TV-Serien

Die Berlinale wirft die Glotze an – und wird politisch

In der Sparte „Special Series“ werden auf der Berlinale erstmals Fernsehserien gezeigt.

Foto: Nik Konietzny / Berlinale

Wie, noch eine Sektion? So langsam drohen auch eingefleischte Cineasten den Überblick zu verlieren zwischen den Classics, der Retrospektive, den Shorts, dem Forum, der Hommage und all den anderen reizvollen Schwerpunkten, die auf der Berlinale im Angebot sind. Und doch kommt dieser Neuzugang über Fernsehserien, der als eine Art Beiboot der Sparte „Berlinale Special“ durch das Festival segelt, fast ein bisschen spät.

Denn dass aufwendig produzierte Serienformate von den „Sopranos“ (1999-2007) bis zu „Game of Thrones“ (seit 2011) die Sehgewohnheiten ändern und dem klassischen Kinoformat mitunter den Rang ablaufen, ist ja seit vielen Jahren bekannt. Mindestens genauso alt ist die Klage darüber, dass diese Form der Unterhaltung bislang nur im angelsächsischen, zuletzt auch immer mehr im skandinavischen Raum gelingen will – nicht aber in Deutschland. Hierzulande hat es zwar ein paar wackere Versuche wie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf oder den „Kriminaldauerdienst“ von Lars Kraume und Ortun Erkener gegeben, aber die Quoten blieben im Verhältnis zum Aufwand bescheiden.

Das Festival müht sich nun nach Kräften, beim „Berlinale Special Series“ die englisch-amerikanische Fixierung zu vermeiden. Mit „Better call Saul“ und „Bloodline“ sind zwei solcher Produktionen zu sehen. „Better call Saul“ stammt aus der Feder von Vince Gilligan, der mit der 2013 beendeten Saga „Breaking Bad“ über den krebskranken Lehrer Walter White und seine Karriere als Crystal-Meth-Baron die Standards des Genres noch weiter nach oben verschob. Bob Odenkirk als windiger Anwalt Saul Goodman war schon darin eine feste Größe unter den Nebendarstellern, nun soll seine Vorgeschichte erzählt werden. „Bloodline“ erzählt von mörderischen Umtrieben in den Sümpfen der Florida Keys.

DDR-Spion und Polizisten in Berlin

Die Produktion „Deutschland 83“ von Anna und Jörg Winger, unter anderem in Teltow-Fläming gedreht, erzählt die Geschichte eines jungen DDR-Spions, der zur Zeit von Nato-Manövern und Neuer Deutscher Welle in den Westen geschickt wird. In acht Folgen soll die Serie mit Jonas Nay, Maria Schrader und Ulrich Noethen im Herbst auf RTL ausgestrahlt werden. Man wird abwarten müssen, ob sich das narrative Tempo mit regelmäßigen Werbeunterbrechungen verträgt. Etwas vielversprechender wirkt da Matthias Glasners ZDF-Serie „Blochin“ mit Jürgen Vogel und Thomas Heinze in den Hauptrollen, die von den Polizisten der Mordkommission 7 in Berlin erzählt. Alle fünf Folgen der ersten Staffel werden auf der Berlinale zu sehen sein.

Ergänzt wird das Programm durch die italienische Serie „1992“, die in jener fernen Zeit spielt, als es in Italien noch eine christdemokratische Partei gab und sich der Staat durch juristische Rosskuren von der Korruption zu heilen versuchte. Auch die anderen Produktionen – die dänische Spekulanten-Serie „Bedraget“ und die Erzählungen „Blå ögon“ (Schweden) und „False Flag“ (Israel) zeugen deutlich davon, wie umfassend das Format politisiert worden ist. Ein Symptom für die Gier nach Deutungsmustern in Zeiten, in denen der Terror international Schrecken verbreitet und ganze Staaten vor der Pleite stehen.