Die Filmfestspielen waren schon fast vorbei, die Favoriten eigentlich ausgemacht. Da sorgte am Freitag der letzte Film im Wettbewerb, „Sheytan vojud nadarad“ (Es gibt kein Böses) von Mohammad Rasoulof noch mal für eine große Überraschung. Womöglich musste da auch die Internationale Jury noch mal ganz neu über ihre Bären nachdenken, die am heutigen Sonnabend vergeben werden.
Der Film beginnt gewohnt alltäglich. Ein Mann verlässt seine Arbeit. Holt seine Frau von der Arbeit ab. Mit ihrer Tochter fahren sie zur Oma, sie streiten ein wenig über Alltagsprioritäten. Aber sie saugen die Wohnung der Großmutter. Zur Belohnung gibt es Pizza für das Mädchen, auch wenn die Mutter Fastfood eigentlich verbietet.
Ein Schock. Und ein harter Schnitt
Ein ganz normaler Familienalltag, wie bei uns im Westen. Auch im Iran scheint das möglich. Am nächsten Morgen fährt der Familienvater wieder zur Arbeit. Kocht sich Kaffee. Drückt dazwischen aber einen grünen Knopf. Woraufhin vier zum Tode verurteilte Menschen gehenkt werden. Ein Schock. Und ein harter Schnitt.

Ein zweites Kapitel. Ein junger Soldat weint in der Kaserne. Er leistet seinen Militärdienst wie jeder Iraner. Weil man ohne ihn keinen Pass, keine Arbeit bekommt. Aber die Zeit beim Militär ist im Iran darauf angelegt, jungen Männern alle Entscheidungsfreiheit zu nehmen. Man kann ihnen auch vorschreiben, Todesurteile vollstrecken zu müssen. Besagter Soldat will das nicht tun. Schon führt er einen zum Tode Verurteilten auf seinen letzten Gang, da reißt er einem Kameraden ein Gewehr aus der Hand und versucht aus der Kaserne zu fliehen. Was wie ein Thriller gedreht ist.
„Es gibt kein Böses“ heißt der Film übersetzt. Aber natürlich gibt es das Böse. Es gibt aber auch die Möglichkeit, ihm zu widerstehen. In Rasoulofs Film geht es nicht um das Skandalon der Todesstrafe an sich. Darüber könnte man im Iran keinen Film drehen. Pro Kopf werden dort mehr Menschen hingerichtet als in jedem anderen Land.
Vier Geschichten, vier Entscheidungen fürs Leben
Aber was hier verhandelt wird, ist die Gewissensfrage, ob man diese Gegebenheiten akzeptiert oder den Gehorsam verweigert. Der Familienvater sieht seinen Henkersdienst bloß als Arbeit, um die Familie zu versorgen. Der Soldat kann das mit seinen Grundsätzen nicht vereinbaren, wäre aber bereit, einem Kameraden Geld zu zahlen, wenn der ihm die Last abnähme.
Im dritten Kapitel reist ein anderer Soldat zu seiner Freundin, um ihr einen Verlobungsring zu schenken. Er kommt zur Unzeit, ihre Familie trauert um einen Toten. Und der Soldat muss erkennen, dass er genau diesen Mann gehenkt hat. Freiwillig, um Ausgang zu der Freundin zu bekommen.

Kapitel Vier spielt in einer Einöde im Gebirge. Eine junge, in Deutschland lebende Iranerin besucht ihren Onkel. Der soll Arzt sein, hat aber keine Praxis. Und züchtet Bienen. Dennoch kommen nachts Nachbarn mit Notfällen zu ihm. Der Onkel hat keine Arbeitserlaubnis, weil er, das ahnt man bald, in seiner Militärzeit die Vollstreckung eines Todesurteils verweigerte.
Dafür muss nicht nur er ein Leben lang büßen. Vor seinem Tod will er seiner Nichte gestehen, dass er in Wirklichkeit ihr leiblicher Vater ist. Und sie nach Deutschland bringen ließ, wo sie eine bessere Zukunft haben sollte als er.
Film konnte nur mit einer List realisiert werden
Mohammad Rasoulof durfte nicht zur Berlinale anreisen, um seinen Film vorzustellen. Er hat Reiseverbot und wurde außerdem vor fünf Monaten zu einer einjährigen Haftstrafe verurteilt, die er bislang noch nicht antreten musste. Die Berlinale bietet von jeher iranischen Filmemachern, die in ihrem Land unter Repressalien leiden, ein Podium.
Dieter Kosslick hat 2011 Jafar Panahi in die Jury eingeladen, als er nicht kommen durfte, ließ man seinen Stuhl symbolisch leer. Panahis heimlich gedrehter, aus dem Iran geschmuggelter Film „Taxi Teheran“ wurde vor fünf Jahren auf der Berlinale gezeigt und prompt mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

Rasoulof wurde, auch wenn die Strafe nie vollzogen wurde, wie Panahi 2010 zu sechs Jahren Haft verurteilt. Als er 2017, nachdem er in Cannes seinen Film „Lerd“ präsentierte, zurückreiste, wurde ihm der Pass abgenommen. Dennoch will Rasoulof im Iran leben und dort auch arbeiten. „Es gibt kein Böses“ konnte nur heimlich und mit Unterstützung deutscher Fördertöpfe entstehen. Weil die Zensur bei Kurzfilmen nicht so scharf ist wie bei Spielfilmen, entschied sich Rasoulof zu der episodischen Struktur.
Auch die eigene Position überdacht
Vier Kurzfilme, die nicht unter seinem Namen angemeldet wurden, sondern unter denen seiner Regieassistenten. Diese beweisen Mut, genauso wie die Schauspieler, der Kameramann, alle am Film Beteiligten. Weil sie wie die Filmfiguren die Verhältnisse nicht länger akzeptieren können. Weil sie für einen anderen Iran einstehen. Auch wenn sie dafür Konsequenzen fürchten müssen.
„Es gibt kein Böses“ ist ein wichtiger Film. Mit einer klaren politischen Botschaft: Du kannst Nein sagen. Du musst nur deinem Gewissen folgen. Es ist aber auch ein klug gestalteter, atmosphärisch dichter und eindrücklich gespielter Film. Mit Szenen, die nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ein Film, mit dem Rasoulof auch seine eigene Position überdenkt.
Deshalb hat er die Vater-Tochter-Episode ans Ende gestellt. Die Tochter wird von Baran Rasoulof gespielt, seiner eigenen Tochter, die in Hamburg lebt, während er in den Irak zurückkehrte. Auch sie hat ihn gefragt, was ihm wichtiger sei. Seine Überzeugung. Oder seine Familie. Der Film war seine Antwort. Seine Tochter hat ihn auf der Berlinale vorgestellt.
Termine: Friedrichstadt-Palast, 29.2., 21.30 Uhr; Haus der Berliner Festspiele, 29.2.,10 Uhr und 1.3., 21.30 Uhr;


