25. Berlinale-Film

Regisseur Rosa von Praunheim ist Berlinale-Rekordhalter

Fast wie beim ersten Mal: Rosa von Praunheim stellt auf der Berlinale 2015 seinen neuen Film „Härte“ vor. Der 72-Jährige hat rund 150 Filme gemacht - 24 Mal war er bereits auf der Berlinale vertreten.

Foto: Reto Klar

Rosa von Praunheim hat mit 72 Jahren seinen ersten Film gedreht. Sagt er. Aus seinem Munde freilich klingt das wie Koketterie, schließlich hat der Berliner Regisseur seit den 60er-Jahren rund 150 Kurz- und Langfilme gemacht, 70 allein zu seinem 70. Geburtstag im vorletzten Jahr. 24 Mal war er mit einem Werk auf der Berlinale vertreten, so oft wie sonst kein Filmemacher.

Sein neuestes, „Härte“, das heute Abend im großen Saal des Zoo Palastes Premiere feiert, ist auf eine Art aber tatsächlich neu. In einer Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm erzählt er vom Leben des Neuköllner Karate-Champions Andreas Marquardt, einst einer der brutalsten Zuhälter der Stadt, der auch mal acht Jahre im Gefängnis saß. Dort arbeitete er mit einem Therapeuten den sexuellen Missbrauch durch seine Mutter auf.

Film über Neuköllner Ex-Zuhälter

Zum ersten Mal hat von Praunheim bei diesem Film die nachgestellten Szenen nicht mit Laien, sondern mit professionellen Schauspielern besetzt. „Ich hatte große Angst vor den Spielszenen. Schauspielern gegenüber war ich immer skeptisch, weil sie kaum mit ihrer Fantasie arbeiten können oder wollen.“ Umso beglückender sei nun die Zusammenarbeit gewesen. Die Szenen, in denen Hanno Koffler Marquardt spielt, wurden im RBB-Studio gedreht. Mit ihren Schwarzweißbildern und der sehr reduzierten Kulisse stehen sie im starken Kontrast zu den Dokumentaraufnahmen heute. Drastisch sind vor allem die nachgestellten Szenen aus seiner Jugend. Von Praunheim zeigt den Missbrauch aus der Perspektive des Jungen, der selbst nicht im Bild ist. „So passiert das meiste im Kopf des Zuschauers.“

„Ich bin nie als Cineast ernst genommen worden, wie Schroeter, Wenders oder Fassbinder. Das war ihnen immer zu dreckig, zu schmutzig. Meine Filme waren ja immer politisch und provozierend, mir war immer die wilde Form wichtiger, jetzt arbeite ich zum ersten Mal auch ästhetisch.“ Vorschusslorbeeren gab es etliche, zwischendurch habe gar zur Debatte gestanden, dass der Film im Wettbewerb laufen könne. Von Praunheim gibt offen zu, dass die Absage „einen Tag lang schon enttäuschend“ gewesen sei. Jetzt eröffnet der Film das Panorama im Zoo Palast. „Eine Premiere dort ist schon toll!“, tröstet er sich nun.

Und noch etwas ist untypisch am neuen Film, zumindest auf den ersten Blick. Von Praunheim drehte zahlreiche Filme über die Situation von Schwulen, über AIDS und starke Frauen. Und nun ein geläuterter Krimineller? „Mich interessieren extreme Biografien“, sagt er, und mit Marquardts Wandlung vom Schläger und Zuhälter zum Vorzeigementor, der sich für missbrauchte Kinder einsetzt, will er „zeigen, dass man sich ändern kann.“ Das verbindet den Film dann auch mit seinem Gesamtwerk: der neugierige Blick auf gesellschaftliche Außenseiter. „Meine Erfahrung ist, wenn man ehrlich zu dem steht, was man ist, weckt man damit mehr Sympathien, als wenn man Versteck spielt.“

Auftritt in Schwarzweiß und Rosa

Marquardt geht ganz offen mit seiner brutalen Vergangenheit um, nichts wird beschönigt. Während der Zusammenarbeit habe er sich immer sehr charmant und liebevoll gezeigt, sagt von Praunheim, „ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie er früher war.“ Bis zu diesem einen Moment, als er im Drehbuch eine Spielszene las, in der er seine erste Freundin trifft, sein Haar gegelt. „Und Gel im Haar ging nun gar nicht! Da wurde er richtig wütend und polterte los.“

Zum Gespräch empfängt von Praunheim in seiner Wilmersdorfer Altbauwohnung, 220 Quadratmeter, die Männer-WG, Filmstudio und Produktionsbüro in einem ist. Leben und Arbeit war für ihn immer eins. Hier schreibt und malt er, an den Bücherregalen lehnen bemalte Leinwände, darüber Plakate seiner Filme, überall finden sich Requisiten, Hüte, Fotos. Auf dem Roten Teppich ist er gern der Paradiesvogel, legendär seine extravaganten Hüte, ob glitzernd oder mit langen Federn.

Fast schon existentialistisch dagegen sein Outfit heute: schwarzes T-Shirt, schwarze Trainingshose. Fürs Foto („Wo soll der Onkel sich jetzt hinstellen?“, feixt er mit dem Fotografen), nimmt er dann doch einen Hut vom Stapel, aber den denkbar seriösesten. Für den Auftritt heute Abend hat er sich zwei Anzüge schneidern lassen, einen weißen, einen schwarzen. Er will sich spontan entscheiden, „vielleicht komme ich auch im Karate-Outfit“, für die Mitwirkenden gab es für die Premiere dagegen eine klare Regieanweisung: „Ich habe alle gebeten, in Rosa zu kommen.“ Damit er heraussticht, egal ob in Schwarz oder Weiß.

Bundesverdienstkreuz im März

Aufregend sei es auf der Berlinale auch beim 25. Mal noch, gibt er zu, „weil man ja nicht weiß, wie der Film ankommt. Du arbeitest ein Jahr daran und dann kommen irgendwelche Idioten und sagen nach 90 Minuten: doof. Das kann schon verletzend sein.“ Er vermisst die Vorwende-Berlinale, die sei lustiger und überschaubarer gewesen, „das war eine Filmfamilie, ein toller Zusammenhalt.“ Inzwischen sei es so groß und unpersönlich geworden, dass er kaum noch auf Partys gehe.

„Ich mag diesen Smalltalk nicht. Leute, die man wirklich gern hat, mit drei Sätzen abzufertigen, das ist so degradierend.“ Stattdessen macht er Termine, Termine, Termine, trifft sich mit Redakteuren, in seiner Mappe 20 neue Projekte. Er ist „ein unruhiger Geist“, sagt er von sich selbst. Irgendwas muss er immer zu tun haben. Neben den Filmen schreibt er Gedichte und Krimis, gerade bereitet er die Ausstellung für sein nächstes Jubiläum vor, den 75 Geburtstag. Dazu malt er fast täglich ein Bild, lustige Vignetten mit Tieren, Fabelwesen und immer wieder Geschlechtsteile, vorzugsweise männliche.

Und noch ein wichtiger Termin steht an zwischen der Premiere heute und dem Kinostart von „Härte“ Ende April. Im März erhält Rosa von Praunheim das Bundesverdienstkreuz. Und das ist wirklich das erste Mal.

Termine Zoo Palast, 6.2., 21.30 Uhr; CinemaxX 7, 7.2., 12.30 Uhr; Cubix 9, 8.2., 14.30 Uhr; Neues Off, 12.2., 18.30 Uhr, Colosseum 1, 14.2., 22.30 Uhr

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