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So tickt der "Songwriter" Ed Sheeran wirklich

Die Doku "Songwriter" über Popstar Ed Sheeran zeigt, wie seine Hits entstehen – und wie der Brite tickt.

Immerzu zupft er auf seiner Gitarre oder arbeitet am Computer an neuen Liedern: Ed Sheeran im Studio

Immerzu zupft er auf seiner Gitarre oder arbeitet am Computer an neuen Liedern: Ed Sheeran im Studio

Foto: Berlinale 2018

Berlin. Wer noch nie einen Song geschrieben hat, der wird sich häufig fragen, wie schnell so ein Stück eigentlich entsteht. Wie lang haben zum Beispiel die Beatles gebraucht, um „All you need is Love“ zu komponieren? Einen Monat und 33 Aufnahmen. Das schafft er in wenigen Minuten. Der britische Popstar Ed Sheeran muss sich nur ein Mal die Gitarre unter den Arm klemmen, die hat er ohnehin überall dabei, und schon entsteht ein Ohrwurm. Das zeigt nun sein Cousin Murray Cummings in der Dokumentation „Songwriter“, die am Freitagabend ihre Premiere beim Filmfestival gefeiert hat.

Mehrere Jahre lang ist Cummings seinem Cousin mit der Kamera gefolgt. In die Abbey Road Studios. Nach New York, Malibu und London. Auf die Queen Mary 2. Nach Suffolk, die Heimat Sheerans, sogar bis an seine alte Highschool kann man ihn auf der Leinwand begleiten. Wer nun hofft, Pikantes aus dessen Privatleben zu erfahren, der wird enttäuscht. Denn auch wenn Sheeran die Kamera nah an sich heran lässt, an sich und seinen Bruder, an den Vater, Freunde und auch mal an die Verlobte Cherry, ganz gibt der Sänger die Distanz nicht auf. Und das hätte auch verwundert, weiß man doch, wie wichtig ihm Privatsphäre ist.

Das Album ist der Höhepunkt seiner Karriere, findet er

In „Songwriter“ geht es nicht um die Geheimnisse Sheerans, sondern darum – und das verrät ja auch schon der Titel – wie seine Hits entstehen. Daran mangelt es dem Popstar ja nicht. Alle 16 Stücke des aktuellen Albums „÷“ katapultierte es im vergangenen Jahr gleichzeitig in die britischen Top 20. Sechs davon auch in die deutschen. Bloß, dass das so gut laufen würde mit diesem Album, das war nicht abzusehen, zeigt der Film. Noch wenige Tage vor der Veröffentlichung fehlt Sheeran ein Hit. Der Hit.

Was andere ins Schwitzen brächte, lässt Sheeran eher kalt. Mit einer fast abgebrühten „Wird schon“-Einstellung geht er nochmal ins Tonstudio, er hat da noch so eine Melodie im Kopf. Und auf den letzten Metern entsteht die erste Single des Albums und wohl die bekannteste, „Shape of you“. Und das ist, was den Film auch für Nicht-„Sheerios“ sehenswert macht: Wie der Brite aus wenigen Akkorden und ein paar Textfetzen ein Stück webt, sich schnell das Mikro vor die Lippen setzt und einen Chartstürmer ausspuckt, das beeindruckt. Denn Sheeran kann das scheinbar überall und immer.

In der Villa in Malibu, in die er zum Jammen geladen hat zum Beispiel. Da sitzt er gegen fünf Uhr morgens im Garten, die Sonne geht gerade auf, in der einen Hand hält er einen dampfenden Tee, in der anderen die Gitarre, die roten Haare fliehen ihm in allen Richtungen vom Kopf weg, und er singt.

Oder im Tourbus, nach einem Auftritt. Da kommt Sheeran mit schweißnassem Gesicht von der Bühne, das Herz muss ihm fast die Brust zerbersten, er setzt sich in den Bus, klemmt sich die Gitarre unter den Arm und schließt die Augen. Und wie er da so gedankenverloren an den Saiten zupft und kryptische Laute summt, da schält sich mit jedem Akkord etwas mehr eine Melodie heraus, die einem irgendwie vertraut vorkommt. Denn man kennt sie aus dem Radio. Bloß ist der Song gar nicht von Sheeran, wundert man sich. Richtig, das ist der letzte Hit von Justin Bieber. Auch den hat Sheeran geschrieben. Mal eben, im Bus. So geht es weiter, eineinhalb Stunden lang.

Auf Zeitreise in Sheerans Vergangenheit

Was faszinierend begann, verliert sich irgendwann in den Tonspuren. Bleibt man dran, erlebt man, wie das Prinzip Sheeran entschlüsselt wird – zumindest etwas. Denn man geht immer wieder auf Zeitreise in Sheerans Vergangenheit. Man sieht, wie er mit ungefähr fünf am Klavier sitzt, hochkonzentriert auf die Tasten starrend, wie er im Chor singt, die riesengroße Brille scheint größer als der kleine Kopf, und wie er als Teenager am Schlagzeug sitzt. Man sieht, wie jemand, der schon früh weiß, wohin er gehört, alles dafür tut, genau dort zu landen. Auf der Bühne.

Und vielleicht ist das genau das, was man bei Sheeran häufig vergisst, weil er aussieht wie der nette Junge von nebenan, ja weil er so gern verzagt lächelnd die Hände in den Hosentaschen vergräbt: Dass er ein absoluter Profi ist. „Ich will nicht die männliche Adele sein“, sagt er gegen Ende. „Ich will Adele sein.“ Dieses Album, das sei der Höhepunkt seiner Karriere. Und vielleicht wollte er diesen Höhepunkt gern auf der Leinwand festhalten.

Für seinen Cousin, den Regisseur und Kameramann der Doku, ist das der erste Film. Böse Zungen behaupten, dass er den Erfolg von Sheeran als Trittbrett für die eigene Karriere nutzen könnte. Tatsächlich hat Cummings ihn bereits auf seiner ersten Tour begleitet, 2011. Und vielleicht ist die Doku auch ein kleines „Danke“. Denn Sheeran durfte früher auf der Couch seines Cousins schlafen, vor den Charts, vor den Hits. Wenn vom Gig am Abend nicht genug Geld für ein Hotelzimmer abgesprungen ist.

Wiederholungen: Sonnabend, 18 Uhr Cubix 8; 25.2., 12 und 22.30 Uhr Friedrichstadt-Palast, 15.30 Uhr Zoo Palast 1.

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