Als Journalist hat man objektiv zu sein und Distanz zu wahren. Der Schreiber dieser Zeilen aber muss offen bekennen, dass das im Falle von Helen Mirren, die auf dieser Berlinale den Goldenen Ehrenbären erhält, nicht so einfach ist. Wir sind befangen. Denn wir haben ihr schon buchstäblich zu Füßen gelegen.

Das war 2006 auf dem Filmfestival von Venedig. Das zog sich mit mauen Beiträgen dahin. Bis „The Queen“ von Stephen Frears lief und Helen Mirren mit ihrer großartig zurückgenommenen Darstellung als Elizabeth II. für Furore sorgte. Es gelang uns, mit der Schauspielerin noch vor Ort zumindest ein Gruppeninterview zu ergattern.

Das Verhältnis zu den echten Royals

War es zu heiß oder entsprach es dem unkonventionellen Gebaren der Mimin, jedenfalls saßen wir nicht wie üblich in einer sterilen Hotelsuite, sondern im Garten. Ein Stuhl für den Star, und die paar auserwählten Journalisten kauerten im Halbkreis um sie herum im Gras. Aber Helen Mirren ist eben eine Größe, zu der man aufschauen darf. Und es hat lange genug gedauert, bis sie so weit kam.

Die Rolle ihres Lebens: Helen Mirren als Elizabeth II. in „The Queen“ (2006).
Die Rolle ihres Lebens: Helen Mirren als Elizabeth II. in „The Queen“ (2006). © Berlinale

Bleiben wir erst mal in der Königsklasse. Als sie 1996 das erste Mal geadelt werden sollte, schlug Helen Mirren das Angebot aus. Weil das Königshaus genau für jenes Klassensystem stand, unter dem ihre Eltern leiden mussten. Stattdessen wurde sie selber Königin. Als einzige Schauspielerin überhaupt hat sie sowohl Elizabeth I. als auch Elizabeth II. gespielt. Und das auch noch direkt hintereinander.

Beim Golden Globe gelang ihr so der Coup, gleich zwei Preise zu erhaschen. Für „Die Queen“ gab es dann auch noch den Oscar. Buchstäblich die Krönung ihrer Karriere. Seither hat sie den Status eines A-Stars. Seitdem liegt ihr die ganze Welt zu Füßen.

Peter Morgan, der das Drehbuch zu „The Queen“ verfasste, sollte später eine ganze Serie über Elizabeth II. konzipieren: „The Crown“. Vorweggenommen hat er es mit seinem Theaterstück „The Audience“, das die Queen in mehreren Abschnitten ihres Lebens zeigt. Gespielt hat sie, wer sonst? – Helen Mirren.

Es scheint, als habe sie sich so gut in die Monarchenrolle hin- eingefunden, dass sie sich im zweiten Anlauf doch zur Dame adeln ließ. Aber nur ihrer Eltern wegen, wie sie betont: Die wären, hätten sie das noch miterlebt, sehr stolz gewesen.

Das russische und das britische Temperament

Die Eltern. Da dürfen wir gleich mit Goethe kommen, mit „Faust“ und den zwei Seelen, ach in der Brust. Helen Mirren heißt eigentlich Ilyena Lydia Vasilievna Mironova. Ihr Großvater war ein russischer Aristokrat, der nach der Revolution fliehen musste und in England strandete. Ilyena Lyda kam 1945 in London zur Welt, in ärmlichen Verhältnissen.

Ihr Vater war ein Taxifahrer, der erst nach dem Tod des Großvaters den Nachnamen in Mirren geändert hat. Ihre Mutter war die Tochter eines britischen Schlachters. Vom Vater hat sie das russische Gemüt, von der Mutter die Bodenständigkeit und den Humor. Kühle Oberfläche, brodelnde Sinnlichkeit: Dieser Mix wurde zum Markenzeichen der Mirren.

