Ehren-Bär

Helen Mirren: „Ich schaue nicht gern zurück“

Helen Mirren erhielt den Goldenen Ehrenbären. Uns verriet die Schauspielerin die zwei Momente, die ihr Leben verändert haben.

Helen Mirren („The Queen“) wurde für ihr Lebenswerk mit dem Ehrenbären der Berlinale ausgezeichnet.

Helen Mirren („The Queen“) wurde für ihr Lebenswerk mit dem Ehrenbären der Berlinale ausgezeichnet.

Foto: dpa

Am Donnerstagabend hat Helen Mirren im Berlinale-Palast den Goldenen Ehrenbären bekommen. Das ist auch so etwas wie ein verfrühtes Geschenk, denn ähnlich wie die Berlinale kann die Schauspielerin dieses Jahr ein Jubiläum feiern. In ihrem Fall den 75. Geburtstag. Den aber erst im Juli. Dem Festival hat die Britin mit ihrem Auftritt noch mal großen Glanz beschert. Im Berlinale-Palast hat sie das Publikum verzückt. Davor auch schon ein paar ausgeerwählte Journalisten, die sie interviewen durften. Nicht etwa in einem der Hotels am Potsdamer Platz. Auch hier bewies Frau Mirren ihre Eigenwilligkeit: Sie lud ins Titanic Hotel am Gendarmenmarkt.

Berliner Morgenpost: Frau Mirren, was bedeutet es Ihnen, diesen Ehrenpreis fürs Lebenswerk in Berlin zu bekommen?

Helen Mirren: Ich fühle mich großartig. Denn in Berlin gibt es ein sehr verdienstvolles und besonderes Publikum. Es mag, was es mag. Und es macht sehr lautstark kund, was es nicht mag. Das ist ziemlich anders als bei den meisten Filmfestivals, wo alle nur nett zu dir sind. Nein, in Berlin ist das nicht der Fall. (lacht) Aber das mag ich, ich liebe es sogar: dieses kritische, ausgebildete Auge. Von einem solchen Festival ausgezeichnet zu werden, ist wirklich eine Ehre.

Was empfindet man bei einem solchen Ehrenpreis? Stolz? Oder fühlt man sich dabei, verzeihen Sie, auch etwas alt?

Tja, einen Preis fürs Lebenswerk kriegst du dafür, dass du dein Leben gelebt hat. Nimm dies, stiehl dich davon und schweig’ für immer. Aber das kommt mit dem weiten Feld, das du dir erobert hast. Ich schaue nie zurück, sehe mir nie meine alten Filme an oder denke über meinen Lebenslauf nach. Höchstens bei solchen Preisen. Und dann denke ich: Meine Güte, ich hab ja doch ganz schön was getan. Immerhin habe ich, seit ich 23 bin, jedes Jahr meines Lebens, gearbeitet. Ich denke, da kommt was zusammen. Und vielleicht sollte man einfach schon dafür einen Preis kriegen, dass man ein Profi ist, dass man pünktlich am Drehset erscheint und seinen Job macht.

Wenn Sie bei solchen Gelegenheiten doch zurückschauen: Ab wann war Ihnen klar, dass Sie Schauspielerin werden wollen? Haben Sie je von solch einer Karriere geträumt?

Nein, von sowas träumt man nicht. Mein absoluter Traum, meine Vision war: ich mit einem Drehbuch unterm Arm, auf einer Parkbank sitzend. Stellen Sie sich vor: ein D-r-e-h-b-u-c-h. Welch großartige Sache, so etwas in Händen zu halten.

Gab es ein Erweckungserlebnis?

Ja. Mit „Hamlet“. Mit etwa 14 Jahren habe ich mit einem Schlag die Welt des Dramas, des Geschichtenerzählens entdeckt. Eine Amateuraufführung, wahrscheinlich war sie recht schlecht. Aber darum ging es gar nicht. Ich hatte keine Ahnung von Hamlet, habe das nie gelesen. Können Sie sich das vorstellen? Ich wusste nicht, dass Ophelia wahnsinnig wird. Oder dass Hamlet stirbt. Wenn Sie die Story nicht kennen, ist „Hamlet“ ein Thriller. Und obendrein gibt es noch diese Sprache und Bilder! Das war wirklich der Moment, der mein Leben verändert hat. Ich ging in dieses kleine Theater in unserer Kleinstadt, Southend-on-Sea. Und kam heraus als ein anderer Mensch.

