Am Ende sind die Bären doch verliehen worden. Von Anfang an stand die Jubiläums-Berlinale unter einem schlechten Stern, musste die 70. Ausgabe unter widrigsten Bedingungen an einem leeren, öden Potsdamer Platz unter Wegfall einiger Kinosäle absolviert werden. Musste sich das Festival außerdem noch mit alten frauen- und schwulenfeindlichen Äußerungen ihres Jurypräsidenten und der Nazi-Vergangenheit des Festivalgründers befassen.

Und als die Berlinale dann endlich begann, wurde sie vom Schock von Hanau gelähmt. Hätten die neuen Festivalchefs irgendwann mal von Weltverschwörung gesprochen, man hätte es ihnen nicht übelnehmen können. Bei der Anhäufung unglücklicher Zufälle hätte es nur gepasst, wenn die Verleihung am Ende aus Angst vor dem Corona-Virus abgesagt würde. Stattdessen sorgten nur ein paar Klimaaktivisten für kleine Störungen am roten Teppich.

Der Große Preis der Jury geht an eine Frau: Eliza Hittman für ihr Abtreibungsdrama „Never Rarely Sometimes Always“:
Der Große Preis der Jury geht an eine Frau: Eliza Hittman für ihr Abtreibungsdrama „Never Rarely Sometimes Always“: © dpa | Michael Kappeler

Und dann hat die Jury um Jeremy Irons auch noch alles richtig gemacht. Was man durchaus nicht jedes Jahr sagen kann. Sie hat den Goldenen Bären dem Film vermacht, der am letzten Wettbewerbstag Kritik wie Publikum noch einmal begeistert hat: der iranische Beitrag „Sheytan vojud nadarad“ (Es gibt kein Böses) von Mohammad Rasoulof. Ein flammender Appell gegen die Todesstrafe, ein ebenso flammender Aufruf, nicht alles im Iran einfach hinzunehmen. Ein Film, den der Regisseur nur heimlich und an der Zensur vorbei realisieren konnte.

Nach fünf Jahren wieder Gold an den Iran

Nach „Taxi Teheran“ vor fünf Jahren geht der Goldene Bär einmal mehr an den Iran. Und an einen Filmemacher, der dort unter Repressalien leidet. Und einmal mehr kann der Sieger auf der Berlinale seinen Bären nicht persönlich entgegennehmen, weil er Reiseverbot hat. Das tat an seiner Statt seine Tochter Baran Rasoulof, die auch eine Rolle im Film ihres Vaters spielt. Sie zeigte sich zugleich überwältigt und tief traurig, dass ihr Vater nicht selbst nach Berlin kommen durfte. Für den Mut, diesen Film gedreht zu haben, gab es Standing Ovations im Saal. Und Tränen in den Augen bei allen Beteiligten des Films.

Dass zwei weitere Kritikerfavoriten des Festivals Hauptpreise gewannen – das US-Abtreibungsdrama „Never Rarely Sometimes Always“ den Großen Preis der Jury und die französische Satire „Effacer l’historique“ (Den Verlauf löschen) den einmaligen Bären „70. Berlinale“ – stimmt ebenfalls zufrieden. Und dass der Italiener Elio Germano zum besten Darsteller gekürt wurde, hat man vom zweiten Tage an prophezeit.

Küsschen für das Bärchen: Paula Beer wurde für „Undine“ als beste Schauspielerin geehrt.
Küsschen für das Bärchen: Paula Beer wurde für „Undine“ als beste Schauspielerin geehrt. © dpa | Jörg Carstensen

Auch der deutsche Film wurde auf der Berlinale geehrt. Als beste Schauspielerin wurde Paula Beer für ihre Titelfigur in Christian Petzolds „Undine“ ausgezeichnet. Und der Silberne Bär für eine Einzelleistung ging an den legendären Kameramann Jürgen Jürges für seine Arbeit an Ilya Krhzhanovskiys „Dau. Natasha“. Auch wenn der Film selbst nur Ratlosigkeit hervorrief. Und selbst die Jury gespalten hat. Schade nur, dass mal wieder keine Regisseurin ausgezeichnet wurde. Dieser Preis ging an den Koreaner Hong Sangsoo.

Sehnsucht nach Dieter Kosslick

Die Berlinale hat mit diesen Bären doch noch ein gutes Ende gefunden. Das versöhnt wieder mit dem Festival, kann aber freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bilanz insgesamt nicht so positiv ausfällt. Die Berlinale 2020 war ja nicht nur ein Jubiläumsfestival, sondern auch ein Neustart. Die ersten Filmfestspiele unter der neuen Doppelspitze mit Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Programmleiter Carlo Chatrian.

Vor allem an Letzteren wurden hohe Erwartungen geknüpft. Er sollte es anders machen als sein Vorgänger Dieter Kosslick. Der hat zwar das Festival zu einem allumfassenden Stadt-Event ausgebaut und Stars wie Zaungäste mit seiner guten Laune beglückt, hat mit der Auswahl seiner Filme aber oft kein glückliches Händchen bewiesen. Chatrian hat keine Entertainment-Qualitäten à la Kosslick, was leider bei jedem seiner öffentlichen Auftritte zu erleben war. Man hätte aber doch gedacht, dass die Filme unter seiner Ägide besser würden.