Helen Mirren im Sexskandalfilm von 1979 als Kaiserin Caesaria in „Caligula“.
Helen Mirren im Sexskandalfilm von 1979 als Kaiserin Caesaria in „Caligula“. © / Mary Evans Picture Library | Pa

Bereits im zarten Alter von sechs kündigte die Tochter ihren verblüfften Eltern an, dass sie Schauspielerin werden wolle. Und nicht irgendeine, sondern eine ganz bedeutende. Die Eltern versuchten ihr das auszureden, und fast hätte sie eingelenkt und wäre Lehrerin geworden. Aber der Drang zur Kunst war doch stärker. Mit 21 Jahren wurde sie als eine der jüngsten Schauspielerinnen des Hauses in die renommierte Royal Shake­speare Company aufgenommen.

Nach Theaterverfilmungen fürs Fernsehen kamen auch erste Filmangebote. In denen sie eher unterfordert war und vor allem viel Haut zeigen musste. Werke wie „Excalibur“. Oder „Caligula“, der Skandalfilm der 70-er über das verkommene antike Rom, in den der Produzent nachträglich selbstgedrehte Pornoszenen einfügte.

Wehe, jemand reduziert sie auf Sex

Mit Nacktszenen hatte Helen Mirren freilich nie Probleme. Die hat sie auch auf der Bühne oft absolviert. Probleme hat sie dagegen damit, wie Frauen von Männern gesehen wurden. Einer ihrer denkwürdigsten Auftritte hatte sie deshalb 1975 in einer Talkshow, wo sie BBC-Moderator Michael Parkinson auf ein Sexobjekt reduzierte, als „Sexkönigin“ mit „schlampenhafter Erotik“. Er fragte sogar, ob sie ihr Equipment beim Spielen störe, womit er ihre Brüste meinte.

Triumph im Arthouse-Film: Mirren in Peter Greenaways „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" (1989).
Triumph im Arthouse-Film: Mirren in Peter Greenaways „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber" (1989).© Berlinale

Die 30-Jährige hat ihn kühl abblitzen und als Chauvinist dastehen lassen, vor laufender Kamera. Ein früher feministischer Akt, der noch heute gern auf Youtube geklickt wird. Auch später hat sie sich nie etwas von Männern sagen lassen. Und oft den Sexismus der Filmbranche gegeißelt.

Hollywood, so ihr beißender Kommentar, kümmere sich zu sehr „um junge Männer zwischen 18 und 25 – und ihre Penisse“. Mit Aufkommen des New British Cinema Anfang der 80er-Jahre kamen endlich andere Angebote. Filme wie „Rififi am Karfreitag“ oder „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“, die ihr dramatisches Potenzial ausschöpften.

Eine Wahrsagerin hatte Helen Mirren in jungen Jahren prophezeit, dass sie mal sehr erfolgreich sein würde, aber erst mit Ende 40. Nicht gerade das, was aufstrebende Novizen gern hören. Aber im Nachhinein ist sie fast glücklich, dass der Erfolg erst spät kam und sie ihn besser verkraften konnte.

Die Mutter aller Fernseh-Ermittlerinnen

Wirklich populär wurde sie mit 45, mit „Heißer Verdacht“. Als neue Leiterin einer Mordkommission musste sie gegen Vorurteile und eine Phalanx von Männern ankämpfen, die einer Frau immerzu Steine in den Weg legten. Ursprünglich nur als TV-Zweiteiler gedacht, wurde daraus eine Krimireihe über 15 Jahre, von 1991 bis 2006, die immerzu Traumquoten erreichte. Ihre Serienfigur ist die Mutter so vieler weiblicher Ermittler in der Fernsehlandschaft, auch der deutschen übrigens.

Traumquoten als Kommissarin: als Detective Chief Superintendent Jane Tennison in der Krimireihe „Heißer Verdacht“.
Traumquoten als Kommissarin: als Detective Chief Superintendent Jane Tennison in der Krimireihe „Heißer Verdacht“. © picture alliance / United Archives/IFTN | United Archives/IFTN

Und dann kam „Die Queen“. Seither ist Helen Mirren in einer Situation, in der sie alles spielen darf. Und das auch genießt. Selbst Actionfilme wie „R.E.D.“ oder seit jüngstem auch „Fast & Furious“. Manchmal verschwendet sie sich auch – hierin dem späten Robert De Niro nicht unähnlich – an eher belanglose Filme, die sie doch mit markanten Auftritten veredelt.

