Friedensverhandlungen oder Aufrüstung? Für Zwischentöne war bei Markus Lanz am Donnerstagabend wenig Platz. Das lag vor allem an der Auswahl der Gäste in der ZDF-Talkshow: Der als Russland-Hardliner bekannte Roderich Kiesewetter von der CDU stand dem ehemaligen Brigadegeneral Erich Vad gegenüber, der schon länger vor einem zu konfrontativen Kurs mit Russland warnt.

Die Diskussion der beiden erinnerte in ihrer Ziellosigkeit und Emotionalität zwischenzeitlich an eine Debatte am Stammtisch – mit allen Eskalationsstufen.

Auch interessant

Zuerst geht es um die Stationierung von Tomahawks in Deutschland. Die USA hatten zuletzt erklärt, diese Marschflugkörper entgegen früheren Plänen nicht in Deutschland zu stationieren. Die Bundesregierung möchte nun Berichten zufolge bald selbst Tomahawks produzieren.

Phase 1: Der sachliche Streit

Vad kritisiert die Pläne: Es sei „zu kurz gedacht, nur zu sagen, wir stellen sie auf, ohne das an Abrüstungsverhandlungen zu koppeln.“ Er bemüht in seinen Ausführungen immer wieder vergangene Politiker wie Konrad Adenauer oder Ronald Reagan. Diese seien zwar auch einen harten Kurs gegen die Sowjetunion gefahren, aber hätten dabei trotzdem Verhandlungen und Abrüstung im Blick gehabt.

Das vermisst er aktuell in Europa: „Die Amerikaner verhandeln seit eineinhalb Jahren mit den Russen auf allen Kanälen. Und wir sind stolz darauf, dass wir mit den Russen nicht reden.“

Mehr Politik-News

Kiesewetter entgegnet Vad sachlich, dass die Tomahawks eine Reaktion auf russische Bedrohungen in Kaliningrad seien. Man habe den Russen sieben Jahre Zeit gegeben, diese Bedrohungen wieder zurückzunehmen: „Aber Russland hat nicht reagiert.“ Nun sei die Zeit der Verhandlungen erstmal vorbei.

Phase 2: Die Monologe

Vad fühlt sich in seiner Sorge von Kiesewetter bestätigt: „Meine Befürchtung ist: Wenn wir so weitermachen, werden wir in einem Krieg mit Russland landen.“ Der Autor redet sich nun zunehmend in Rage: „Es kommt der Tag, an dem sie Vergeltungsschläge gegen Europa durchführen werden.“ Am Ende seines Monologs spricht Vad sogar vom Einsatz russischer Atombomben gegen Europa.

Lanz greift hier überhaupt nicht in die Diskussion ein und schaut zu, wie Kiesewetter, angestachelt von Vad, selbst zum Monolog ansetzt. Von einer „Stunde Null“ für die russische Gesellschaft ist da die Rede. Damit kann wohl nur ein Regimewechsel in Russland gemeint sein.

Auch interessant

Kiesewetter gibt sich kompromisslos: „Wir müssen alles tun, damit die Ukraine gewinnen kann.“ Deshalb bestreitet der CDU-Außenpolitiker auch das Verhandlungsangebot aus Russland: „Putin will nicht verhandeln“ und betont, dass er erst dann verhandeln wolle, wenn Russland seine Truppen abgezogen habe.

Phase 3: „Schiedsrichterin“ Jackson kommt kaum zu Wort

Lanz versucht die Militärexpertin Verena Jackson als Schiedsrichterin einzuschalten. Diese gibt zu bedenken, dass die Chancen „relativ schlecht“ stünden, dass Russland dazu ohne weiteres bereit wäre.

Doch es bleibt nur ein kurzer Einwurf, ehe Vad und Kiesewetter die nächste Stufe des Stammtischstreits betreten. Jetzt wird es persönlich. Aufhänger ist die geplante Eingliederung der Ukraine in die EU, die Vad für gefährlich hält.

Phase 4: Die Eskalation

„Das Problem wenn wir die reinholen ist, wir holen den Krieg mit Russland nach Europa.“ – „Die Ukraine schützt uns gerade“, entgegnet Kiesewetter. „Sie wären ein guter ukrainischer Verteidigungsminister“, provoziert Vad, worauf Kiesewetter direkt anspringt: „Das ist eine böse Unterstellung.“

Die beiden reden übereinander hinweg, ohne dass Lanz eingreift. Am Ende darf Vad weiterreden, weil er am lautesten wird: „Wir sind Aufmarschgebiet der Nato, wir sind logistische Drehscheibe der Nato. Wenn es einen europäischen Krieg gibt, läuft der in unserem Land.“ Kiesewetter wirft Vad Panikmache vor: „Sie machen unseren Bürgern Angst. Das findet alles nicht statt.“ Vad kann sich nicht zurückhalten: „Herr Kiesewetter, sie machen mir Angst, mit ihrer Rhetorik, die einfach in einen Krieg treibt.“

Jetzt hat Kiesewetter genug und er spricht Vad die Expertise ab: „Sie lagen in allen ihren Einschätzungen falsch“, behauptet er. „Die Ukraine ist auf dem Weg, mit technologischer Überlegenheit ihre Menschen zu schützen und das Schicksal der Menschen lässt sie kalt.“ Das bringt Vad endgültig zum Explodieren: „Dieser Krieg läuft jetzt im fünften Jahr“, ruft er, „es sind hunderttausende Russen und Ukrainer ums Leben gekommen.“ Das sei eine „Blutmühle, die keinen Sinn macht, weil wir keine politischen Ziele setzen.“

Einen wirklichen Erkenntnisgewinn kann der Zuschauer aus diesem emotionalen Streitgespräch nicht ziehen. Viel spannender ist dafür das Ende der Sendung, als das Stammtischgespräch in seine letzte Phase tritt: die Versöhnung.

Auch interessant

Phase 5: Versöhnung und Erkenntnisse

Kiesewetter und Vad sind sich nämlich in manchen Dingen auch einig. So findet auch Vad, dass die Bundeswehr „kaputtgespart“ wurde und dass Investitionen deshalb sinnvoll sind. Zustimmung von Kiesewetter.

Einigkeit herrscht auch darüber, dass die Milliarden, die aktuell in die Aufrüstung fließen, nicht zielgerichtet ausgegeben werden. Ausgerechnet Kiesewetter ist hier sehr deutlich. Er habe ein „absolutes Unbehagen“, weil man „ungeheuer viel Geld für alte Systeme“ ausgebe. Statt in Panzer und Artillerie solle man mehr Geld in Drohnen und Flugabwehr stecken.

Lanz verpasst es hier nachzufragen: Warum macht die Bundesregierung das dann nicht längst? Schließlich ist Kiesewetter Teil der Regierungsfraktion. Stattdessen versucht er mit seiner letzten Frage den Konflikt zwischen Vad und Kiesewetter neu zu entfachen: „Sie beide, weil sich da große Gegensätze aufgetan haben: Sind die Deutschen bereit?“ Doch beide gehen nicht auf seine Frage ein. Vad betont, ein Krieg müsse verhindert werden, „mit Dialog, Interessenausgleich…“ – „und Wehrhaftigkeit“, ergänzt Kiesewetter. Vad stimmt zu und die Diskutanten lächeln sich kurz versöhnlich an. Wenn Frieden doch auch nur zwischen Staaten so einfach wäre.