Spaziergang

Michael Gwisdek - Ein Mann, so cool wie ein Cowboy

Er ist ein Original, wie es nur noch ganz wenige gibt: der Schauspieler Michael Gwisdek. Ein merkwürdiger Besuch in seinem Zuhause in der Schorfheide, 50 Kilometer von Berlin entfernt.

Foto: Christian Kielmann

Michael Gwisdek liegt auf dem Sofa, und es ist das Beste, erst mal still zu sein. „Ick hab alle Interviews abgesagt. Die ganzen Aktionen – ick muss jetzt damit aufhören. Das hab ick mein Leben lang gemacht. 42 Fieber hab ick.“

Er steht auf. „Ick fahr doch nicht nach Berlin und wieder zurück. Das ist nicht mein Beruf. Dann komm ich wieder her und dann hab ick 68,4 Fieber.“ Die Fieberkurve steigt dramatisch.

Wir stehen in Gwisdeks Refugium in der Schorfheide, 50 Kilometer von Berlin entfernt. Seine Frau Gabriela hat uns sehr freundlich empfangen, die beiden Hunde Carlos Santana und Paul Schmidt auch, nur der Hausherr will uns anscheinend wieder rauswerfen. Es ist nämlich so, dass er nicht nach Berlin kommen wollte und wir uns deshalb zu der kleinen Reise ins nördliche Brandenburg entschieden haben.

„Was heißt extra hierher gefahren. Das ist doch kein Argument. Zwingt euch doch keiner.“

Moment mal, der Termin war doch verabredet mit seiner Agentur. Er geht jetzt an uns vorbei. „Kommen Sie wieder?“ frage ich. „Nee. (kurze Pause) Ja. (Ton ist ruhiger). Ick hol mir bloß was zum Sitzen.“

„Die Zigarette schmeckt wie Matratze“

Es kann ja doch noch was werden. Vielleicht war das ja vorher auch die ganz eigene Gwisdek-Show, mit der er die beiden Reporter aus der Hauptstadt mal ein bisschen verschrecken wollte. Auf jeden Fall sitzt uns jetzt ein rauchender Gwisdek (soviel zum Fieber) gegenüber. „Die Zigarette schmeckt wie Matratze. Ihr raucht nicht?“ – „Nee.“ – „Weil sie im Fernsehen gebracht haben, dass es gegen die Gesundheit ist?“

Ihn zumindest scheinen derartige Untersuchungen nicht zu beeindrucken. Er ist ja auch ein Cowboy, das wird er uns später sagen. Zu einem Cowboy passt die Zigarette im Mundwinkel. Er ist jetzt 72 Jahre alt und vielleicht auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Soviel Gwisdek gab es gefühlt noch nie. Mit seiner schnoddrigen Präsenz gelingt es ihm, jede Rolle groß zu machen. In „Alle unter eine Tanne“ mimt er als Gegenpart zu Gaby Dohm den untreuen Ehemann, in „Die letzten Millionen“ zeigt er, wie der Bewohner eines Seniorenheims nach einem Lottogewinn dem Hedonismus verfällt. Und unvergesslich sein vor kurzem improvisierter Auftritt in dem Senioren-Speed-Dating-Film „Altersglühen“. Dort gab er unter anderem den Frauenversteher, der sich zu Weisheiten wie „Frauen wollen zugehört werden“ verstieg.

Gwisdek ist ein Original, wie es nur noch ganz wenige gibt. Was Günter Pfitzmann im Westen war, ist Michael Gwisdek heute für Gesamtdeutschland. Der Pfitze aus dem Osten.

„Sind Sie ein Volksschauspieler?“

„Dat ick was bin?“

„Ein Volksschauspieler.“

„Nee. Ein Volksschauspieler ist einer, der dem Volk Freude macht, indem er lustig und positiv ist, indem er immer Situationen spielt, die übertrieben sind. Ich habe mich nie als Volksschauspieler gefühlt. Dazu bin ich viel zu egoistisch. Aber das wird jetzt intellektuell. Ist das für die FAZ?“

