Zu den Ritualen der Berlinale gehört, dass irgendwann, spätestens nach drei Tagen, dieselbe Diskussion geführt wird. Das sei doch ein abgehobenes Festival, heißt es dann schnell, da würden nur Orchideenfilme prämiert, die sonst keinen Menschen ins Kino locken, und die Jury wolle sich doch nur als besonders feinsinnig profilieren. So abstrus das für Filmfreunde auch klingen mag: Man hört das ziemlich häufig.

Und dann kann man ein paar Dinge dazu sagen. Nämlich erstens, dass es gerade die Idee und der Auftrag der Filmfestspiele ist, die Welt nach Berlin zu holen.Und die Welt besteht eben nicht nur aus Ländern, die sonst die Programme unserer Lichtspielhäuser bestücken: aus Westeuropa und den USA nämlich. Sie ist bedeutend größer. Und dass die Filme aus sogenannten Drittwelt- und Schwellenländern hier oft nicht anlaufen können, mag auch finanzielle Gründe haben.

Zweitens kann man „der“ Berlinale-Jury nur schwer Motive unterstellen, es gibt „die“ Jury ja gar nicht, sie wechselt ja jedes Jahr. Sie besteht zudem aus verdienten Mitarbeitern des Filmgeschäfts, die es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr nötig haben, sich ausgerechnet durch ihren cineastischen Geschmack zu profilieren.

Die Berlinale , das hat Dieter Kosslick immer und immer wieder betont, will ein politisches Festival sein. Und wenn man sich die Filme ansieht, die in seiner Zeit mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurden, muss man sagen, dass es fast immer gelungen ist. Auch wenn der eine oder andere Kritiker mit den Entscheidungen der Jury nicht einverstanden gewesen sein mag (gerade im vergangenen Jahr war das der Fall, nachdem nicht wenige den später prämierten Film „Touch me not“ fluchtartig verlassen hatten): Das Kino kommt für zehn Tage nach Berlin, um von der Welt zu erzählen. Aus Regionen, die für viele exotisch sind, in deren Menschen man sich aber oft überraschend gut wiedererkennt. Das macht die Berlinale so großartig – und deshalb freuen wir uns auch in diesem Jahr auf sie.

2002: Chihiros Reise ins Zauberland

In diesem Jahr, den ersten Festspielen unter der Leitung Dieter Kosslicks, beschloss die Jury, den Goldenen Bären zweimal zu vergeben. Neben „Bloody Sunday“ (siehe rechts) wurde auch der japanische Regisseur Hayao Miyazaki ausgezeichnet. Er erzählt die Geschichte des zehnjährigen Chihiro Ogino, der mit seinen Eltern in einem verfallenen Vergnügungspark Station macht. Nach Einbruch der Dämmerung beginnen sich dort seltsame Dinge zu ereignen – unter anderem verwandeln sich seine Eltern in Schweine. „Chihiros Reise ins Zauberland“ wurde von der Kritik euphorisch gefeiert und war bis 2016 der erfolgreichste japanische Film aller Zeiten.

2002: Bloody Sunday

Der irische Blutsonntag hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben: Am 30. Januar 1972 erschossen Soldaten des britischen Parachute Regiment 13 Menschen, die für ihre Bürgerrechte demons­triert hatten. Der Film von Paul Greengrass erzählt von diesem Ereignis aus der Per­spektive eines Abgeordneten im nordirischen Parlament, der bei der Demonstration dabei ist und ihre Eskalation mit ansehen muss. Im ganzen Film gibt es keine Musik, nur während des Abspanns läuft der bekannte Titel der Band U2. Die Kritik lobte die authentische Umsetzung der Geschichte, die sich auch in kleineren Details an wahren Begebenheiten orientierte.

