Schon seltsam: Wer die Kommentare in deutschen Zeitungen und Onlinemedien in den letzten Tagen studierte, kam nicht um den Eindruck herum, dass es hierzulande eine stattliche Allianz von Putin-Gegnern gibt. Sie sehen in seinem Griff nach der Krim einen klaren Bruch des Völkerrechts, wähnen nicht nur den Osten der Ukraine, sondern auch weitere Länder Osteuropas in Gefahr und verlangen zum Teil eine Wiedereinführung der Wehrpflicht in Deutschland, um den Verteidigungsfall vorzubereiten. Stellt man ihre Argumente und Analysen denen des russischen Präsidenten gegenüber, so ergibt sich schnell das Bild einer Eskalation auf höchster Stufe, in der eigentlich bald die Waffen sprechen müssten.
Die gestrige Runde bei Maybrit Illner hatte, als die Gästeliste bekannt geworden war, vor diesem Hintergrund ein Rumoren in den sozialen Netzwerken ausgelöst. Denn mit Matthias Platzeck (dem Vorsitzenden des deutsch-russischen Forums), der in Kiew gebürtigen „Piraten“-Geschäftsführerin Marina Weisband oder dem ehemaligen Helmut-Kohl-Berater Horst Teltschik gab es in der Runde eine gewisse Überzahl derjenigen, die sich den Vorwurf der „Russlandversteherei“, in letzter Zeit sogar der „Russlandverstärkerei“ schon häufiger haben anhören müssen. Und dann saß da ja auch noch der russische Gesandte Oleg Krasnietzky. Dass Maybrit Illners Redaktion keinen der Kritiker vorzuweisen hatte, war in der Tat verwunderlich.
„Der Knabe war einfach enttäuscht“
Und so wirkte es fast ein wenig wie ins Leere gesprochen, als Matthias Platzeck die Berichterstattung der letzten Zeit Revue passieren ließ und feststellte, er „verteidige Wladimir Putin manchmal, ohne es zu wollen“. Er setzte weiter auf eine Verhandlungslösung, stellte er gleich zu Beginn fest, auch wenn er die gerade mal eine Woche alten Ergebnisse von Genf, die die Lage befrieden sollten, bündig als „Makulatur“ bezeichnete. Dennoch war ihm deutlich das Bemühen anzumerken, im Handeln russischen Präsidenten etwas anderes als die Motive eiskalter Machtpolitik zu erkennen.
Platzeck erinnerte an Putins Rede vor der Münchener Sicherheitskonferenz im Jahr 2007, die vor allem von Frust geprägt gewesen sei – Frust wegen des europäischen Misstrauens, aber auch wegen des Mangels an Bereitschaft, wirtschaftlich stärker mit Russland zu kooperieren. „Der Knabe war einfach enttäuscht“, fasste Platzeck zusammen – ein Gedanke, den auch die Journalistin Katja Gloger ausdrückte, als sie den Prozess der Herausbildung einer antieuropäischen „Putin-Doktrin“ beschrieb. Platzeck hatte dennoch auch kritische Worte für Russlands Präsidenten übrig, etwa als er sagte, Russland habe zu wenig zur Deeskalation in der Ukraine beigetragen.
Kann der Nato-Russland-Rat helfen?
Wie kann es in der Ukraine nun weitergehen? Harald Kujat, ehemals Generalinspekteur der Bundeswehr, plädierte dafür, den Nato-Russland-Rat auf der Ebene der Außenminister als politisches Instrument zu nutzen. Horst Teltschik betonte wie vor ihm schon Platzeck, dass der Konflikt vor allem von der Ukraine selbst gelöst werden müsse. Helmut Kohls Wiedervereinigungs-Stratege interpretierte Putins Härte vor allem als Ergebnis erlittener Demütigungen – wie zuletzt durch den US-Präsidenten, der Russland nur den Status einer „Regionalmacht“ zubilligen wollte. Auch Teltschik warb für den Verhandlungsweg und stritt dagegen, den Konflikt mit Russland auf die Spitze zu treiben. Marina Weisband ging hierin sicherlich am weitesten: Sie kann sich nach einem Referendum auch eine Teilung des Landes vorstellen, wie man sie in artverwandter Weise 1992 ja schon bei der Tschechoslowakei erlebt hat. Vor allem aber wünscht sie sich, wie sie in gewohnt forscher Weise betonte, „dass sich Amerika weniger einmischt.“
Und so war man sich eigentlich, von ein paar Nuancen hier und dort einmal abgesehen, in den großen Fragen einig. Das ließ die Debatte wirken, als wäre sie in Watte verpackt – wenn man zum Nennwert nimmt, was in letzter Zeit geschrieben und an Misstrauen laut wurde. „Wir stehen für die souveräne Ukraine“, sagte Russlands Gesandter, und keiner hielt etwas dagegen. Niemand sagte etwas von den waffentragenden grünen Männchen im Osten oder den Vorgängen auf dem Maidan. Niemand erklärte Putins Glaubwürdigkeit für erschüttert. Nicht einmal die Moderatorin selbst. Das hatte etwas Gespenstisches.