Ein breites Spektrum deckt sie ab mit ihren rund 130 Filmen. Schade nur, dass in der kleinen Hommage-Reihe, die die Berlinale dem Ehrengast widmet, nur sechs davon zu sehen sind. Da fehlen viele Pflichtfilme: „Cal“ etwa, ein Liebesfilm im Nord­irland-Konflikt, für den sie 1984 in Cannes ausgezeichnet wurde. „Kalender Girls“, wo sie sich 2003 mit anderen älteren Frauen noch mal entblätterte. Auch ein frühes Werk wie „Excalibur“ mit ihrem damaligen Lebensgefährten Liam Neeson vermisst man.

„Rififi“ und „Der Koch, der Dieb“ sind Pflicht. Natürlich auch „Die Queen“, die am
27. Februar im Berlinale-Palast gezeigt wird, wenn ihr der Ehrenbär überreicht wird. Auch ihr jüngster Film „The Good Liar“ ist dabei, der nicht zu ihren stärksten Werken zählt.

Eine Nebenrolle wurde zur Schicksalsfrage

Dafür kann man sie auch in „The Tempest“ erleben, einer äußerst fantasievollen Shakespeare-Verfilmung, die hierzulande nur auf DVD erschien. Die Hauptfigur Prospero wurde eigens für Helen Mirren zur Prospera umgeschrieben, was viel über ihren Stellenwert aussagt.

Mit Mikhail Baryshnikov in „White NIghts“ (1985), der Film, bei dem sie ihren Mann kennenlernt.
Mit Mikhail Baryshnikov in „White NIghts“ (1985), der Film, bei dem sie ihren Mann kennenlernt. © picture alliance / Everett Collection

Man sieht sie außerdem in „Ein russischer Sommer“ als Frau von Leo Tolstoi, womit sie sich quasi in die Welt ihres Großvaters katapultierte. Und in dem Tanzdrama „White Nights“, wo sie ebenfalls eine Russin spielte. Eine kleine Rolle nur, aber ein Schicksalsfilm. Weil Helen Mirren dabei den Regisseur Taylor Hackford kennenlernte, ihren heutigen Ehemann, für den sie schließlich in die USA zog.

Wie unkonventionell und ungezwungen Helen Mirren ist, erkennt man am besten, wenn man durch ihr Erinnerungsbuch „In The Frame“ blättert, das leider nie ins Deutsche übersetzt wurde. Keine Memoiren im klassischen Stil.

Nicht die üblichen eitlen Anekdoten, mit wem man schon zusammentraf. Auch die Schauspielerei nimmt gar nicht so viel Platz ein, und dann überwiegend ihre hierzulande eher unbekannte Theaterarbeit. Dafür gibt es sehr private Einsichten. Wozu die heute 74-Jährige nicht nur viele Fotos, sondern auch Postkarten, Dokumente, sogar Filmstreifen ins Buch geklebt hat. Und, ja, auch das: jede Menge Nacktfotos. Als junge und als reife Frau.

Die Freude, wenn da oben dein Name steht

Wir durften die Schauspielerin übrigens noch öfter treffen. Nicht mehr im Garten, aber dafür im Einzelgespräch. Einmal gestand sie dabei sehr offen und ehrlich auch eine kleine Eitelkeit ein. Doch, doch, sie lese schon sehr gern ihren Namen oben auf dem Filmplakat, bekannte sie da.

Als ein Riesenbild von ihr als „Kalender Girl“ auf dem Hollywood Boulevard prangte, musste sie ständig hin und gucken, ob es wirklich noch hing. „Ach schlimmer“, gestand sie: „Ich hab’ sogar ein Foto gemacht.“ Gerade dieser Humor, diese Offenheit macht sie so sympathisch. Ein Star zum Niederknien.