„Fühlen Sie sich sicher?“ Dunja Hayali stellt diese Frage gleich zu Beginn der aktuellen „Am Puls“-Ausgabe – und rückt damit ein Thema ins Zentrum, das viele Menschen beschäftigt: die gefühlte Unsicherheit im öffentlichen Raum. Doch so sehr sich die Reportage bemüht, die diffuse Angst greifbar zu machen – am Ende bleibt vor allem eines: ein Gefühl von Ratlosigkeit.
Polizeialltag am Bahnhof: Dramatisch, aber erklärungsarm
Am Bremer Hauptbahnhof begleitet Hayali eine Quattro-Streife – eine Mischung aus Bahn-Security, Polizei und Ordnungsamt. Es geht hektisch los, ein mutmaßlicher Dealer entwischt, ein Crack-Konsument wird kontrolliert, ein Platzverweis ausgesprochen, der nicht wirkt. Szenen, die weniger Sicherheit vermitteln als staatliche Überforderung. „Kommissar Humfeld muss aufpassen, dass nicht plötzlich jemand ein Messer zieht“, kommentiert Hayali. Und später: „Auch zum Ende der Schicht habe ich das Gefühl: irgendwie wirkt die Polizei machtlos.“
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Hayali spricht mit Passanten. Eine Frau sagt, sie meide dunkle Gassen, aus Angst „ein Messer in den Rücken zu bekommen“. Eine andere beschreibt den Park als „spooky“, nachdem sie dort Menschen beim Drogenkonsum beobachtete – „und dann sagte ich zu meinem Mann: ‚Mein Gott‘“. Als „aggressiv, aggressiv“, beschreibt ein obdachloser Mann eine Gruppe. Solche Zitate zeigen durchaus, wie Ängste entstehen – aber sie reproduzieren auch Vorurteile.
Zwischen 2022 und 2024 sei laut polizeilicher Kriminalstatistik die Zahl der gemeldeten Messerangriffe um 10,8 Prozent auf 9.917 gestiegen. Unerwähnt bleibt: Messerattacken im Zusammenhang mit Raubdelikten oder anderen Tatbeständen sind in dieser Zahl nicht enthalten.
Kriminalstatistik, Medienwahrnehmung – und das Bauchgefühl
Die Extremismus-Expertin Julia Ebner von der Universität Oxford nennt Social Media als Mitverursacherin wachsender Angst. „Die Zahlen zeigen schon, dass Kriminalität steigt, dass auch politisch motivierte Gewalttaten steigen“ – das betreffe jedoch in erster Linie Anzeigen, nicht zwingend Urteile. Zum Zusammenhang von Migration und Gewalt sagt sie klar: „Das weisen diverse Studien zurück. Es gibt diesen kausalen Zusammenhang nicht.“ Gewalt trete häufiger in sozial benachteiligten Vierteln auf – unabhängig von Herkunft.
Hayali hält dagegen: „Die wissenschaftliche Erklärung ist das eine, das Gefühl oft das andere.“ Ein Satz, der den Graben zwischen Forschung und öffentlicher Wahrnehmung nicht überbrückt, sondern vertieft.
Stärkster Teil der Doku: Die Gespräche mit Betroffenen. Anas, ein junger Syrer, wird in Magdeburg bei einem rassistischen Angriff schwer verletzt. Lea überlebt einen islamistischen Messerangriff beim Stadtfest in Solingen nur knapp. Sie sagt: „Klar machen Flüchtlinge hier was – aber wie viele Deutsche machen hier was?“ Diese Szenen öffnen den Blick, statt ihn zu verengen. Sie zeigen, dass einfache Täter-Opfer-Zuschreibungen zu kurz greifen – und dass persönliche Geschichten mehr erklären als pauschale Statistiken.
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Überwachung als Lösung? Das Beispiel Mechelen
In Mechelen, einst gefährlichste Stadt Belgiens, trifft Hayali auf Bart Somers, Bürgermeister und Architekt des neuen Sicherheitsgefühls. Mit Kameras, klaren Regeln und Integrationsprojekten habe er die Stadt verändert. Ein Erfolgsmodell? Vielleicht. Doch Hayali verzichtet auf die entscheidende Nachfrage: Lässt sich das Modell wirklich auf deutsche Städte übertragen – oder fehlen dafür die strukturellen Voraussetzungen? Auch die Frage nach dem Preis der allgegenwärtigen Überwachung bleibt unausgesprochen. Freiheit gegen Sicherheit – ein klassischer Zielkonflikt, den die Doku umschifft.
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Die Doku endet mit einem Aufruf zur Klarheit – und zur Verantwortung. „Wir alle sollten versuchen, bei den Fakten zu bleiben – und Klartext reden, auch wenn es wehtut“, sagt Hayali. Doch was tun wir dann jetzt? Diese Frage schwingt unbeantwortet mit. Das ist unbefriedigend, aber auch eine Stärke des Beitrags: Hayali bietet keine einfachen Lösungen. Sie zeigt, wie tief sich Unsicherheit in die Gesellschaft gefressen hat – und dass es nicht reicht, nur Polizeipräsenz oder neue Software wie Palantir zu fordern. Denn was fehlt, ist Vertrauen. Und das lässt sich nicht per Knopfdruck herstellen.





