oft ratlosen Runde immerhin den interessanten Gedanken vorzutragen, dass Putin dem Konflikt in der Ukraine einen ständigen Quell der Ablenkung verdanke, um im eigenen Land sonst unliebsame Maßnahmen durchzuführen. Leider stieg die Runde kaum darauf ein.

Rasmussen und seine Wünsche

Genauso wenig übrigens wie auf die interessante Frage, wie denn Deutschland, wie aber auch die Nato insgesamt denn nun militärisch auf die einfache Tatsache reagieren soll, dass in Russland inzwischen dreimal soviel für Aufrüstung ausgegeben wird wie auf unserer Seite. Da hatte Nato-Generalsekretär Rasmussen ja in Interviews schon einen recht forschen Ton gesetzt, als er eine deutliche Erhöhung des Etats eingefordert hatte.

Dazu befragt, musste die deutsche Verteidigungsministerin schon mit sich ringen, bevor sie das Bekenntnis zustande brachte, es gebe momentan Wichtigeres als Aufrüstung. Und mit Klaus-Helge Donath, dem Russland-Korrespondenten der „taz“, saß in derselben Runde ausgerechnet ein Vertreter der friedensliebenden Linken, der Rasmussen in diesem Punkt Recht geben wird.

Historiker wie Arnulf Baring und Militärexperten wie Michael Wolfssohn fordern schon seit längerer Zeit eine Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland. Wollen wir das? Diese Frage rührt an den Kern des westlichen Selbstverständnisses. Wie schade, dass sie bei Günther Jauch viel zu kurz kam.