Momente, in denen einem ganz heiß werden kann: Der Italiener  Elio Germano erhält den Bären für den Besten Schauspieler.
Momente, in denen einem ganz heiß werden kann: Der Italiener Elio Germano erhält den Bären für den Besten Schauspieler. © dpa | Michael Kappeler

Nun liefen auf der 70. Berlinale aber im Wettbewerb Filme, von denen man 80 Prozent auch bei Kosslick gesehen hätte. Vom Hauptsieger aus dem Iran abgesehen, gab es kaum politische Filme, die Diskussionsthemen auf dem Festival setzten. Dafür viel Kunstgewerbliches für sehr spezielle Cineasten. Und die wenigen Stars, die Chatrian auf den roten Teppich locken konnte, kamen überwiegend für die schlechtesten Festivalfilme: „Siberia“ und „The Roads Not Taken“.

Ist die Berlinale eine Nummer zu groß für Carlo Chatrian?

Bis zum vorletzten Tag war die Berlinale-Bilanz daher mehr als durchwachsen. Vielleicht, das wäre eine wohlmeinende Begründung, lag das daran, dass die Berlinale-Leitung so sehr mit den vielen unerwarteten Festival-Erschwernissen beschäftigt war, dass sie kaum Zeit für die eigentliche Filmauswahl fand. Vielleicht ist die Berlinale aber doch eine Nummer zu groß für Carlo Chatrian, der zuvor das sehr viel kleinere Festival in Locarno geleitet hat. Berlin ist eben nicht Locarno.

Am Abend gab es den Sonderpreis „Silberner Bär 70. Berlinale“, am Nachmittag bereits den Leserpreis der Berliner Morgenpost für die französische Satire „Effacer l’historique“.
Am Abend gab es den Sonderpreis „Silberner Bär 70. Berlinale“, am Nachmittag bereits den Leserpreis der Berliner Morgenpost für die französische Satire „Effacer l’historique“. © FUNKE Foto Services | jörg Krauthöfer

In Chatrians erstem Jahr an der Spree drohte die Berlinale fast in Bedeutungslosigkeit zu versinken. Man musste sich ernsthaft fragen, ob das Festival seinen A-Status überhaupt noch verdient und eine relevante Konkurrenz zu Cannes und Venedig darstellt. Und all die deutschen Filmemacher, die sich einst in einem Brief an Monika Grütters (CDU) gegen Kosslick als Festivalleiter ausgesprochen haben, hätten eigentlich gleich noch mal einen solchen Brief aufsetzen müssen.

Zum Schluss noch ein echter Coup

Nur war es ja eben die Kulturstaatsministerin selbst, die Chatrian nach Berlin geholt hat. Und ergo mitverantwortlich ist für eine Berlinale, die auch nur an schlechtere Kosslick-Jahrgänge erinnerte. Aber nicht mal dessen Entertainment-Qualitäten besaß.

Mit seinem letzten Wettbewerbsfilm hat Chatrian die Laune wieder heben können. Dass er dieses Juwel erst ans Ende setzte, war aber auch keine glückliche Wahl. Hatten doch viele Festivalgäste ihre Meinung längst gebildet und waren teils schon abgereist. Mit „Es gibt kein Böses“, diesem filmisch wie politisch starken Beitrag, konnte Chatrian endlich ein Stück Kino bieten, wie man es von ihm die ganze Zeit erwartet hat. Eine eher mittelmäßige, teils sogar ärgerliche Berlinale fand so doch noch ein bestmögliches Ende. Bleibt nur zu hoffen, dass es im nächsten Jahr runder wird.

Die Preise im Überblick:

Goldener Bär für den Besten Film: „Sheytan vojud nadarad (Es gibt kein Böses)“ von Mohammad Rasoulof (Iran)

Silberner Bär Großer Preis der Jury: „Never Rarely Sometimes Always“ von Eliza Hittman (USA/GB)

Silberner Bär 70. Berlinale: „Effacer l’historique (Verlauf löschen)“ von Benoit Delépine & Gustave Kervern (F/B)

Silberner Bär für die beste Regie: Hong Sangsoo für „Domangchin veoja (The Woman Who Ran)“ (Südkorea)

Silberner Bär für die Beste Darstellerin: Paula Beer für „Undine“ (D)

Silberner Bär für den Besten Darsteller: Elio Germano für „Volevo nascondermi (Hidden away)“ (Italien)

Silberner Bär für das Beste Drehbuch: Fabio und Damiano D’Innocenzo für „Favolacce“ (Italien)

Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung: Kameramann Jürgen Jürges für „Dau. Natasha“ (D/GB/Rus/Ukraine)

Encounters Bester Film: „The Works and Days“ von C. W. Winter und Anders Edström (JPN/GB/S)

Encounters Spezialpreis der Jury: „The Trouble With Being Born“ von Sandra Wollner (Ö/D)

Encounters Regie: Cristi Puiu für „Malmkrog“ (Rumänien/Serbien/CH)

Bester Dokumentarfilm: „Irradiés“ von Rithy Panh (Kambodscha) im Wettbewerb

Bester Erstlingsfilm: „Los Conductors“ von Camilo Restrepo (F/Kol/Bras) in der Reihe „Encounters“