Im Nachtklub des Vaters gearbeitet

Wir sitzen in seinem rustikalen Wohnzimmer mit braunem Sofa und einem riesigen Fernseher, neben dem er seine Preise platziert hat. Gwisdek, das wird im Lauf des Gesprächs klar, liebt das Spiel mit den Rollen. Auch wenn die Kamera aus ist. Auf der Schauspielschule haben sie ihn erst spät angenommen. Davor hat er unter anderem als Handelsvertreter für Warmwasserboiler, als Verlader beim Transformatorenwerk Oberspree und im Nachtklub seines Vaters gearbeitet. Das prägt. Und er war clever genug, auf der Schauspielschule zu sagen, dass er den Beruf wähle, weil er sich der Kunst und Gesellschaft verpflichtet fühle. Die Wahrheit, zumindest die, die er jetzt gern erzählt, ist die, dass er damals in der DDR in der „Bravo“ einen Bericht über O.W. Fischer las. „Er drehte Filme mit schönen Frauen. Fotografiert wurde er in Acapulco mit einem Sektglas in der Hand. Und dann stand da noch, was er für eine Gage kriegt. Ich dachte, das ist mein Beruf, die schöne Welt, die schönen Frauen, das viele Geld, und die Leute lieben dich. Was willste noch?“

Tja, was willste noch? Es war nur so, dass Gwisdek, bevor er auf die Schauspielschule kam, mit seiner Mutter im Alhambra-Kino zwar alle James-Dean-Filme gesehen hatte, aber noch nie ein Theater von innen. Er habe auch, sagt er, Brecht nicht gekannt. Das einzige, was er wirklich konnte, war, mit einem Colt in der Hand zu wirbeln. So wie ein Cowboy. Das hatte er sich in zwei Jahren selbst beigebracht. Eine Fügung. Die Defa-Produktion „Spur des Falken“ war sein Eintritt ins Filmgeschäft, er spielte einen Revolverhelden. An der Schauspielschule sollen sie dem Regisseur Gwisdek mit den Worten empfohlen haben: „Wir haben hier einen Verrückten, der weiß nicht, was Theater ist, er kann aber mit dem Colt umgehen.“

Der Fotograf macht sich Gedanken, ob das mit dem Foto noch was wird. Ob wir überhaupt raus und spazieren gehen können.

Wenn er redet, soll man ihn nicht unterbrechen

Der Blick aus dem Fenster fällt auf einen Teich mit Koi-Karpfen. Ihre Münder, die sich an der Wasseroberfläche kreisrund öffnen, scheinen Gwisdeks Worte wie Background-Sänger zu untermalen. Fragen sind unerwünscht. Wenn er redet, soll man ihn nicht unterbrechen. Denn seine Geschichten haben Pointen, und wenn er den Faden verliert, verlieren wir auch die Pointe. Also bleiben wir mucksmäuschenstill, so wie die Kois, nur dass wir nicht mal die Münder bewegen.

Ab und zu gestattet er dann auch eine Pause, in die man schnell mit einer Frage hinein hechtet.

„In den achtziger Jahren drehten Sie im Westen unter Hark Bohm ,Der Fall Bachmeier’. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?“

„Bohm hat mich angerufen. Er suchte eine Bachmeier-Darstellerin. Ob wir nicht im Osten eine hätten?“ Bohm nannte mehrere Punkte, wie er sie sich vorstellte. „Ich sagte, so eine gibt es nicht, auch nicht im Osten.“ Aber es wollte ihm doch eine einfallen: Corinna Harfouch. Beim Vorsprechen fungierte Gwisdek als Stichwortgeber. „Wir waren gerade zusammen auf der Bühne gestanden. Sie als Lady Macbeth und ich als Macbeth.“

Sie waren auch ein Liebespaar

Gwisdek und Harfouch waren aber nicht nur Kollegen, sondern – was Bohm nicht wusste – auch ein Liebespaar. Egal, er war begeistert und wollte sie besetzen. Der Beginn der Dreharbeiten zog sich hin, und als es soweit war, war Corinna Harfouch schwanger. Die Rolle musste neu besetzt werden, aber für die männliche Hauptrolle kam nun aus dem Westen ein Angebot für den Stichwortgeber. Die DDR willigte ein, der Eiserne Vorhang öffnete sich gerade ein bisschen, man sprach von Kulturaustausch. Gwisdek war zwar schon einige Male nach dem Mauerbau im Westen gewesen, aber immer in der Gruppe mit dem Theater. Diesmal fuhr er allein.

Der Film wurde für ihn ein Erfolg, weil er in Chicago für seine Rolle mit einem Preis ausgezeichnet wurde. „Robert Redford ist vierter geworden, ich erster.“

Entgegennehmen durfte er ihn nicht. Der Minister, der in der DDR für Filme zuständig war, gratulierte ihm am Telefon, bat ihn aber, Stillschweigen zu halten, da es kein DDR-Preis war.

Was aber Gwisdek diesem Preis letztendlich verdankte, ist dieses Haus, in dem wir gerade sitzen. Es ist seit Jahrzehnten in Familienbesitz, schon als kleines Kind hat er hier im Garten gespielt. Damals in der DDR wollten sie ihm das Haus, das er nur am Wochenende nutzte, wegnehmen. Es lag in einem Gebiet, in dem Honecker und Mielke auf die Jagd gingen. Der Preis und eine Prise Gwisdekscher Frechheit machten es aber dann doch möglich, dass er es behalten konnte. Und heute verbringt er mit seiner Frau Gabriela einen großen Teil der Zeit hier.

