Minimalistische Beats gehören zum Markenzeichen der Gebrüder Kalkbrenner. Das mag man langweilig finden, wie es der „Rolling Stone“ in einer Besprechung getan hat. Aber ein Gespür für Melodien wird man ihnen nicht absprechen können. Aufgewachsen sind sie in Friedrichshain. Über den Film „Berlin Calling“ ist vor allem Paul Kalkbrenner bekannt geworden, die Hymne „Sky and Sand“ produzierte er zusammen mit Fritz Kalkbrenner, 33. Dieser hat nun ein neues Album herausgebracht. „Ways Over Water“ heißt es, und wird es an zwei Tagen am Ende des Monats in Berlin vorstellen.

Berliner Morgenpost: Herr Kalkbrenner, Ihr älterer Bruder Paul ist einer der gefragtesten DJs Deutschlands, Sie selbst sind erfolgreicher Sänger und Produzent. Was haben Ihre Eltern falsch gemacht?

Fritz Kalkbrenner: Das fragen die sich auch. Am Anfang waren sie ein bisschen sauer, weil das ja doch eine sehr fragile, unsichere Arbeit ist. Schließlich steht es in den Sternen, ob man jemals Erfolg haben wird. Sie hatten schon eher konservative Ansichten, was das Berufliche angeht. Glücklicherweise haben sich die Bedenken gelegt. Erfolg macht Eltern glücklich und es ihnen leichter, diesen Weg zu akzeptieren.

Ihre Eltern sind beide Journalisten. Auch Sie hatten als Kulturjournalist für TV-Sender gearbeitet, bevor Sie Musiker wurden. Ein ungewöhnlicher Berufsweg?

Gar nicht so sehr. Beides sind freie Berufe, und so konnte ich sanft herüberwechseln. So artfremd ist das gar nicht, Musiker und Kulturjournalist, das schlägt schon in die gleiche Kerbe. Seit ich 17 war, habe ich Musik gemacht. Das wurde größer und größer, ich war Gastsänger auf zahlreichen Alben und habe jetzt, glaube ich, seit 2004 keinen Beitrag mehr gedreht. Der Zug ist wohl abgefahren, ich wäre jetzt als TV-Journalist gar nicht mehr auf dem aktuellen technischen Stand.

Sie haben mit Paul den Soundtrack für den Film „Berlin Calling“ aufgenommen. Seitdem macht aber jeder sein eigenes Ding?

Stimmt, früher haben wir uns mehr ausgetauscht. Wir müssen ja auch nicht auf der Bruderwelle reiten, wir kommen beide gut klar. Keiner muss den anderen stützen, und so ein gemeinsames Album wäre jetzt im Moment ein komischer Schritt.

Stand für Sie immer fest, dass Sie nicht nur produzieren, sondern auch selbst singen wollten?

Ja, schon. Ich bin über den Gesang überhaupt erst zur Musik gekommen. Als Jugendlicher liebte ich die Stimmen der großen Soulsänger wie Al Green oder Marvin Gaye. Diese Sänger beeindrucken mich bis heute, sie werden immer Vorbilder bleiben.

„Ways Over Water“ ist im Herzen auch eine Soul-Platte?

Die einen sagen so, die anderen so. Das ist schwer zu fassen. Die harte Techno-Fraktion würde bestimmt sagen, dass es sehr weit weg ist von dem, was sie macht. Gestandene Soul-Musiker würden wiederum von der Hand weisen, dass es Soul ist. Für die ist es doch recht House-lastig.

Wo stehen Sie selbst?

Mir fehlt der Wille, meine Musik zu definieren oder aufzudröseln. Meine Einflüsse sind ein Sammelsurium, das kommt von rechts, von links, von allen Seiten. Bei der Arbeit an diesem Album habe ich es zwischendurch zu bunt getrieben. Mit Flügelhorn und Klarinette wurde das dann alles ein bisschen zu verkünstelt. Ich sah die Gefahr, dass ich unter dem Bombast zusammenbreche, und habe ein paar Arrangements zurückgeschraubt.

In Amerika wäre Ihre Musik einfach EDM, also Electronic Dance Music.

Ich weiß. Ich werde fast in jedem Land anders wahrgenommen. In Deutschland gelte ich als Crossover-Produkt, da spiele ich bei Festivals wie „Rock am Ring“. In England oder auch in Spanien werde ich eher für die reinen Techno-Festivals gebucht. Und Amerika ist dann noch mal eine andere Kiste. Dieses vereinfachende EDM-Label öffnet den Markt und bringt neue Leute dazu, sich mit elektronischer Musik auseinanderzusetzen. Ich verteufele das nicht, auch wenn ich ganz anders sozialisiert wurde.

Wie denn?

Ich bin 1981 in Ost-Berlin geboren. Für mich als Einheimischen hat die Trennung in West und Ost noch lange nachgewirkt, das ist so richtig erst Mitte, Ende der 90er-Jahre zusammengewachsen. Ich bin dann recht früh mit Techno in Berührung gekommen und habe das geliebt. Ich bin über die Klubs sozialisiert worden. Ich mochte die Energie, und ich mochte das Körperliche im Klub.

Spielen Ost und West noch eine Rolle?

Objektiv betrachtet nicht. Aber für mich wäre es eher unwahrscheinlich, dass ich nach West-Berlin ziehe.

Hat sich Ihr Ausgehverhalten geändert, seit Sie Erfolg als Musiker haben?

Massiv. Alle Jubeljahre gehe ich vielleicht mal weg, und dann am liebsten ins Watergate. Auch wenn ich das alles freiwillig und mit Freude mache, ist mein Leben ziemlich zehrend. Wenn das Hobby zum Beruf wird, müssen sich die Prioritäten verschieben, sonst kippt man irgendwann um.

Ist das überhaupt noch Jugendkultur, was Sie machen?

Jein. Die Bandbreite wird größer, auch altersmäßig. Ein David Guetta zum Beispiel ist 46. Neue Musiker wachsen nach, und die alten steigen nicht aus, weil es einfach zu gut läuft. Warum auch nicht? Das Alter ist echt egal. Ein 20-Jähriger, der elektronische Musik mag, kann mit einem 40-Jährigen aus der Szene mehr anfangen als zum Beispiel mit einem gleichaltrigen Grunge-Fan.

Ist Berlin noch die heißeste Partystadt Europas?

Ist mir total wurscht. Von mir aus können die Partytouristen alle weiter wandern, wenn sie wollen. Wollen sie aber nicht. Es gibt kaum Städte auf der Welt, die in punkto Klubdichte und Partykonzentration mit Berlin mithalten können. Also ist kein Ende in Sicht.

Fritz Kalkbrenner: Ways Over Water Tour in der C-Halle, Columbiadamm 13-21, 30.1. und 31.1.