2003: Aufbruch ins Ungewisse

Die Odyssee eines 16-Jährigen um die halbe Welt. Der aus Afghanistan stammende Jamal versucht vom Flüchtlingslager Shamshatoo im pakistanischen Peschawar nach London zu flüchten, wo sich seine Familie ein besseres Leben für ihn erhofft. Es ist eine viermonatige Reise, auf der er fast alles verlieren wird mit Ausnahme der Kleider, die er am Körper trägt – und an deren Ende sein Ersuchen um Asyl abgelehnt, ihm aber immerhin ein vorübergehendes Bleiberechte eingeräumt wird. Regisseur Michael Winterbottom drehte seinen beeindruckenden, semidokumentarischen Film mit Paschtunen, die noch nie zuvor im Ausland gewesen waren.

2004: Gegen die Wand

Mit diesem kraftvollen Film holte sich Fatih Akin den Goldenen Bären. Die junge Sibel (Sibel Kekilli) wächst in Hamburg auf, sieht sich aber durch die Vorschriften ihres streng muslimischen und traditionsbewussten Elternhauses in ihrem Freiheitsdrang behindert. Sie beschließt, den wüsten und unberechenbaren Cahit (Birol Ünel) zu heiraten – zunächst mit dem Vorsatz, die Ehe nur der Form halber zu führen. Doch langsam schleicht sich die Liebe in das Alltagsleben der beiden, verbunden mit wachsender Eifersucht auf die Affären des jeweils anderen. Fatih Akin erzählt klar, hart und leidenschaftlich aus dem migrantisch grundierten Leben in Deutschland.

2005: U-Carmen

Mit dem von der Berlinale gleich mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten „U-Carmen“ debütierte der in Südafrika lebende britische Theater- und Opernregisseur Mark Dornford-May im Filmfach. Die Geschichte erzählt die seit Georges Bizets Oper „Carmen“ bekannte Geschichte um die gleichnamige mutige Frau, verlegt sie aber in die Township Khayelitsha in der Nähe Kapstadts – die Gesänge werden immer wieder durch die traditionellen Xhosa-Gesänge ergänzt. Ein musikalisch mitreißender Film, der nebenbei zeigt, wie leicht große Kunstwerke überall dort ankommen können, wo Menschen leben, lieben, denken und arbeiten.

2006: Esmas Geheimnis

Kriege haben viele schreckliche Folgen, unter ihnen abwesende Väter. Der Film der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić spielt im Nachkriegs-Sarajevo. Er erzählt die Geschichte der 12-jährigen Sara, die ohne ihren im Bosnienkrieg gefallenen Vater aufwachsen muss. In der Schule erfährt Sara, dass sie nur als Tochter eines Kriegshelden kostenfrei an einem Ausflug teilnehmen kann – und erfährt von ihrer Mutter, dass die Leiche ihres Vaters nie gefunden wurde. Aber etwas scheint an der Geschichte nicht zu stimmen, irgendeine Wahrheit verschweigt die Mutter ihrer Tochter. Ein anrührender Film darüber, wie tief die Wunden sind, die ein Krieg schlägt.

2007: Tuyas Hochzeit

Wang Quan’ans Film „Tuyas Hochzeit“ bringt uns das Alltagsleben in der inneren Mongolei näher. Im Zentrum steht die mongolische Hirtin Tuya, die allein für ihre beiden Kinder sorgen muss, weil ihr Mann Bater beim Bau eines Brunnens verunglückt und deshalb behindert ist. Irgendwann hält sie die Belastung nicht mehr aus und bricht zusammen. Sie beschließt zu heiraten – allerdings mit der Bedingung, dass sich ihr neuer Mann auch um Bater kümmert. Der Film schafft es überzeugend, bei aller Härte auch die komischen Seiten im Leben seiner Heldin zum Leuchten zu bringen – er rief bei den Kritikern fast einhellige Begeisterung hervor.

2008: Tropa de Elite

Dieser Film des Regisseurs José Padilha führt nach Rio de Janeiro im Jahr 1997. Aus der Perspektive des Polizeioffiziers Nascimento erfahren wir von den grausamen Zuständen in den Armenvierteln der Stadt. Sie werden von Drogenhändlern beherrscht, es gilt das Gesetz des Stärkeren. Nascimento soll als Chef einer Eliteeinheit für die Wiederherstellung ordentlicher Verhältnisse sorgen, erkennt aber, dass das Manöver nur im Interesse der Drogenbosse liegt. Zugleich verlangt seine schwangere Frau von ihm, dass er mit Rücksicht auf das bald zur Welt kommende Kind einen ungefährlicheren Beruf wählt. Eine Geschichte, die die Realität zeigen und nicht belehren will.