Wir laufen draußen herum. Die Fieberkurve lag zuletzt bei 38,5. Gwisdek trägt Jeans, einen blauen Pullover und einen Cowboyhut. Er erzählt von einem seiner Lieblingsfilme, dem Western „Weites Land“ mit Gregory Peck. Er spielt darin einen geschniegelten Typen von der Ostküste, der im Wilden Westen heiraten will. Auf der Ranch soll er einen Hengst zureiten, der schon jeden abgeworfen hat. Peck weigert sich und wird als Feigling angesehen. Erst als nur der Stallbursche zusieht, setzt er sich auf das Pferd. Es gelingt ihm, oben zu bleiben. Nur, dass er es geschafft hat, das sagt er keinem.

Quasselstrippe und Quatschkopf

Aber was hat das mit Gwisdek zu tun?

„Dinge für sich zu behalten, das hab ick für mein Leben übernommen. Sicher, ich bin ’ne Quasselstrippe und ’n Quatschkopf. Mein Umfeld meint, man hätte keine Chance bei mir. Wie Sie das auch schon erlebt haben – wenn ich rede, dann rede ich. Da kommt keiner dazwischen. Trotzdem würde ich mich als Menschen beschreiben, der mehr geheimnisvoll lächelt. Mein Selbstvertrauen beziehe ich aus dem, was ich weiß und nicht aus dem, was ich ausposaune.“

Er hat die große Schnauze von seinem Vater, sagt er. Der war Direktor der Gastronomie des Bezirks Mitte in der DDR, auch der gastronomische Teil des Friedrichstadtpalastes war unter seiner Leitung. Bis er sich selbstständig machte und eine Nachtbar eröffnete. Trotzdem bezeichnet Gwisdek ihn als erdverbunden Geschäftsmann. Dass der Sohn Schauspieler werden wollte, gefiel ihm gar nicht. „Mein Vater hatte viel zu viel Hochachtung vor so einem Beruf. Als er mich zum ersten Mal auf der Bühne gesehen hatte, war er fassungslos. Dass das da oben sein Sohn ist, konnte er nicht begreifen. Wir sind einfache Leute gewesen und sowas Besonderes, das fand er nicht gut.“

Langsam geht Gwisdek durch seinen Garten. Da hinter dem Wald musste er nach dem Krieg in einem Straßengraben auf seine Mutter warten. Die stibitzte auf dem Feld derweil Kartoffeln. „Meine erste Menscherinnerung: Luft anhalten, damit meine Mutter Kartoffeln klauen kann.“ Er zeigt auf das schmucke Blockhaus, das er selbst nach der Maueröffnung gebaut hat. Auf den alten Ziegenschuppen, den er als Kulisse für einen Westernfilm genutzt hat, den er auf acht Millimeter in seiner Jugendzeit gedreht hat. „Hier hat meine Karriere als Schauspieler angefangen.“

Dem Fotografen gibt er die Anweisung: „Drück einfach druff. Das sind alles Motive.“

Wie ist es morgens hier aufzuwachen?

„Als erstes gehe ich raus und mache eine Luftprobe. Das habe ich von meiner Tante gelernt. Jeden Tag sind es andere Gerüche. Dann laufe ich durch den Garten zu den Hühnern und hole die warmen Eier raus. Dann mache ich Spiegeleier und rufe meiner Frau zu: ,Frühstück.’ Anschließend reden wir zwei Stunden lang darüber, was wir am Tag zuvor in den Nachrichten gesehen haben. Klingt gut, nicht?“

„Ich habe Einkaufsverbot“

Und, so ganz profan, kaufen Sie auch im Supermarkt ein?

„Ich habe Einkaufsverbot. Mein Hobby ist nämlich Schnäppchenjäger.“

Wenn im Einkaufswagen nämlich ein neues Schraubenzieher-Set liegt, fragt Frau Gwisdek: „Wozu muss das da drinnen liegen?“ Herr Gwisdek: „Das kostet 3, 90 Euro.“ Frau Gwisdek: „Wir haben doch so viele Schraubenzieher.“ Herr Gwisdek: „Aber nicht für 3, 90 Euro.“

Ach, zum Abschied muss man ihn doch mögen, den Michael Gwisdek. Und ihm das auch sagen. „Das war meine Absicht“, meint er, „ich muss so lange reden, bis der sagt, so unsympathisch ist er gar nicht.“