Gab es auch eine ähnliche Initiationszündung für das Kino?

Ja, das war der andere Moment, der mein Leben verändert hat. Ich habe damals als Kellnerin in Brighton gearbeitet, in einem Bed-and-Breakfast-Hotel. Ich hatte einen freien Nachmittag. Es hat total geregnet. So geriet ich in ein schreckliches, stinkendes Kino. Die Kinos haben damals alle so gerochen! Und da sah ich einen italienischen Film, „L’avventura“. Ich hatte bis dahin eine sehr geringe Meinung von dem, was Kino ist. Und ich kam heraus mit einem ganz anderen Verständnis. Und einer Liebe fürs Kino, die mich nie mehr verlassen hat.

Gleichwohl haben Sie lange erst mal das Theater favorisiert.

Die Welt des Dramas wurde eine Kirche für mich. Und ich wollte eine Messdienerin darin sein! Das wollte ich immer. Ich war superseriös in den ersten zehn, 15 Jahren meiner Karriere. Ich habe ein paar Sachen für Geld gemacht, weil ich Rechnungen bezahlen musste. Aber im Grund wollte ich dieser Messe dienen. Daher habe ich erst mal nur Theater gemacht. Zum Film wollte ich nie.

Wieso nicht?

Wahrscheinlich, weil das britische Kino damals ganz schrecklich war. Ich wollte immer eine europäische Filmschauspielerin sein. Jeder deutsche, italienische, polnische Film schien mir interessanter als irgendein britischer.

Sie sind längst nicht nur eine europäische Schauspielerin, sondern ein Weltstar. Aber wie passen Ihre jüngsten Action-Filme zu Ihrem Messedienst?

Ich habe gelernt, Film auch als Unterhaltung zu schätzen. Ich habe auch schon dabei mitgemacht. Was ich inzwischen sehr liebe. Aber damals habe ich nur meine Kunstform gesehen: eine Art ernsthafte Erkundung dessen, was es bedeutet, ein humanes Wesen zu sein. Nur solche Filme haben mich damals fasziniert. Über manche war ich echt verärgert, weil ich sie sexistisch fand. Was sie oft waren.

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Sie sagen, Momente haben Ihr Leben verändert. Haben Sie denn auch Filme, haben Sie Figuren verändert?

Ich glaube, ja. Ich hatte eine sehr erfolgreiche Fernsehreihe, „Heißer Verdacht“. Das war ein echtes Geschenk für mich als Schauspielerin. Ich war so um die 40. Es war eine Hauptrolle, eine Ermittlerin im Fernsehen. Heute sind die ja überall, damals gab es das nirgends. Und keiner war sicher, ob das ein Publikum finden wird. Das war für mich sehr wichtig. Es wurde ein Hit. Aber es erlaubte mir auch, eine Figur anders darzustellen, kein junges Mädchen, sondern eine reifere Frau. Ich glaube, das hat auch viel für Schauspielerinnen ganz allgemein verändert. Das war auch fürs Fernsehen wichtig. „Heißer Verdacht“ hat dem zum Durchbruch verholfen.

Wir könnten jetzt über all Ihre Erfolge sprechen. Aber welcher Ihrer Filme ist der am meisten übersehene?

Interessante Frage. Vor 17 Jahren habe ich „Mrs. Stone und ihr römischer Frühling“ gedreht. Eine Tennessee-Williams-Verfilmung über eine ältere Frau und einen jungen Mann. Das Universal-Studio hat das schon mal mit Warren Beatty und Vivien Leigh verfilmt und die Weltrechte am Stück auf alle Zeiten gekauft. Daher war es kaum möglich, ein Remake zu drehen. Und das war nötig. Denn der erste Film hat nicht viel über die Sexualität erzählt. Wir haben es ganz anders gemacht. Und ich fand das sehr gut. Aber es ist kaum gezeigt worden. Universal hat nur ganz wenige Vorführungen genehmigt. Keiner hat ihn seither gesehen. Dabei bin ich darauf mit am stolzesten.