Weltstar

Was Liv Ullmann Berlin zu verdanken hat

Mit 76 Jahren hat Weltstar Liv Ullmann noch einmal einen Film inszeniert. Das Angebot bekam sie in Berlin. Und Liv Ullmann hat auch sonst viele Erinnerungen an die Stadt. Wir haben nachgefragt.

Foto: Valda Kalnina / dpa

Sie sieht nicht aus wie 76. Sondern deutlich jünger. Eigentlich wollte Liv Ullmann ja auch nach Deutschland kommen, um ihren neuen Regiefilm „Fräulein Julie“ zu promoten. Aber dann hat es die Zeit nicht zugelassen. So sind wir ihr nach Riga nachgereist, wo sie im Dezember auf dem dortigen Filmfestival ihren Film zeigte und für den Europäischen Filmpreis als Präsentatorin auftrat. Wir trafen den Weltstar vorab in entspannter Atmosphäre in ihrer Suite im dortigen Radisson Elizabethe Hotel.

Berliner Morgenpost: Frau Ullmann, sprechen Sie eigentlich ein wenig Deutsch?

Liv Ullman: Leider nein. Aber ich verstehe es. Also seien Sie vorsichtig, was Sie sagen. Ich verstehe es zumindest ein bisschen. Mein Lieblingsregisseur im Theater war Deutscher.

Wer war es?

Peter Palitzsch. Ich habe mehrfach mit ihm zusammengearbeitet. Den „Kaukasischen Kreidekreis“ hat er in Oslo inszeniert. Das war 1961, just als die Mauer gebaut wurde und die ganze Tragödie begann. Wir haben ihn plötzlich eine Woche lang nicht am Theater gesehen, bis wir erfuhren, dass er in den Westen geflohen ist. Helene Weigel hat daraufhin in Ost-Berlin all seine Fotos verbrennen lassen, er wurde dort förmlich geächtet. Als er zurückkam, war er ein völlig verwandelter Mann. Von da an wollte er kein Eigentum mehr besitzen, weil sie ihm alles kaputtgemacht haben, auch alle Freundschaften. Er hatte nur noch drei oder vier Fotografien von Picasso, die er sich immer ins Hotelzimmer hängte. Die hingen da auch, als wir 20, 30 Jahre später „Mutter Courage“ machten. Ich liebte ihn so sehr. Oje, darüber habe ich ja noch nie gesprochen...

Aber bitte, fahren Sie fort...

Er war so wichtig für mich. Das war ja alles lange vor Ingmar. Alle Leute glauben ja, mein Leben hätte erst mit Ingmar Bergman begonnen. Und damit auch geendet. Ich war damals noch ganz jung, erst etwa vier Jahre am Theater. Er war mein Lehrer und brachte mir ganz viel bei. Es war vielleicht das Beste, was ich je auf der Bühne gemacht habe. Als wir dann „Mutter Courage“ machten, am Ende seines Lebens, war er nicht mehr so der gefeierte Regisseur, ich dagegen so was wie ein Weltstar. Das war sehr merkwürdig. Ich wusste, tief im Inneren hat er sich nach diesem jungen Mädchen gesehnt und ich mich nach diesem Mann, der vor der Tyrannei geflohen ist. Da war soviel Ungesagtes zwischen uns, aber ich sah in seinen Augen, dass wir nicht mehr miteinander arbeiten würden. Nicht dass ich besser oder er schlechter geworden wäre. Aber wir waren inzwischen andere. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, was das Leben, was Erfolg, was das Alter mit dir macht. Aber von allen Menschen, denen ich begegnet bin, war er derjenige, der mich künstlerisch am meisten beeinflusst hat.

Das ist jetzt ein weiter Weg von „Mutter Courage“ zu „Fräulein Julie“...

Es ist ein weiter Weg, oja. Und es ist mir selbst ein Rätsel, wie ich jetzt darauf komme. Das passiert wohl in meinem Alter, dass man von diesem auf jenes kommt.

Ihren letzten Film inszenierten Sie vor 14 Jahren. Was hat Sie zurückgebracht auf den Regiestuhl?

Ich hätte auch gern einen Film dazwischen gemacht. Ich habe auch lange an einem gearbeitet, ich habe zwei Jahre dafür vergeudet. Ich habe ein Drehbuch zu Ibsens „Puppenhaus“ geschrieben. Und hatte unglaubliche Schauspielerinnen. Erst Cate Blanchett, und als die schwanger wurde, Kate Winslet. Aber dann brach die Finanzierung ein. Ich war stinksauer, ich hab alles hingeworfen. Aber es war ein Zeichen, es sollte nicht sein. Ich habe viel Theater gespielt, auch inszeniert, „Endstation Sehnsucht“ etwa mit Cate Blanchett in New York. Über Filme habe ich nicht mehr nachgedacht. Bis plötzlich zwei Produzenten auf mich zukamen. Die wollten Filme über Femmes Fatales machen, auch mit anderen Regisseurinnen, und fragten mich, ob ich nicht mitmachen wollte. Ich habe dann „Fräulein Julie“ von Strindberg vorgeschlagen. Sie waren etwas erstaunt und fragten: „Ist das denn eine Femme Fatale?“ Und ich sagte: Ja. So kam das zustande.

