In einem aktuellen Facebook-Video aus dem Fitnessraum drischt Peter Hook mit einer Wut auf den Punchingball ein, die man eher aus den rustikaleren Szenen Martin Scorseses oder Quentin Tarantinos kennt. Der Mann hat sichtlich noch einige offene Rechnungen. Auf dem Papier waren er und seine Ex-Bands Joy Division und New Order einmal Millionäre. Das Geld aber - so die Legende - versenkten ihre Geschäftspartner in der gemeinsamen, weltweit besten, aber leider komplett defizitären Diskothek „Hacienda“.

Seit 2007 ist der 58-jährige Bassist aus Manchester solo, den Kontakt zu den einstigen Kollegen, besonders Schulkamerad, Frontmann und Co-Komponist Bernard Sumner überläßt er seinen Juristen. Die Musik aber spielt er immer noch: am Sonnabend im Friedrichshainer K17. Patrick Goldstein sprach während einer Probenpause mit ihm.

Berliner Morgenpost Mr. Hook, auf Ihrer Tour haben Sie und ihre Band The Light die New Order Alben „Low-Life“ und „Brotherhood“ im Programm. Zwei große Erfolge von 1985 und ’86. Wird man da ein bisschen melancholisch?

Peter Hook Das ist zunächst mal ein Haufen Stücke, die man da plötzlich drauf haben muss. Wenn ich nachts daran denke, kriege ich eine Todesangst. Bei New Order haben wir komplizierte Songs einfach aus dem Programm gekickt. Das geht jetzt nicht. Jetzt muss ich das knallhart einpauken. Aber es hat tatsächlich viele Erinnerungen an bessere Zeiten mit New Order zurück gebracht.

Bevor Sie sich Joy Division nannten, aus denen nach dem Suizid von Sänger Ian Curtis und dem Zugang von Keyboarderin Gillian Gilbert New Order wurde, wollten Sie sich „Berlin“ nennen? Wie kam denn das?

(lacht) Wir hatten den Film „Cabaret“ gesehen. Der Glamour gefiel uns, die Stadt schien so wunderbar romantisch, so dekadent, andererseits so geprägt von der Tragödie des Ersten Weltkriegs. Und dann war da noch „Low“, Bowies Album, das man immer mit Berlin verbindet. Am Ende ließen wir es aber, weil es schon eine Gruppe mit diesem Namen gab.

Im Gegensatz zu heutigen PR-Großangriffen für größere Acts hüllten sich New Order bei den Veröffentlichungen ihrer Platten immer in Schweigen.

Sie dürfen nicht vergessen, dass sich Ian Curtis erhängt hatte. Unser Manager sagte uns danach: „Ihr sagt jetzt öffentlich einfach mal gar nichts mehr.“ Promo-Termine mit uns setzte er gar nicht erst an.

Stattdessen veröffentlichten Sie ständig Musik.

Wir lebten in dieser Blase, unbehelligt von der Welt da draußen und schrieben einen Song nach dem anderen. Und die Strategie ging auf: Wenn Sie sich heute „Low-Life“ und „Brotherhood“ anhören: Da ist nicht ein schlechter Titel drauf.

„Brotherhood“ gilt als eine sehr von Ihnen geprägte Platte.

Bernard und ich hatten davor eine gewaltige Meinungsverschiedenheit. Er wollte eine vollständig elektronische Platte. Aber New Order komponierten das meiste noch für akustische Instrumente. Wenn Sie einen Titel wie „Perfect Kiss“ nehmen…

…die Nummer eins in den englischen Indie-Charts vom Sommer 1985…

....das hat sechs Monate gedauert zu programmieren. Jetzt gibt Bernard in seiner neuen Autobiografie sogar zu, wie schwierig es für drei Leute sein kann, einfach nur dazusitzen, während einer von ihnen wie besessen irgendwie herumprogrammiert.

Am Ende haben Sie die gitarrengetriebenen Titel auf eine Seite getan, die Elektronik-Nummern auf die andere. Zu den Texten der Band hat Neil Tennant von den Pet Shop Boys einmal gesagt, da käme immer eine Zerrissenheit zum Ausdruck: einerseits grenzenloser Hedonismus, andererseits das Bewusstsein, dass man sich als gesittete Familienmenschen, die New Order zunehmend wurden, ja eigentlich etwas anders aufführen müsste.

Recht hat er. Das war bei diesen Alben besonders auffällig, weil Bernard und ich die Texte gemeinsam schrieben. Bei den Proben ist mir jetzt aufgefallen, dass einige Titel zum Beispiel schwer von unserem damaligen Nachtleben geprägt waren. Wir gingen oft in diesem Londoner Bondage-Club „Skin Two“. Was da an S&M abging, diese neue Obsession von uns, floss direkt in die Texte ein, etwa von „Sub-Culture“.

Und heute verbindet Sie mit den drei Band-Mitgliedern gar nichts mehr?

Wissen Sie, ich stecke im Moment in einem großen Rechtsstreit um den Bandnamen.

Sie verklagen den Rest der Band wegen der Nutzung des Namens?

Genau. Und diese Rechtsstreitigkeiten haben lange mein Gesamtbild von New Order verdüstert. Das lichtet sich aber jetzt ein bisschen durch die Proben und die zurück kehrenden Erinnerungen. Wir mögen uns derzeit herumstreiten wie verzogene Kinder. Aber es gab auch eine Zeit, in der wir ganz gute Musik zusammen gemacht haben. Das jetzt wieder zu merken, macht mich ziemlich glücklich.

Bernard Sumner hat dieser Tage eine Bandbiografie veröffentlicht.

