Weit sind die Landschaften, unter deren dramatischem Himmel das Getreide wogt. Eingebettet in das Land: die Höfe. Eng ist es in den Stuben, deren Dielen in Emily Atefs Wettbewerbsbeitrag fast körperlich spürbar knarzen. Wer emotional in die Ecke getrieben ist, greift zu Schnaps. Und sonst dreht sich alles um Arbeit, Alltag, Anekdoten von Alkohol und Frauen.

„Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ ist ein Wendefilm, den die iranisch-französisch-deutsche Regisseurin Emily Atef mit der Autorin der Romanvorlage, Daniela Krien, geschrieben hat. Im Sommer 1990 spielt er, zwischen Währungsunion und dem Beitritt zur Bundesrepublik. Maria (Marlene Burow) lebt bei ihrem Freund Johannes, auf dem Hof seiner Eltern. Sie liest obsessiv. Unter dem Dach, wo sie mit Johannes schläft, am Fluss, in den Ecken des Dreiseithofes, auf dem sie als Arbeitskraft zwar gebraucht würde, aber nicht wirklich zu gebrauchen ist. Mit ihrem Sehnen und Fühlen passt sie nicht in diese Lebenswelt.

Mit der Wende wird die Mutter arbeitslos

Als wir sie zum ersten Mal sehen, liegt sie im Unterkleid auf dem Bett, versunken in Dostojewskis „Brüder Karamasow“. Ganz bei sich. Geborgen wirkt sie in der Familie. Die Mutter umsorgt sie wie die eigene Tochter. Johannes ist hingerissen von ihr, fürsorglich. Anders als er weiß die zu Beginn 18-jährige Maria nicht, wie es in der Umbruchzeit für sie weitergeht. Von der D-Mark ist am Küchentisch die Rede und von Betriebswirten aus der BRD. Ihre Mutter wird arbeitslos. Und es gibt eine Wiedervereinigung in Johannes’ Familie: Der in den Westen ausgereiste verlorene Sohn kommt zu Besuch. Johannes fotografiert, bewirbt sich an der Kunsthochschule in Leipzig.

Die Menschen hinter dem Film, von links nach rechts: Schauspieler Felix Kramer, Regisseurin Emily Atef, Schauspielerin Marlene Burow und Drehbuchautorin Daniela Krien.
Die Menschen hinter dem Film, von links nach rechts: Schauspieler Felix Kramer, Regisseurin Emily Atef, Schauspielerin Marlene Burow und Drehbuchautorin Daniela Krien. © dpa | Jens Kalaene

Maria stromert ziellos durch die Felder – und gerät auf den Hof von Henner (Felix Kramer). Der lebt nebenan, jenseits der Eisenbahn. Seine zwei Hunde ängstigen sie, Henner pfeift sie zurück – und berührt die panische Maria erst an der Schulter, streift dann mit der Hand zwischen ihren Brüsten entlang. Und geschehen ist es um die beiden, die sich in eine wilde, auch aufgrund des Altersunterschiedes unpassende Liebesgeschichte stürzen.

Auf den Leib rückt die Kamera von Armin Dierolf den beiden Schauspielern, und sie treibt ihr eigenes Spiel von Verbergen und Enthüllen. Ein Schimmer liegt über den Szenen, der Goldglanz reifen Getreides. Marlene Burows Gesicht leuchtet von innen. Nackt ist sie und auch hier ganz bei sich. Überwältigen lässt sie sich von Henner, der sie grob packt, aufs Bett wirft, in die Hand spuckt und ihr zwischen die Beine greift. Aber nur einmal, dann ist sie auf Augenhöhe mit dem 20 Jahre älteren Mann. Antwortet dem Trakl-Gedichte lesenden Pferdezüchter mit einer selbstbewussten, hochsprachlichen Notiz auf die seine. Denn neben dem körperlichen Austausch schlägt hier auch der Intellekt Funken.

Ein Pferdezüchter, der Lyrik mag

Felix Kramers Henner oszilliert zwischen Brutalität und einer fast unterwürfigen Zärtlichkeit. Seinen Führungswillen in der Beziehung tut er mit Blicken kund und mit gezielten Handgriffen. Als Landmensch ist er, an harte, präzise Arbeit gewöhnt und an das Kommandieren von Hunden und Pferden. Doch Maria hält stand. Mit nur wenigen Gesten erzählen die enorm talentierte Marlene Burow und der hier neu zu entdeckende Felix Kramer die Geschichte einer intensiven Leidenschaft.

Eine Intimitätskoordinatorin hat mit ihnen gearbeitet, wie sie bei der Pressekonferenz berichten. Hat die Sexszenen präzise choreographiert und so einen Raum der Angstfreiheit ermöglicht. Sinnlich ist der gesamte Film, alles lebt und atmet in diesen großen Bildern. Und auch wenn Marias Motivation nicht vollständig nachvollziehbar wird, weil Marlene Burow schon fast zu mondän wirkt für die Rolle, schmeckt dieser Film nach einem Anwärter auf einen Bären.