Warten ist eine Kunst, die nicht jeder versteht. Wie oft verlieren wir im Alltag die Geduld, werden wir unruhig, muss alles schnell, schnell gehen. Aber es gibt noch Oasen der Ruhe, der Kontemplation, der inneren Einkehr. Es gibt sie auch im Kino und sogar im Mainstream-Film. Da sage noch einer, Blockbuster fürchten nichts so sehr wie einen Verschnaufmoment. Man muss dem nur „Die Tribute von Panem“ entgegenhalten. Eine ganze Filmreihe, die uns das Warten lehrt, ja aufs Warten konditioniert. Das Lichtspieltheater als moralische Anstalt, wenn man so will.

Denn die Verfilmungen der Erfolgsbücher von Suzanne Collins folgen einer Dramaturgie der verzögerten, der hinhaltenden Spannung. Im ersten Teil wurden uns die merkwürdigen Hunger-Spiele serviert, mit denen in einer dystopischen Zukunft ein paar wenige Auserwählte in einem römisch-dekadenten Kapitol die zahllosen Geknechteten der umliegenden Distrikte ruhig halten: durch ein zynisches, blutiges Spiel, das über Großmonitore übertragen wird und in dem junge Menschen sich im Wald gegenseitig abschlachten müssen. Sozialdarwinismus als plumpe Reality-Show: Survival of the Fittest.

Aus drei mach vier

Damit darf man sich doch nicht abfinden, denkt man empört. Und wirklich: Am Ende des ersten Teils gab es so etwas wie ein Aufbegehren, eine Revolution. Alles Weitere dann in Teil zwei. Aber stattdessen, Überraschung, wurde das Ganze in Teil zwo noch mal wiederholt. Nur noch zynischer und noch blutiger. Am Ende wird die Hauptfigur von Rebellen entführt, und der Oberspielleiter entpuppt sich als deren Verbündeter. Aha, dachte man, nun ist es so weit. Alles Weitere dann in Teil drei.

Aber nun sind wir im dritten Teil angekommen. Und müssen noch einmal warten. Denn nach den Gesetzmäßigkeiten der Wertschöpfungskette millionenschwerer Merchandising-Produkte à la „Harry Potter“ oder „Twilight“ muss man den letzten Teil notwendig in die Länge ziehen und in der Mitte halbieren. So wird aus den „Tributen von Panem“ eine Trilogie in vier Teilen, von der sich der dritte, man ahnt es, nur als lange Exposition fürs Finale erweist.

Die Macht der Bilder

Keine Erklärung. Keine Rückblende. Es geht genau da weiter, wo vor einem Jahr Teil zwei endete. Und weil nur ganz ausgebuffte Fans wissen, wie das war, heißt das für alle anderen, dass man sich den letzten Teil, am besten alle beide noch mal anschauen muss. Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence), die schönste Pfeil-und-Bogen-Werbefigur seit Robin Hood, ist von den Rebellen in den Distrikt 13 gebracht worden, den man bis dahin für längst zerstört hielt. Da aber halten sich ganz viele ganz junge Menschen auf, die die Vorherrschaft des Kapitols beenden wollen. Es kann also losgehen.

Kann es aber nicht. Weil in der merkwürdigen Logik der Buchautorin Collins, die auch am Drehbuch mitschrieb, die Rebellen das Kapitol mit seinen eigenen Waffen schlagen wollen. Also auch mit der Macht der Bilder. Wenn Donald Sutherland als kapitaler Kapitolbösewicht Propagandafilme wider die Rebellen senden lässt, zapfen die Rebellen die Kabel an und senden ihrerseits Propagandavideos. Und die Heroine dieser Filme soll Katniss sein. Die kann zwar gut mit Waffen umgehen, sogar zwei Jets mit einem Pfeil abschießen (was, nun ja, vielleicht doch etwas übertrieben ist). Aber vor der Kamera agieren und eine Rebellion schüren, das ist nicht ihre Sache. So muss sie erst mal media-like aufgebaut werden. Beziehungsweise an die Brandherde geführt werden, die das Kapitol angerichtet hat. Damit ihre Wut auch echt ist. Dann kann es endlich losgehen. Aber dann, schon klar, ist der Film zu Ende. Die Hohe Kunst des Hinauszögerns.

Alle Hexen beim selben Coiffeur

Weil so gar nicht viel passiert, weil Francis Lawrences Blockbuster sogar ein richtiger Actionverweigerungsakt ist, hat man viel Zeit, um über andere Dinge zu sinnieren. Dass Jennifer Lawrence gar nicht so gut spielt, wie alle immer denken, etwa. Oder dass Philip Seymour Hoffman in einer seiner letzten Rollen deutlich unterfordert ist. Oder warum etwa Julianne Moore, die in diesem Teil als Präsidentin der Rebellen neu hinzukommt, so grauweiße Haare tragen muss wie Kate Winslet in „Divergent“ oder Meryl Streep in „Hüter der Erinnerung“. Auch das alles Dystopien, wo die weiblichen Altstars ihre Hexenfrisuren offenbar beim selben Coiffeur bleichen lassen.

Und wieso hat Francis Lawrence, der übrigens nicht mit Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence verwandt ist, nicht vor Green Screen gedreht, sondern an echten Locations, warum musste auch in Paris und in Berlin im Kraftwerk und am Flughafen Tempelhof gefilmt werden, wenn wir dann die meiste Zeit in einem x-beliebigen Kellerverlies verbringen, wo sich die Rebellen verstecken?

Abwarten und Pfeile spitzen

Dort wird nicht etwa viel trainiert für die finale Konfrontation, sondern wieder innegehalten, gehadert und gewartet. So grau sind die Uniformen der Kämpfer, dass man sich fast nach den grellpeinlichen Kostümen der ersten Teile sehnt, so dunkel die Verliese, dass man wieder zurück will in den Wald, in dem zwar viel gemeuchelt wurde, aber das wenigstens in Farbe.

Katniss Everdeen ist durch die ersten zwei Teile zu einer Allzwecksymbolfigur geworden. Für den „arabischen Frühling“. Für die Occupy-Bewegung. Für den Postfeminismus. Jetzt wird sie mehr zur Fleisch gewordenen Warteschleife. Im letzten Teil wird es dann ganz sicher endlich losgehen. Nur hat man ein bisschen Angst, dass so viel aufgestaute Spannung dann auch ganz klein in sich zusammenfallen könnte. Das wissen wir aber erst in einem Jahr. Bis dahin heißt es, was sonst: abwarten und Pfeile spitzen.