Der Satiriker Jan Böhmermann spricht von „rechtspopulistischem Quatsch“, der Verein Neue Deutsche Medienmacher ruft dazu auf, den Sendern BR und NDR Protestbriefe zu schicken und die „taz“ schreibt einen Verriss. Im linken bis sozialliberalen Lager schließt man aktuell die Reihen – und das alles wegen einer neuen ARD-Sendung, die am späten Abend im dritten Programm und in der Mediathek zu sehen war. Ein zumindest bemerkenswerter Vorfall, bei dem sich die Frage aufdrängt: Kann das, was Norddeutscher Rundfunk (NDR) und Bayerischer Rundfunk (BR) da präsentiert haben, wirklich so schlimm sein?

Mit „Klar“ arbeiten die beiden Sender gemeinsam an einem neuen Reportagemagazin. Die erste Folge drehte sich um das ebenso komplexe wie aufgeladene Thema Migration. Genauer: um die Probleme illegaler Migration nach Deutschland. Auch wenn diese Differenzierung in der rund 46 Minuten dauernden Sendung das ein oder andere Mal unter den Tisch fiel.

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Julia Ruhs und ein Rundumschlag gegen illegale Migration

Durch die Sendung führt die Journalistin Julia Ruhs, Reporterin beim BR und „Focus Online“-Kolumnistin. Ruhs hat sich in den vergangenen Jahren einen Ruf als junge, konservative Kommentatorin erarbeitet und im linken Lager schon des Öfteren für Verstimmungen gesorgt. Als Redaktionsleiter ist Thomas Berbner (NDR) verantwortlich, der bereits im vergangenen Jahr mit einem Rundumschlag gegen die Ampel-Koalition in den „Tagesthemen“ für Kritik sorgte.

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In der ersten Folge von „Klar“ steht Michael Kyrath im Fokus, dessen Tochter und ihr Freund im Januar 2023 in einem Regionalzug in Schleswig-Holstein von einem psychisch kranken Asylbewerber erstochen wurden. Außerdem kommt Harry Kimmich, Leiter des Vereins zu Wort, dessen Kindergruppe im Schöntalpark von einem Afghanen mit einem Küchenmesser angegriffen wurde. Die Worte der Hinterbliebenen sind ohne Zweifel berührend, ihre Trauer und Wut berechtigt und nachvollziehbar.

Neben den Szenen, in denen Kyrath begleitet wird, der sich seit dem Tod seiner Tochter für eine strengere Migrationspolitik einsetzt, beschreibt die Sendung ein Potpourri an Problemen, die mal mehr, mal weniger mit Migration zu tun haben. Antisemitismus bei Palästina-Protesten, Messerkriminalität und Sozialbetrug werden genannt und teils dramatisch bebildert. Wohl um den Vorwurf des Rassismus schon vorauseilend zu entkräften, werden auch türkischstämmige Migranten befragt – die sich aber auch überwiegend negativ zu Migration äußern.

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„Klar“: Verantwortliche von NDR und WDR sollten Kritik ernstnehmen

Nun muss man an dieser Stelle erwähnen: Zuwanderung in großem Stil ist eine gewaltige Herausforderung für ein Land – und sie bringt mitunter Probleme mit sich. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen Problemen fängt aber bereits bei der Analyse von Fluchtursachen an, nimmt Faktoren wie Armut, Traumata und Gewalterfahrungen, das Völkerrecht und internationale Interessen in den Blick. Und ja, dabei sollte nicht verschwiegen werden, dass manche Migranten bereits mit antisemitischen oder illiberalen Ansichten nach Deutschland kommen. Allerdings gilt auch hier zu differenzieren, denn auch im Land können sich Menschen radikalisieren. Nur Populisten behaupten, dass sich alle Probleme mit einer härteren Migrationspolitik lösen würden, ohne zu beschreiben, worin diese eigentlich besteht oder welche neuen Probleme sie zur Folge hätte.

Insofern haben sich die Macher von „Klar“ die erwartbare Kritik und den Populismus-Vorwurf aus dem linken Lager leider selbst zuzuschreiben. Denn weder über die Ursachen, noch über Lösungen der auch negativen Folgen von Migration – sei sie illegal oder legal – erfährt man etwas in „Klar“. Dieser Mangel an Analyse ist eklatant. Julia Ruhs und die Redaktion nutzen das neue Format vor allem dafür, Frust zu kanalisieren. Dabei übersehen oder nehmen sie bewusst in Kauf, dass die Sendung am Ende einseitig bleibt.

Zwei weitere Ausgaben sind derzeit noch in Planung. Die Arbeitstitel „Bauern“ (21. Mai) und „Wirtschaft“ (11. Juni) lassen zumindest die Gefahr erahnen, dass auch hier große Themen in einem emotionalen Rundumschlag allenfalls umrissen werden. Die Autoren wären gut beraten, die Kritik an der ersten Ausgabe ernst zu nehmen und Differenzierungen zuzulassen.

Die erste Folge von „Klar“ mit Julia Ruhs ist in der ARD-Mediathek noch bis zum 9.4.2027 zu sehen.