2009: Eine Perle Ewigkeit

Es war der erste peruanische Film, der an einer Berlinale teilnahm – und gleich gewann „La teta asustada“ den Goldenen Bären. Er spielt in den 80er-Jahren, als sich die Guerilla-Organisation „Leuchtender Pfad“ und das Militär erbittert bekämpfen und es immer wieder zu Vergewaltigungen kommt. In seinem Zentrum steht eine junge Frau, die anhand ihrer Mutter hautnah erlebt, was es bedeutet, gewalttätig missbraucht zu werden. Sie hat mit der ständigen Angst vor erneuten Übergriffen zu kämpfen – und schafft es doch, zu sich selbst zu finden. In den Kritiken zum Film wurde besonders die Leistung der Hauptdarstellerin Magaly Solier hervorgehoben.

2010: Bal – Honig

Der türkische Regisseur Semih Kaplanoğlu erzählt eine Geschichte aus der anatolischen Provinz, eine Geschichte von Vater und Sohn. Es ist der dritte Teil der rückwärts erzählten „Yusuf“-Trilogie, in der der Dichter Yusuf im Zentrum steht, diesmal als sechsjähriger Junge. Er wächst bei seinem Vater auf, einem Bienenzüchter, und begleitet ihn bei seiner Arbeit häufig in einen dunklen Wald voller Geheimnisse. Eines Tages sind die Bienen allerdings verschwunden, weshalb der Vater in weiter entfernte Regionen aufbrechen und den Sohn zurücklassen muss. Der Junge verstummt. Ein Film über die Liebe zu den Eltern und die Frage, was aus ihr wird.

2011: Nader und Simin

Die Trennung eines Paars, das kommt so häufig vor, dass wir glauben, es sei ganz normal. Ist es aber nicht, niemals, zumal in einem männlich dominierten und autokratisch geführten Regime wie dem Iran. Der Film von Asghar Farhadi erzählt davon, dass Nader mit ihrem Mann Simin das Land verlassen möchte, damit ihre elfjährige Tochter unter besseren Umständen aufwachsen kann. Simin aber möchte sich um seinen pflegebedürftigen Vater kümmern und deshalb bleiben. Es kommt zur Trennung, die Tochter bleibt beim Vater, der sich plötzlich intensiv um zwei Menschen kümmern muss. Ein intensiver Film, der zeigt, wie stark die Politik das Leben bestimmen kann.

2012: Caesar muss sterben

Für ihren Film „Cesare deve morire“ haben die Brüder Paolo und Vittorio Taviani sechs Monate in der römischen Strafanstalt Rebibbia verbracht. Es geht um eine Theatergruppe, die aus Häftlingen besteht und William Shakespeares „Julius Caesar“ auf die Bühne bringen möchte. Die Szenen aus dem Stück werden in Farbe, die aus dem Alltag der Strafgefangenen dagegen in Schwarz-Weiß gezeigt – wobei eine verblüffende Nähe zwischen Fiktion und Alltagsrealität offenbar wird: das Recht des Stärkeren, die Irrtümer und Schwächen des Individuums, Ungerechtigkeit und Gewalt. „epd Film“ lobte die „Stärke und Überzeugungskraft“ des Films.

2013: Mutter und Sohn

In diesem Jahr konnte der rumänische Drehbuchautor und Regisseur Călin Peter Netzer die Jury für seinen Film „Mutter und Sohn“ begeistern. Das Drama führt schmerzhaft vor, auf welche Abwege die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn führen kann – wenn sie sich mit eigenen Abstiegsängsten verbinden. Der Sohn hat bei deutlicher Übertretung der Höchstgeschwindigkeit ein Kind überfahren – und die Mutter, selbstbewusste, gut situierte Architektin, setzt alle Hebel in Bewegung, um den drohenden Strafprozess mitsamt Gefängnisstrafe abzuwenden. Sie versucht Zeugen zu bestechen und sogar die trauernden Eltern des Kindes mit Geld abzufinden.

