Der Western ist wohl das männlichste aller Filmgenres. Hier darf der Mann noch Mann sein. Zumindest draußen, wenn der Lonesome Cowboy mit seinem einzigen Freund, dem Pferd, in die Prärie reitet.
Die Frau verkörpert dagegen all das, was die Freiheit des Mannes beschneidet: die Ehe, die Stadt, die Zivilisation. Es gibt in der Filmgeschichte ein paar honorige Ausnahmen. Aber viele sind es nicht. Und entweder schießen sich die Frauen da gegenseitig nieder wie im Klassiker „Johnny Guitar – Wenn Frauen zu sehr hassen“ oder sie flüchten vor den Männern wie „Bad Girls“, werden also von diesen gezwungen, genauso zu sein wie sie.
Für den Western nicht geschaffen
Nun hat sich in den letzten Jahren ein kleiner Trend entwickelt, der den Mann selbst im letzten aller männlichen Genres nicht mehr länger Mann sein lässt. Plötzlich zeigen Filme, wie auch Frauen die Träume der hartgesottenen Westerner träumen, Nina Hoss etwa im deutschen Western „Gold“. Oder wie Frauen auf dem langen Treck gen Westen die Männer abhanden kommen und sich allein durchschlagen müssen wie in „Meet’s Cutoff“. Cate Blanchett übernahm in „Missing“ sogar die klassische John-Wayne-Aufgabe: ihre Tochter, die von Indianern entführt wurde, aufzuspüren.
Von feministischen Western zu sprechen, wäre vielleicht ein wenig hochgegriffen. Zumal bei diesen Filmen weiterhin Männer die Regie führen. Aber doch weitet das Genre auffallend seinen Blick, entdeckt plötzlich über die üblichen Stereotypen hinweg das fremde Wesen Weib. Und entzaubert dabei ganz nebenbei auch die alten Mythen von der Gründung der stolzen amerikanischen Nation durch die wackeren Kerle im Sattel.
So sehen wir nun in „The Homesman“, der diese Woche in die Kinos kommt, Hilary Swank als Siedlerin Mary Bee Cuddy, die ganz allein eine Farm in der unwirtlichen Einöde von Nevada bestellt. Die selbst den Pflug in die Hand nimmt. Aber, man wird als alleinstehende Frau eben nicht anerkannt, Männern der Nachbarschaft geradezu geschäftsmäßig Heiratsanträge stellt. Und diese damit verschreckt. Zugleich sehen wir drei Frauen, die der Mühsal des Alltags im vermeintlich gelobten Land nicht gewachsen sind und darüber buchstäblich den Verstand verloren haben. Ihre Männer, ähnlich schwach wie sie und völlig überfordert, binden sie zu Hause am Stuhl fest. Und lassen es geschehen, dass der Stadtrat beschließt, sie zurück an die Ostküste zu schicken. Doch nicht mal für diesen Transport findet sich ein echter Kerl. Selbst das muss Mary Bee übernehmen.
Hilary Swank ist genau die richtige Besetzung für diese Rolle. Immerhin hat sie ihren ersten Oscar für „Boys don’t cry“ gewonnen, in dem sie sich als Junge ausgab, und ihren zweiten für „Million Dollar Baby“ als Boxerin, die sich in einem sehr männlichen Sport durchschlug. Die Frau steht also ihren Mann, das muss sie kaum noch beweisen. Dafür reichen ein paar grämlich aufeinander gepresste Lippen schon aus, um das ganze Elend als emanzipierte Frau in einem patriarchalischen System anzudeuten.
Die drei irren Schicksalsgenossinnen (Miranda Otto, Sonja Richter und die Meryl-Streep-Tochter Grace Gummer) werden in einen Verschlag gesperrt, mehr ein Verlies denn eine Kutsche. So macht sich Mary Bee auf eine lange Reise quer durch den Mittleren Westen, auf der ständig und überall Gefahren lauern werden: die Kälte des Winters, lüsterne Siedler, argwöhnische Indianer und nicht zuletzt die verwirrten Frauen selbst, die nicht nur zu Selbstverstümmelungen, sondern auch zu Aggressionsschüben neigen.
Verzweifeltes Tänzchen
Das ist der Moment, an dem Tommy Lee Jones ins Spiel kommt. Mit seinem zerknitterten, pockennarbigen Gesicht ist er wie geschaffen für das windgegerbte Westernfach. Aber er ist keineswegs ein nobler Westernheld, der der Frau seine Hilfe anbietet. Vielmehr zittert er unter einem Baum mit Strick um den Hals auf seinem Pferd, und jeder Moment könnte sein letzter sein. Er hat ein leer stehendes Haus besetzt, wofür man fern von allem Gesetz eine eigene patente Lösung gefunden hat. Und auch Mary Bee knüpft ihn nicht gleich vom Baum, sondern erst, als er sich im Gegenzug dazu bereit erklärt, den Frauentross zu begleiten.
Bis hierhin konnte man mit Fug und Recht von einem reinen Frauenwestern sprechen, auch wenn einen der Filmtitel schon stutzig machen konnte Tommy Lee Jones aber hockt nicht nur als grantiger Begleiter auf dem Kutscherbock. „The Homesman“ ist sein zweiter Kinofilm, bei dem der Schauspieler auch auf dem Regiestuhl saß, nach „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“, auch das ein Western, der aber wie eine knochentrockene Klamotte daherkam. Auch „The Homesman“ hat ein paar humorvolle Einlagen, was vor allem mit der vom Regisseur gespielten Figur des George Briggs zu tun hat. Der ist als zynisches Schlitzohr der klassische Antiheld – und stellt so ziemlich alle Werte in Frage, für die die Männer in ihren Sporen im Western gewöhnlich stehen. Es ist, das ist die Ironie von „Homesman“, die Frau, die diese Werte aufrecht hält.
Tommy Lee Jones erweist sich hier als großer Frauenversteher. Als Regisseur hat er von Anfang an den richtigen Ton und den genauen Blick, im Film muss er das als Partner wider Willen erst noch lernen. Die hohe Kunst seiner Regie besteht darin, dass er die Geschichte der Frauen als ernstes Drama inszeniert und die eigene Figur wie ein Buffo-Element einstreut. Und damit den hochpathetischen Ton so vieler Western klug konterkariert. Wie dieser Grantler erst jede Gelegenheit nutzt, um die ungeliebte Aufgabe loszuwerden, und dann doch allmählich Verantwortung übernimmt, das zeigt Tommy Lee Jones meisterhaft in einem reduzierten Spiel an Mimik und Gestik. Am Ende freilich bleibt nicht mehr, als ein kleines verzweifeltes Tänzchen hinzulegen. Die Männer, suggeriert der Film, werden im rauen Westen genauso irre wie die Frauen. Es zeigt sich nur anders.




