Film

Rosa von Praunheim erkundet filmisch seine eigenen Anfänge

Am besten ist er immer, wenn er von sich selbst erzählt. In „Praunheim Memories“ reist der Berliner Paradiesvogel nun in jenen Stadtteil von Frankfurt, in dem er selbst groß geworden ist und nach dem er sich benannt hat. Eine ironische Spurensuche.

Foto: Missingfilms

Plötzlich steht ein fremder Mann vor der Tür und fragt, ob er mal reinkommen könne, er habe hier früher einmal gewohnt. Das ist eigentlich eine Situation, vor der uns die einstige Fernsehsendung „Vorsicht, Falle!“ immer gewarnt hat. Aber die Dame, eine Lehrerin, lässt ihn und den Kameramann hinein. Sieh mal an, sagt der Mann, das ist heute ja viel ordentlicher als damals bei uns. Und auf dem Balkon, mit Blick ins Grüne, fragt er, ob das hier nicht doch sehr bürgerlich sei. Die Lehrerin ist ein bisschen verlegen; genau deshalb wohnt sie doch so gern hier.

Der fremde Herr ist aber kein Nepper, Schlepper oder Bauernfänger. Es ist Holger Mischwitzky. Unter diesem Namen kennt ihn keiner, wohl aber unter seinem Künstlernamen Rosa von Praunheim. „Rosa“ hat er sich politisch-kämpferisch nach dem rosa Winkel benannt, den Homosexuelle in den Konzentrationslagern der Nazis tragen mussten, „von Praunheim“ aber, weil er aus genau diesem spießigen Stadtteil von Frankfurt gehört. Und das ist denn auch die Geschichte von „Rosas Memories“, dem jüngsten Film von Berlins ewigem Paradiesvogel: Der 72-jährige Filmemacher erkundet darin seine eigene Vergangenheit, die Zeit, bevor und wie er Rosa wurde.

Offen und schamfrei

Am besten war von Praunheim immer dann, wenn er von sich selbst erzählte. Ob das in „Meine Mütter“ war, wo er, nachdem er spät erfuhr, dass er ein Adoptivkind war, auf die Suche nach seiner wahren Mutter ging. Oder jüngst in „Ich bin ein Hypochonder“, wo er im Selbstversuch Schamanen, Geistheiler und Pflanzenkundler besuchte, um sich von seinen Zipperlein zu kurieren. Diesmal sind es ehemalige Schulkameraden und Lehrer, die von Praunheim aufsucht, sowie Weggefährten der Werkkunsthochschule im nahen Offenbach. Und alle attestieren ihm, dass er schon immer ein wenig anders war. Aber auch der Direktor des Historischen Museums Frankfurt wird aufgesucht, der herausbekommt, dass es im zwölften Jahrhundert tatsächlich ein ritterliches Adelsgeschlecht von Praunheim gab. Von dem Herr Mischwitzky freilich nichts gewusst hat.

Improvisation und Trash dürfen auch bei dem nunmehr 84. Film des Berliner Skandalregisseurs nicht fehlen. Wie immer ist von Praunheim dabei kein Mann der klaren Struktur. Die Dokumentation hält sich lange in seiner Heimat auf, erzählt auch von seinen ersten Filmen für den Hessischen Rundfunk, springt irgendwann nach Berlin und endet dann wieder bei einem Männerchor in Praunheim. Aber keiner altert so offen und schamfrei wie Rosa von Praunheim. Und es ist höchst vergnüglich, wie er sich selbst mit der einen oder anderen Jugendsünde konfrontiert.

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