Kommentar

Dieter Kosslicks letzte Berlinale blieb leider mäßig

Festivalleiter Dieter Kosslick hätte einen besseren Abschied verdient gehabt, meint Peter Zander.

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick tritt ab.

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick tritt ab.

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance/dpa

Berlin. Man hätte ihm einen stärkeren Abgang gewünscht. 18 Jahre lang hat Dieter Kosslick die Berlinale geleitet. Da will ein Festivalleiter gewöhnlich noch mal zeigen, was er kann. Und was mit ihm verloren geht. Doch sein letztes Programm blieb eher durchschnittlich. Und das ist, leider, Wasser auf den Mühlen der Kosslick-Kritiker, die seine Filmauswahl schon lange bekritteln.

Da half auch nicht, dass der Frauenanteil im Wettbewerb 41 Prozent betrug. Das macht einen guten Schnitt, aber noch keine guten Filme. Auch dass kein einziger US-Film im Wettbewerb lief, dass Kosslick so kurz vor der Oscar-Verleihung nicht eines der großen Hollywoodstudios nach Berlin bewegen konnte, zeigt, dass es mit seinen Kontakten vielleicht nicht mehr so weit her ist. Oder er war schon eine „lame duck“, und alle bereiten sich auf die Zeit nach ihm vor. Der Kampf, wer bei den großen A-Festivals auf Cannes folgt, Venedig oder Berlin, scheint längst verloren.

Dass dieses Jahr der letzte Wettbewerbsfilm aus dem Rennen gezogen wurde, dafür konnte Kosslick nichts. Aber auch sonst war der Wettbewerb schmal wie selten. Als habe man ihn nicht anständig füllen können. Dass auch noch Kinobetreiber gegen Netflix-Filme demonstrierten, sind Dinge, die auf Festivals passieren und die man in starken Jahren wegsteckt. Am Ende einer Ära aber verstärken sie die Missstimmung. Mit der Einladung der AfD ins Kino, die dann eskalierte, hat Kosslick allerdings ein Eigentor geschossen.

Wenig Andrang an den Ticket-Countern

Selbst der Publikumsandrang auf der Berlinale war nicht mehr so stark wie in den Vorjahren. Dabei ist das etwas, was immer alle betonen: dass dies ein Publikumsfestival ist. Doch die Schlangen vor den Ticket-Countern waren bei Weitem nicht mehr so lang. Und bei vielen Filmen konnte man noch am Tag der Vorführung locker Tickets erwerben. Früher undenkbar. Vielleicht hat auch das Publikum ein wenig das Interesse verloren. Oder ist, schlimmer noch, längst bei Netflix . Die satten Ticket-Preiserhöhungen haben sicher auch ihren Teil beigetragen.

Das alles ist schade. Denn es verhagelt nicht nur die Bilanz der 69. Berlinale, es trübt auch die Bilanz der Ära Kosslick. Hätte „ Mr. Berlinale“, wie ursprünglich geplant, 2016 aufgehört, wäre er von allen gefeiert worden. Meryl Streep war damals Jurypräsidentin, George Clooney bei der Eröffnung, und mit „Seefeuer“ gewann auch noch der Film der Stunde. Kosslick hat dann noch mal um drei Jahre verlängert. Dann kam 2017 der offene Brief an Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) und die unselige Debatte, ob Kosslick noch Berlinale kann. Wobei Grütters Kosslick, statt ihm den Rücken zu stärken, noch in selbigen fiel und deklarierte, sie würde seinen Vertrag nicht weiter verlängern. Was er eh nie vorhatte. In den letzten Tagen standen die beiden nun wieder traut nebeneinander. Der Groll scheint verflogen.

Die Verdienste Kosslicks überwiegen

Und am Ende überwiegen ja die zahlreichen Verdienste Kosslicks, die in den letzten Tagen hinlänglich aufgezählt wurden. Er hat das Festival groß und breit aufgestellt. Ein letztes Mal hat der Schwabe nun die Berlinale bestritten. Und das betont gelassen und unterhaltsam wie immer. Diese gute Laune, dieses Umarmen der ganzen Stadt, das ist vielleicht seine größte Stärke. Das macht ihm so schnell keiner nach.

Seine Nachfolger Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, die im Juni übernehmen, treten in große Fußstapfen. Und müssen gleich ein großes Jubiläum stemmen, die 70. Berlinale. Die beginnt spät wie nie, am 20. Februar, weil der Oscar 2020 auf den 9. Februar vorrückt. Mal sehen, ob Hollywood dann wieder Zeit hat, nach Berlin zu kommen. Ob die Berlinale so unterhaltsam bleibt wie bei Kosslick, darf man zumindest bezweifeln. Man wird sich noch nach ihm sehnen.

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