Da stehen ganz unmögliche Sachen über mich drin. Lachhaft. Aber ich glaube, dass er mit dem Buch vor allem rechtfertigen will, dass er New Order wieder vereinigt hat. Mir hat er in dieser Story eben die Rolle des Schurken zugeschrieben.

Wie es zu Ihrem Bruch mit New Order kam, ist ja bis heute nicht so recht geklärt.

Ich hatte die Nase voll von Bernard: wie er mit der Band umging, mit dem Publikum und mit den Songs. Die Band war am Ende, also habe ich Schluss gemacht.

Und er gründete seine neue Band „Bad Lieutenant“.

Die hätte er auch gern fortgeführt. Leider hatte er wenig Erfolg. Hätte das mit Bad Lieutenant geklappt, hätte es keine New Order Reunion gegeben.

Inzwischen hat er mit der neuen New-Order-Besetzung einen Album-Vertrag unterschrieben. Nun also die obligatorische Frage, …

…kein Problem, ich bin darauf vorbereitet…

...werden Sie jemals wieder mit New Order arbeiten?

Mit Leuten, die sich so verhalten wie die, bestimmt nicht. Die Band hat sich wiedervereinigt, als ich gerade im Ausland war, ganz ohne mich einzuweihen. Dann haben sie sich die Namensrechte organisiert und mich mit einem miesen Deal abgespeist.

Bernard Sumner nennt Sie einen „sehr wütenden Mann“. Ihren Alkoholismus aber haben Sie in den Griff bekommen. Seit zehn Jahren trinken Sie nicht mehr. Wie schafft man sowas?

2004 war ich absolut am Boden. Ich war unglücklich mit New Order, ich habe meine Mitmusiker verärgert, meine Frau, meine Familie. Mein Suchtberater sagte zu mir: Mensch Peter, du magst Dich ja nicht mal selbst, wenn Du betrunken bist. Du musst lernen, dich wieder zu mögen.

Wenige Jahre später haben Sie bei New Order gekündigt.

Ein Freund hatte mich schon gewarnt: Mach’ dich auf einiges gefasst, wenn du aufhörst zu trinken. Nüchternheit bringt erschreckende Klarheit über einige Dinge. Und wirklich: Als ich eine Weile vollständig abstinent gelebt hatte, merkte ich: Mein Bandkollege Bernard war ein Vollidiot.

Sie und Sumner sind die Mick und Keith für die 80er-Jahre-Generation. Hätten Sie nicht auch gern so ein Arbeitsverhältnis, bei dem man sich nicht besonders leiden kann, aber bei jeder Zusammenarbeit mühelos Lastwagen voll Geld verdient?

(lacht) Eine Zeit lang lief es ja auch so. Aber selbst ich habe ihm angemerkt, dass er sich nicht wohl fühlte bei New Order, dass er nicht gern auftrat, nicht gern tourte und uns allen einfach schlechte Laune machte. Früher konnte ich mich da noch besinnungslos trinken. Aber wenn man abstinent lebt, fällt diese Option fort.

Es gibt nun noch ein paar New Order Platten, die Sie mit The Light noch nicht gespielt haben.

Mein Plan ist, bevor ich sterbe jeden Song aufzuführen, den ich je geschrieben und aufgenommen habe.

Ihr jüngster Erinnerungsband „Unknown Pleasures“ über die Jahre bei Joy Division spielt in den 70er-Jahren. Sie erzählen da immer wieder von einer nordenglischen Jugend, die sich jedes Wochenende zulaufen lässt und dann zielstrebig die nächstbeste Schlägerei ansteuert.

Wenn Engländer trinken, kann es eben zu Problemen kommen.

Bei so viel Unzufriedenheit und Aggression hätte es am Ende der 70er-Jahre da doch eher zum Aufstand der jungen Unterschicht statt zur Wahl Margaret Thatchers kommen müssen.

Engländer kanalisieren diese Aggression leider anders. Wenn Sie sich die Londoner Ausschreitungen von 2011 ansehen…

…die Polizei hatte einen Tatverdächtigen erschossen und in Folge der Demonstrationen sahen Teile der Stadt bald aus wie eine Bürgerkriegszone…

…da ging es in erster Linie nicht um Politik und die große Revolution, sondern um Vandalismus, Plünderung und darum, wer sich den größten Flachbildschirm-Fernseher schnappt.

Arbeiterklasse, feiern, ein bisschen Melancholie, ein bisschen Exzess: Ihre Bands stehen immer für diese Seite der britischen Seele. Es gibt kaum eine Band, um die so viele Dokumentationen und Spielfilme entstanden sind wie um Joy Division, New Order und ihr Label Factory Records.

Bei uns kommen eben viele Themen zusammen: Joy Division ging es nicht ums Geld. Wir begannen als sehr normale Gruppe, die sehr anormal wurde. Der tragische Suizid von Ian gab dem Ganzen eine mythische Note. Unsere Plattenfirma Factory war ein Sonderfall. Unser Club „Hacienda“ ebenso. Acid House- und die Madchester-Welle spielen in unserer Geschichte auch eine große Rolle.

Und wie weit sind Sie selbst mit der Autobiografie über die New-Order-Jahre?

Die Erinnerungen an das erste Jahr der Band sind fertig geschrieben. Jetzt habe ich noch 25 Jahre vor mir (lacht).

Mr. Hook, vielen Dank für das Gespräch.

Peter Hook & The Light, K17 Pettenkoferstraße 17a, Friedrichshain, Tel. 42 08 93 00, 20 Uhr, Karten kosten 29 Euro