Film

Einer allein gegen eine Sportlobby: „Erschütternde Wahrheit“

Will Smith deckt die tödlichen Risiken von Football auf. Das dankt ihm aber keiner. Stattdessen wird er als Voodoo-Arzt diffamiert.

Wird diskreditiert und als Voodoo-Arzt diffamiert: der Pathologe Bennet Omalu (Will Smith)

Wird diskreditiert und als Voodoo-Arzt diffamiert: der Pathologe Bennet Omalu (Will Smith)

Foto: Sony / BM

Sport ist Mord. Wer den alten Spruch von Winston Churchill schon immer für richtig hielt, für den ist dies genau der richtige Film. Wer Sport liebt, insbesondere Football, die amerikanischste aller Sportarten, der muss jetzt ganz stark sein.

Denn „Erschütternde Wahrheit“ deckt auf, dass Churchills Spruch doch mehr ist als nur ein Bonmot. Und der, der uns darüber aufklärt, wie lebensgefährlich dieser Sport wirklich ist, ist kein sauertöpfischer Intellektueller, sondern ein agiler Star des Actionkinos – Will Smith.

Ein schrulliger Pathologe

Er muss dafür erst mal etliche Schrulligkeiten an den Tag legen, die ihn in die Kategorie versponnener Wissenschaftler stellen. Smiths Figur Bennet Omalu, ein Pathologe in Pittsburgh, spricht mit seinen Toten, bittet sie, sich ihm zu öffnen, bevor er das Seziermesser ansetzt. Mit den Lebenden funktioniert die Kommunikation eher weniger, was an seinem Akzent, aber auch an seiner bei aller Kompetenz immer durchscheinenden Überheblichkheit liegt.

Eines Tages liegt auf der Bahre des Gerichtsmediziners ein ehemals gefeierter Footballstar (David Morse), der am Ende obdachlos und offensichtlich nicht mehr bei Sinnen war. Sein Arzt (Alec Baldwin) kann sich keinen Reim darauf machen. Ein Fall für Dr. Omalu, der schließlich einen klaren Zusammenhang erkennt zwischen all den Karambolagen, die speziell diese Sportler auf dem Spielfeld erleben, und dem wirren Geisteszustand des Verstorbenen.

Weil die Tausende von Erschütterungen Killerproteine freisetzen, die den Verstand von innen auslöschen. Anschaulich hält der Mann in Weiß eine halbvolle Wasserflasche in die Kamera mit irgendwas drin, das klackert, wenn er sie schüttelt. Seine Diagnose: „Gott hat nicht vorgesehen, dass wir Football spielen.“ Er tauft das Krankheitsbild CTE, schreibt darüber einen Fachartikel und glaubt, der Welt einen Gefallen getan zu haben.

Aber das ist der Moment, wo die National Football League, kurz NFL, einschreitet. Immerhin geht es um den Nationalsport und eine ganze Wirtschaftsbranche, die daran hängt. Und statt um ihre Stars besorgt zu sein – es gibt gleich mehrere Fälle, die Omalus These unterstreichen -, versucht die allmächtige Sportlobby nun alles, um den Forscher zu diskreditieren. Und greift ihn vor allem als Amerikaner an: weil er aus Nigeria kommt und „nur“ eine Greencard hat, wird er als „Voodoo-Arzt“ diffamiert. Ein Kampf von XS-David gegen XXL-Goliath.

Das ist auch der Moment, in der der durchaus ambitionierte Film von Peter Landesman in eine merkwürdige Schräglage kommt. Schon in seinem Filmdebüt „Parkland – Das Attentat auf John F. Kennedy“ hat der Regisseur und Drehbuchautor den Finger in eine nationale Wunde gelegt.

Das tut er hier erneut, und sein Engagement ist ganz aufrichtig, das Sachbuch „Game Brain“ von Jeanne Marie Laskas adäquat zu verfilmen und so geschickt mit wissenschaftlichen Fakten zu unterfüttern, dass auch ein Otto Normalzuschauer das dennoch verstehen kann.

Entzauberung von Vorzeige-Idolen

Das Thema über die Langzeitwirkungen dieses Sports auf seine Stars wird in den USA seit einigen Jahren diskutiert, und der Kinostart dieses Film hat diese Diskussion folgerichtig noch einmal kräftig angeheizt.

Aber da es um die Entzauberung von Nationsport, Vorzeige-Idolen und damit ur-amerikanische Werte geht, betont Landesman nun, quasi um den Gegner mit den eigenen Waffen zu bekämpfen wie amerikanisch seine Hauptfigur ist: ein aufrichtiger Held, der für das Richtige kämpft, auch wenn er und sein ganzes Umfeld dafür diffamiert und dann sogar ruiniert werden.

Grandios gespielt von Will Smith

Landesmans größter Trumpf ist dabei sein Hauptdarsteller. Und es ist grandios, wie der sonst so agile Will Smith sich in diesen sperrigen Doktor verwandelt, sicher seine größte schauspielerische Leistung seit „Ali“. Aber in dem Bemühen, eine Identifikationsfigur zu schaffen, bleibt Landesman zu sehr an dieser Figur, statt ins Allgemeine des Sportskandals zu gehen.

Und in dem Beschwören amerikanischer Werte und hehrer Ideale bleibt der Film dann letztlich doch zu brav und zu konventionell, um die berechtige Wut und Empörung über diese wahre Geschichte anzufachen.