Öde Plattenbauten. Müll und leere Flaschen. Verwaiste, ausgebrannte Trabis. Nichts tut sich hier, alles steht still, alles verfällt. Dazwischen ein Barkas-Bus voller Jugendlicher. Sie haben keinen Platz sonst, haben keinen, der sich für sie interessiert. Die Spannungen und Aggressionen, die sich in ihnen aufstauen, lassen sie erst mal an sich selber aus. Noch. Denn nur wenige Meter weiter sammeln sich immer mehr Erwachsene, die gegen die Asylanten vor Ort protestieren. Und sich offen gegen die Behörden stellen. Die stehen da, campieren teils sogar mit Bierkisten. Und warten, dass etwas passiert.
Der Film „Wir sind jung. Wir sind stark“, der am Dienstag Berlin-Premiere hatte und am Donnerstag in die Kinos kommt, wirft einen mitten hinein in jene Augusttage 1992 in Rostock-Lichtenhagen, die sich in die jüngere deutsche Geschichte eingebrannt haben als einer der schlimmsten Krawalle gegen Ausländer. Lichtenhagen steht in einem Atemzug mit Mölln, Solingen, Hoyerswerda. Bis dahin glaubte man, Rechtsradikalismus sei ein marginales Problem in Deutschland. Seither weiß man es besser. Aber noch immer werden diese Übergriffe gern verdrängt.
Gezielte Provokation
Dagegen kämpft nun dieser Film an. Und mit Wucht. Denn seine größte Provokation ist die, dass man überwiegend bei den Tätern steht. Regisseur Burhan Qurbani und sein Koautor Martin Behnke erzählen drei Episoden. Erzählen auch von einem Lokalpolitiker, der machtlos ist angesichts der Eskalation. Und von einer Vietnamesin, die glaubt, es ginge nur gegen die „Zigeuner“ aus dem Nachbarhaus, nicht gegen sie, die seit Jahren hier arbeitet. Aber vor allem verbringen wir diesen einen Tag und diese eine Nacht mit den Jugendlichen. Die keine Neonazis sind. Nur Jungs, um die sich keiner kümmert. Die ein Ventil suchen und finden.
Dabei macht es sich der Film nicht leicht. Ja, es gibt einen verhaltensauffälligen Jungen. Und ja, es gibt auch einen Neonazi, der den anderen vorgröhlt, dass Deutschland ab morgen ausländerfrei sei. Aber es geht hier nicht um Führer- und Verführerfiguren, es geht auch nicht um einfache Erklärmuster und Schuldzuweisungen. „Wir sind jung“ zeichnet ein sehr präzises Bild dieser Zeit, in der die erste Wiedervereinigungseuphorie ermattet ist, in der viele sich als Verlierer der Geschichte begreifen. Und in der die Erwachsenen so mit sich selbst beschäftigt sind, dass sie sich nicht auch noch um ihre Kinder kümmern können.
Sensorischer Schock
Und so steht im Mittelpunkt eben der eher schüchterne Stefan (Jonas Nay), der eigentlich aus gutbürgerlichem Hause stammt, dessen Vater (Devid Striesow) Politiker ist. Und der doch zum Mitläufer wird und am Ende den ersten Molotowcocktail wirft. Diese Eskalation der Gewalt, sie zeigt sich nicht nur in dem zunehmend bebenden Gesicht dieses eher stummen Stefan. Sie zeigt sich auch in der souveränen Bildsprache: „Wir sind jung. Wir sind stark“ wurde in Schwarzweiß gedreht. Das schafft Abstand, historische Distanz. Doch ganz am Ende, wenn die Gewalt eskaliert, drehen die Filmemacher auf, dann wird es plötzlich farbig, was wie ein sensorischer Schock wirkt, fährt die Leinwand in die Breite und statt des einfachen Stereotons wummert es plötzlich in Dolby Surround.
Regisseur Burhan Qurbani war 1992 noch keine zwölf Jahre alt. Und doch haben ihn, Sohn afghanischer Flüchtlinge, der in Erkelenz bei Köln geboren ist, diese Ereignisse nachhaltig beschäftigt – und verunsichert. „Man hat ja schon Naziaufläufe, Glatzen und Bomberjacken gesehen“, erinnert sich der der 34-Jährige, „aber das Erschreckende an Rostock war, dass die Menschen, die hier auf den Straßen waren, ganz normal aussahen. Plötzlich warfen Leute, die aussahen wie meine Nachbarn, Steine auf Leute, die aussahen wie ich.“
Erschreckend aktuell
Qurbani brauchte lange, bis er das begriffen hatte. Und deshalb machte er sich an die Aufarbeitung dieses 25. Augusts, als der Mob sich vor dem sogenannten Sonnenblumenhaus versammelte und Randalierer vor laufenden Fernsehkameras und unter dem Applaus der Umstehenden das Haus stürmten. Es ist eine dieser Merkwürdigkeiten, dass gestandene Filmemacher solche Reizthemen eher meiden, sich aber gerade junge, vielversprechende Nachwuchsregisseure damit auseinandersetzen wie zuletzt David Wnendt mit dem Neonazi-Schocker „Kriegerin“.
„Wir sind jung. Wir sind stark“ ist ein starker, ein wuchtiger Film gegen das Vergessen. Und er ist von erschreckender Aktualität. Als Qurbani seinen Film konzipierte, wusste man noch nichts von der NSU. Als der Film fertig wurde, wusste man noch nichts von Pegida. Jetzt aber, zum Kinostart, wirkt er wie der Film zur Stunde. Denn auch damals in Rostock haben schon viele das einstige Motto der aufbegehrenden DDR-Bürger ins Gegenteil pervertiert, als sie „Wir sind das Volk“ skandierten.
Heimatfilm der anderen Art
Qurbani kennt das schon. Sein Filmerstling „Shahada“ handelte von Muslimen in Deutschland und kam just zum Höhepunkt der Sarrazin-Debatte ins Kino. Nun legt er wieder den Finger in eine offene Wunde. „Ich wünschte“, sagt der Berliner Regisseur, „mein Film wäre weniger aktuell. Weil mir die momentane Lage Angst macht.“
Einen „Heimatfilm“ nennt er sein Werk. Natürlich nicht im herkömmlichen Sinne, nicht mit Förster und holder Maid. Aber im wörtlichen Sinn. Denn darum ging es damals in Rostock: um die fehlende Heimat, die Orientierungs- und Perspektivlosigkeit, der Verfall alter Werte. Auch in „Shahada“ ging es um Heimat, Ich-Findung und Ich-Werdung. Das sind die Themen, die Qurbani umtreiben.
Wie deutsch fühlt er sich denn, als Sohn afghanischer Eltern, heute? „Ich würde das als Hybrid-Identität bezeichnen“, sagt er. „Momentan fühle ich mich wieder mehr als Ausländer wie seit langer langer Zeit. Darüber bin ich sehr wütend.“ Vielleicht ist es aber gerade diese Hybrid-Identität, die den fremden Blick auf das scheinbar Vertraute, der die eigentliche Wucht dieses Filmes ausmacht, so geschärft hat.





