Günther Jauch

Vom Versagen der Franzosen will der Minister nichts hören

Die Anschläge von Paris waren das Thema bei Günther Jauch. Hätten sie verhindert werden können? Darüber wollte der Innenminister partout nicht reden. Ein anderes Thema blieb drastisch unterbelichtet.

Von Felix Müller

Mit den millionenfach besuchten Demonstrationen in Paris und anderen Städten inner- und außerhalb Frankreichs hat sich die Schockstarre endgültig gelöst, die auf die Anschläge in Frankreichs Hauptstadt gefolgt war. Es beginnt das Gespräch über die Lehren und Konsequenzen, die aus dem terroristischen Anschlag und der Geiselnahme zu ziehen sind. Man kann sie vielleicht in drei Fragen zusammenfassen: Wie sicher sind wir? Hat die Meinungsfreiheit Schaden gelitten? Und wie eng liegen Islam und Islamismus beieinander?

Es lag vielleicht an der Zusammensetzung der Gästeliste, dass die Sicherheitsdebatte bei Günther Jauch einen hohen Stellenwert erhielt. Mit Innenminister Thomas de Maizière war der ranghöchste Fachmann für alle damit zusammenhängenden Fragen anwesend. Was er zum Thema zu sagen hatte, ging allerdings nicht darüber hinaus, was er bereits in ungezählten Interviews vermerkt hat: dass es bei allem Bemühen um Terrorprävention in Deutschland eine absolute Sicherheit vor terroristischen Anschlägen nicht geben kann und dass es eigentlich als Glücksfall zu werten ist, dass es einen solchen in den letzten Jahren auf deutschem Boden nicht gegeben hat.

Trägt Snowden die Schuld?

So ist es eben in offenen Gesellschaften, die Wert auf Freiheit legen: Eine misstrauische Totalüberwachung ihrer Bürger ist ihnen allzu wesensfremd. Jauchs launigen Einwurf, ob denn NSA-Whistleblower Edward Snowden möglicherweise Mitschuld an solchen unentdeckten Attentätern trage, fegte de Maizière denn auch kurz und bündig mit „völlig absurd“ aus der Diskussion. Nichts hören wollte er ebenfalls von der Kritik des Journalisten Ulrich Wickert, der lange Jahre für die ARD Korrespondent in Paris war: dass man, bedenkt man Vorgeschichte und Aktenprominenz der Attentäter, doch von einem Versagen der französischen Sicherheitsbehörden sprechen müsse. Dem Innenminister schien diese Form der Kritik mir wenige Tage nach dem Attentat unpassend und selbstgerecht.

Blieb die Frage Nummer 2: Ob die Meinungsfreiheit Schaden genommen hat. Hier geriet sich Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des Verlagshauses Axel Springer, ein wenig mit der Reporterin Souad Mekhennet in die Haare. Döpfner verlieh seiner Sorge Ausdruck, Attentate wie dieses könnten nun dazu führen, dass Journalisten der berühmten Schere im Kopf häufiger nachgeben würden - sich also vorauseilend verängstigt zeigen würden vor den möglichen Konsequenzen ihrer Berichterstattung. Souad Mekhennet dageben widersprach der Annahme, es habe einen Anschlag auf die Meinungsfreiheit gegeben. Ihrer Erfahrung zufolge seien solche Eruptionen von Gewalt eher ein Ergebnis der subjektiven Wahrnehmung, dass es einen Mangel an Meinungsfreiheit gebe - und dass der islamkritischen Berichterstattung ein ungehörig großer Raum eingeräumt werde.

Der Stil der Karikaturen

Mekkhenet fiel in der Runde die etwas undankbare Aufgabe zu, mögliche Motive der Attentäter zu beleuchten. Undankbar deshalb, weil natürlich jede Rationalisierung ihrer Beweggründe gleich unter Verdacht steht, so etwas wie eine verkappte Rechtfertigung zu sein. Immerhin konnte sie so darauf aufmerksam machen, dass sich auch nicht gewaltbereite Moslems von so mancher Karikatur persönlich gekränkt fühlen – und erzählen, dass sich manche ihrer jüdischen Gesprächspartner vom Stil der „Charlie Hebdo“-Karikaturen an die antisemitische Propaganda der Nazis erinnert gefühlt haben. Dass dies nichts entschuldigen, vergessen machen oder legitimieren kann, stellte sie gleich mehrfach klar.

Blieb am Ende die Frage nach dem Islam und seiner Beziehung zum Islamismus. Es war sehr bedauerlich, dass Jauch hierfür nur ein paar Minuten übrig hatte, in denen der wie immer klug abwägende Thomas de Maizière auf den friedliebenden Grundzug der islamischen Religion verweisen konnte. Da war es um die Sendezeit auch schon geschehen. Der Zuschauer aber dachte an die Debatte rund um die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes, an die Pegida-Bewegung und all die Diskussionen, die sie ausgelöst hatte – und dachte: schade.