„Ich kenne diesen Bericht nicht. Ich bin dazu nie befragt worden.“ Jens Spahn, früherer Gesundheitsminister und heute Fraktionschef der Union, sagt diesen Satz am Mittwochabend bei Markus Lanz mehrfach. Der Moderator kann es kaum glauben. Denn was der sogenannte Sudhof-Bericht enthüllt, ist brisant: Eigenmächtigkeit, Inkompetenz, Machtspielchen – und ein dreistelliger Millionenverlust für den Staat.

Spahn bei Lanz: Abrechnung mit dem Bericht, den er nicht kennt
Der bislang unter Verschluss gehaltene Bericht umfasst rund 170 Seiten und wirft Spahn unter anderem vor, in der Corona-Krise bewusst gegen den Rat seiner Fachabteilungen gehandelt zu haben. Statt – wie im Corona-Krisenstab beschlossen – die Maskenbeschaffung dem Innenministerium zu überlassen, soll Spahn selbst rangewollt haben. Ergebnis: ein „Wildwest-Markt“, wie er es heute selbst nennt.
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Die Sonderbeauftragte Margaretha Sudhof untersuchte die umstrittene Beschaffung von Corona-Schutzmasken durch die Bundesregierung. Massenhaft Masken mussten nach 2020 vernichtet werden, juristische Verfahren mit Anbietern laufen bis heute. „Ja, ich habe Fehler gemacht“, gibt Spahn zu.
Dennoch verteidigt er das Open-House-Verfahren, bei dem Anbieter pauschal 4,50 Euro pro Maske erhielten – obwohl die verantwortliche Fachabteilung nur 2,50 bis 2,90 Euro empfohlen hatte. „Wir waren in maximaler Not. Da muss man auch mal andere Wege gehen.“ Die Frage von taz-Journalistin Anna Lehmann bleibt bis zum Ende unbeantwortet im Raum: „Wieso haben Sie sich denn eigentlich über den Rat Ihrer Fachabteilung hinweggesetzt?“
Millionenverlust, Heimatbonus – und kein Zugang zum Bericht?
Auch Markus Lanz bleibt hartnäckig: „Warum kennt der zweitwichtigste Mann der CDU diesen Bericht nicht?“ Es gebe ja wohl Wege, da ranzukommen, merkt der Moderator an. Spahn kontert mit seinem Standard-Refrain: „Ich wünsche mir, dass er veröffentlicht wird – in einer rechtssicheren Form.“ Sonst habe man direkt den nächsten Skandal, wenn er ihn sich einfach so beschaffe. „Mein Gewissen ist rein. Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“
Doch der Bericht bleibt nicht bei überteuerten Masken stehen. Statt mit etablierten Logistikriesen wie DHL oder Schenker zu arbeiten, mit denen es bereits ein Konzept gab, entschied sich Spahn für das mittelständische Unternehmen aus der Nähe seines Wahlkreises.
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„Können Sie nachvollziehen, warum Leute das merkwürdig finden?“, fragt Lanz. Spahns Antwort: „Das Unternehmen Fiege war und ist führend in der Gesundheitslogistik.“ Man habe außerdem ein proaktives Hygienekonzept geliefert. DHL und Schenker seien später dazugekommen – „weil es zu viel war“, so Spahn.
Jens Spahn bei Markus Lanz: Immun gegen Kritik
Es folgt eine Aufzählung bekannter Namen, mit denen er gesprochen habe. Lehmann erinnert: „Sie haben das aber auch schon mal anders erzählt. Nämlich: In der Not geht man auf Leute zu, die man kennt.“ – „Ja genau, und diese Leute, die ich kenne, haben ein Konzept geschickt.“

Doch der Bericht zeichnet ein anderes Bild. Von „fehlendem ökonomischem Verständnis“ ist dort die Rede, von einem Minister, der interne Kritik nicht als Warnsignal begriff. Lanz wird nun deutlich: „Ich nehme Ihnen den Druck ab. Aber wenn man aufrichtig daran interessiert ist, das aufzuarbeiten, ist es unverständlich, dass Sie nicht mal wissen, was in dem Bericht drinsteht.“
Spahn verteidigt Israel – Völkerrecht in der Grauzone
Neben dem Maskendebakel geht es bei Lanz auch um Außenpolitik. Jens Spahn verteidigt Israels Angriff auf iranische Ziele mit dem Verweis auf deren Bedrohung durch Atomwaffen. „Muss man wirklich warten – oder darf man präventiv zuschlagen?“, fragt er. Anna Lehmann widerspricht: „Das Völkerrecht ist unsere letzte Instanz. Und dann stellt sich ein deutscher Bundeskanzler hin und sagt: Bravo, Israel macht die Drecksarbeit für uns.
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Das ist zynisch und eines Kanzlers nicht würdig.“ Gemeint ist Friedrich Merz, der sich nach dem israelischen Militärschlag so äußerte. Der Politologe Ali Fathollah-Nejad fordert, westliche Doppelstandards zu beenden: „Die Lösung ist, dass wir überall dieselben Prinzipien anwenden – auch gegenüber Israel.“
Spahn will führen – aber an der Vergangenheit klebt der Zweifel
Am Ende verfestigt sich der Eindruck: Spahn versucht, sich als pragmatischen Krisenmanager zu präsentieren – entschlossen, vorausschauend, durchsetzungsstark. Doch das Bild bekommt Risse. Viele Entscheidungen erscheinen im Rückblick nicht nachvollziehbar und damit scheint die Sendung symptomatisch für Spahns aktuelles politisches Dilemma: rhetorisch gewandt, strategisch aufgeladen, im Zweifel angriffslustig – aber ohne echte Reue. Der Satz „Ich hätte dieses Verfahren heute nicht mehr gemacht“ klingt mehr nach PR-Strategie als nach Einsicht.





