Er ist tatsächlich gekommen, als Letzter. Der große, gigantische Gérard Depardieu. Er ist bester Laune und beantwortet jede Frage, auch die, die ihm gar nicht gestellt werden. „Ich bin sehr froh hier zu sein, in Berlin“. Die Berlinale sei ein tolles Festival, so wie Toronto, wie Sundance. Von Cannes möchte er nicht sprechen, „denn das hat sich verändert und auch der französische Film hat sich sehr verändert. Aber egal, ich bin hier!“ Das ist erstaunlich, hat man doch Depardieu als Schauspieler in letzter Zeit kaum noch wahrgenommen. Sein Image ist größer geworden als jede Rolle. Da sind natürlich die Geschichten vom Alkohol. Nach eigenen Angaben trinkt er bis zu 14 Flaschen Wein am Tag. Dazu kommen etwas Bier, Pastis, Champagner, Wodka. Das alles behauptete er, nachdem ihm bereits eine Leber transplantiert und vier Bypässe gelegt wurden.

Zwischendurch tauchte er als Obelix auf der Leinwand auf

Doch zuletzt begannen die wirklich irren Geschichten. 2011 uriniert er in ein Flugzeug, weil er sich nicht zurückhalten kann, bis die Maschine in der Luft ist und die Toiletten geöffnet werden. Ein Jahr später flieht er vor der französischen Steuer, indem er seinen Wohnsitz erst nach Belgien verlagert und schließlich die russische Staatsbürgerschaft annimmt, die ihm im Januar 2013 von Putin persönlich angeboten und überreicht wird. Erste kumpelhafte Fotos von den beiden gehen um die Welt, er ist jetzt der „Putin-Freund“. 2015 erhält er Einreiseverbot in die Ukraine, das Kulturministerium bezeichnet ihn als „Bedrohung für die nationale Sicherheit“, nachdem er gesagt hatte: „Ich liebe Russland und die Ukraine, die Teil von Russland ist“. Zwischendurch tauchte er noch einmal als Obelix auf der Leinwand auf. Das kann man alles sehr verwirrend finden.

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Jetzt ist er mit zwei Filmen auf der Berlinale vertreten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen ist das „The End“ von Guillaume Nicloux. Die Geschichte eines einsamem Mannes, der sich in einem Wald verirrt, tagelang nicht hinausfindet, dabei seltsamen Gestalten und Ungeziefer begegnet, bis sich schließlich eine Frau zu ihm setzt, die nicht nur wie der Tod aussieht. Ein Film so verzichtbar wie die 14. Flasche Wein. Das fröhliche Gegenteil von diesen quälenden neunzig Minuten Nihilismus ist „Saint Amour“, der am letzten Tag im Wettbewerbsprogramm lief, wenn auch außer Konkurrenz. Wohl der einzige Film, bei dem hier durchgehend gelacht wurde und das herzlich.

„Saint Amour“ ist der Name eines berühmten Beaujolais und Titel des siebten gemeinsamen Films vom Regie-Duo Gustave Kervern und Benoît Delépine. 2010 waren sie mit „Mammuth“ schon einmal zum Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Ein bitterkomisches Roadmovie, ebenfalls mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle.

„Man muss sich abgewöhnen, zu versuchen gut zu spielen“

Im neuen Film spielt er einen Bauern, der mit seinem Sohn (großartig gespielt von Benoît Poelvoorde) eine spontane Reise durch die Weinregionen Frankreichs unternimmt, in der Hoffnung sich endlich nah zu kommen. Privat besitzt Depardieu weltweit vierzehn Weingüter, außerdem einige Restaurants und Weinbars. Die Vorbereitung auf diese Rolle betrieb er somit seit Jahrzehnten. Was ihm entgegen kommen dürfte, denn er liest keine Drehbücher, wie er auf der Pressekonferenz verrät. „Ich habe das Drehbuch nie gesehen. Ich habe meine eigene Art zu arbeiten.“ Die Texte bekommt er erst kurz zuvor, lässt sie sich soufflieren. „Wenn man nur das antwortet, was man vorher auswendig gelernt hat, dann glaube ich daran nicht. Es ist schade, wenn man weiß, was man sagen wird.“ Dass sei auch das Problem der amerikanischen Schauspieler. „Man muss sich abgewöhnen, zu versuchen gut zu spielen.“ Das ist ihm offenbar geglückt. Lange hat man Depardieu nicht mehr mit so viel Wärme und gleichzeitigen Schmerz spielen sehen, und noch nie mit so weißem Haar.

Begleitet werden Vater und Sohn auf ihrer Tour von einem Taxifahrer. Vorgesehen für diese Rolle war eigentlich der Autor Michel Houellebecq, was natürlich ein Kracher gewesen wäre, aber wahrscheinlich nicht der bessere Film. Denn Vincent Lacoste als junger Fahrer Mike bringt das Gleichgewicht und erdet die gesamte Geschichte. Für Houellebecq bleibt ein Gastauftritt als Inhaber einer Pension, und man darf verraten, dass allein diese Szene die Sache schon wert ist.

„Ich denke, dass der Wettbewerb nicht so interessant ist wie unser Film“

„Saint Amour“ ist eine sehr schräge Komödie, sehr französisch, voller Wein und Liebe. Ein Film, der von seiner Situationskomik getrieben wird. Entgegen der Erwartung gibt es kaum etwas von der Landschaft zu sehen, stattdessen spielen die Szenen im Taxi, in kleinen Bistros und schmutzigen Hotels. „Ich denke, dass der Wettbewerb nicht so interessant ist wie unser Film“, sagt Depardieu. „Saint Amour“ nennt er eine „echte, gelungene Komödie“. Interessanterweise gesteht er in der selben Pressekonferenz, dass er den Film noch gar nicht gesehen hat, er wird ihn erst am Abend bei der offiziellen Premiere sehen. Depardieu ist eben ein Mann der starken Meinungen und so kommt es doch noch zu der unvermeidlichen Frage. Es ist ein amerikanischer Journalist, der sich vorwagt und wissen will, ob man sagen könne, die russische Romanze sei vorbei?

Die Antwort von Depardieu klingt wie eine Schlagzeile: „Es ist keine Romanze, es ist Liebe.“ Und weiter: „Es stimmt, dass ich Putin sehr bewundere und was er tut. Ich will nicht politisch werden, aber ich weiß, was ich sehe. Es gibt Gegner, und das sind auch meine Gegner.“ Da lacht dann niemand mehr.