2014: Feuerwerk am helllichten Tage

Mit diesem Film gelang es Regisseur Diao Yinan, die Eigenheiten des film noir auf die chinesische Verhältnisse seiner Gegenwart zu übertragen. Die Handlung spielt in einer nordchinesischen Stadt, wo in Kohleanlagen plötzlich Leichenteile gefunden werden. Die Polizei macht rasch einen Verdächtigen aus, doch kommt es bei dessen Verhaftung zu einem äußerst blutigen Zwischenfall. Der überlebende Polizist wird zunächst vom Dienst suspendiert, beginnt aber bald in eigener Sache zu ermitteln – und verliebt sich in eine schweigsame Schönheit. Das Onlineportal „filmdienst.de“ lobte die „bewundernswerte Stilsicherheit“ des „kunstvoll inszenierten“ Thrillers.

2015: Taxi

Filme können Fenster auf fremde Lebenswelten öffnen, und dieser schafft es auf besonders eindringliche Weise. Regisseur Jafar Panahi, der aufgrund der politischen Umstände im Iran nicht an der Preisverleihung teilnehmen konnte, sitzt selbst am Steuer eines Taxis. Auf das Armaturenbrett hat er eine Kamera montiert – und kommt mit seinen Fahrgästen ins Gespräch. Die erzählen ihm ganz offen, was sie denken, welche Sorgen sie haben, was sie sich von der Zukunft erhoffen – und auf diese Weise entsteht ein lebensfrohes und zugleich nachdenklich stimmendes Porträt der Stadt Teheran mitsamt des autoritären iranischen Regimes, das diesen Film niemals erlaubt hätte.

2016: Fuocoammare

Ihrem Vorsatz, ein politisches Festival zu sein, konnte die Berlinale in diesem Jahr besonders gerecht werden. Der Dokumentarfilm „Fuocoammare - Seefeuer“ des italienischen Regisseurs Gianfranco Rosi spielt auf Lampedusa. Seine Hauptfigur, ein zwölfjähriger Junge namens Samuele, lebt das Leben eines durchschnittlichen Teenagers. Nur am Rande bemerkt er, dass auf seiner Insel Tag für Tag Migranten aus Afrika stranden, die in der Flucht die letzte Hoffnung für ihr Überleben sehen. Rosis Film erzählt, ganz ohne Kommentar aus dem Off, von einer humanitären Katastrophe und davon, wie leicht wir Europäer davon den Blick abwenden können.

2017: Körper und Seele

Von dieser Berlinale ist vielen vielleicht noch der standesgemäß stockbesoffene Regisseur Aki Kaurismäki in Erinnerung. Der Goldene Bär ging in diesem Jahr an den ungarischen Liebesfilm „Teströl és lélekröl“, zu Deutsch „Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi. Er handelt von zwei verschlossenen Menschen, die auf einem Schlachthof arbeiten und sich langsam näher kommen – zuerst nur in ihren Träumen, bald auch in der Realität. Der Film mischt auf poetische Weise die bizarre Routine des Schlachtens mit dem wundersamen Zufall, dass sich zwei Menschen ineinander verlieben können. Ein stimmungsvoller Film, der Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterte.

2018 Touch me not

Dieser Film der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie hatte schon vor der Preisverleihung von sich reden gemacht – auch wenn er von den Kritikern nicht zu den Favoriten gezählt wurde. Aus Protest gegen die zum Teil sehr freizügigen Sexszenen verließen immer wieder Zuschauer den Kinosaal. Das lässt sich erklären, denn Pintilie verstößt mit „Touch me not“ gegen das ungeschriebene Filmgesetz, nur die Mainstreamvorstellung von körperlicher Schönheit zu bedienen. Ihre Darsteller entsprechen keiner Norm – und regen gerade dadurch dazu an, über diese Norm nachzudenken. Vielleicht ist sie ja monströser als das, was wir monströs nennen?

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