Warum gerade Strindberg?

Weil ich ihn liebe. Und ich wusste gar nicht, wie sehr ich ihn liebe.

Aber Sie haben „Fräulein Julie“ nie selbst gespielt.

Niemals. Hab’s auch nie gewollt. Ich habe Tschechow gespielt und Ibsen, aber nie Strindberg. Hätte ich „Endstation Sehnsucht“ nicht gemacht, wäre ich vielleicht auch nicht auf Strindberg gekommen. Aber Tennessee Williams hat viel von Strindberg gestohlen. Alle Dramatiker lieben Strindberg, und jetzt weiß ich auch warum. Ich habe bei der Adaption vieles verändert. Das ist schon in Ordnung, es ist ja eine Adaption. Ich bin in der historischen Zeit geblieben und habe erzählt, was er erzählte, aber eben auch, was ich zu sagen hatte.

Wie aktuell ist Strindberg heute?

Ach, im Grunde hat sich doch nichts geändert. Was Klassenunterschiede angeht, ist es doch eher schlimmer geworden. Oder denken Sie an das Rassenproblem. Es gibt Leute, die behaupten, das gibt es heute nicht mehr. Und jetzt sehen Sie, was gerade in den USA passiert ist. So ist es auch mit den Klassengegensätzen. Es gibt ein paar wenige glückliche Länder, die alles haben , und es gibt eine Mehrzahl von Ländern, die haben gar nichts. Und das Schlimme daran ist, dass wir gar nicht hören wollen, wie es denen geht, weil sie nicht zu uns gehören. Das hat sich ganz klar gezeigt, als die Ebola-Krise aufkam. Da sind zwei Amerikaner aus den Krisenländern zurückgekommen und hier gestorben. Und es gab eine richtige Wut, wie sie es wagen konnten, in die USA zu kommen. „Wenn ihr dort heilen wollt, macht das, aber bleibt da.“ Das zeigt mir unser heutiges Klassenbewusstsein.

Und wie sieht es mit Männern und Frauen aus, wie steht es um die Gleichberechtigung?

Es ist genau das Gleiche. Wir tun so, als gebe es da keine Gegensätze. Aber es ist doch schlimmer denn je. Selbst ich, der ich doch emanzipiert und befreit sein sollte, tanze um die Leute rum und tue so, als sei ich ein nettes Mädchen. Nicht in der Arbeit. Aber sonst. Männer, hach, sind halt Männer. Ihr setzt euich durch und könnt fürchterlich herrschsüchtig sein. Ich muss das wissen – als Frau aus dem Filmbereich, als Regisseurin in meinem Alter, ich weiß, was Studiobosse, was Produzenten über Frauen denken.

Das klingt sehr pessimistisch.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Männer. Mein ganzes Leben ist voll von ihnen und von meiner Liebe zu ihnen. Nein, ich bin nicht pessimistisch. Ganz im Gegenteil. Ich hoffe nur, dass Mann und Frau sich wirklich wahrnehmen könnten und auch ihre Unterschiede als Stärken begreifen würden. Ihr habt tolleVorzüge, wir aber auch. Wir dürfen nicht erwarten, dass ihr wie Frauen denkt. Ihr solltet aber auch nicht glauben, dass wir wie Männer ticken.

Sie selbst haben schon Ingmar Bergman erwähnt. Gab es je ein Interview, in dem die Rede nicht irgendwann auf ihn gekommen wäre?

Doch, ein paar gab es, aber wirklich verschwindend gering. Das ist aber schon in Ordnung. Es wäre fürchterlich, wenn man mich über diesen Herrn in Dänemark befragen würde, dessen Namen ich mir nicht merken kann und will...

Sie meinen doch nicht Lars von Trier?

Den mein ich. Wenn ich mit dem gearbeitet hätte und jetzt 50 Jahre damit verbringen müsste, Fragen zu ihm zu beantworten, wie er mich beeinflusst hätte, dann würde ich sterben. Ich kann ihn wirklich nicht ausstehen. Dagegen freue ich mich immer, wenn ich über Ingmar befragt werde. Ich habe mit einem außergewöhnlichen Mann zusammengearbeitet, Ich würde mich aber auch freuen, wenn man auch memoriert hätte, dass ich mit Jan Troell gearbeitet hat. Der hat den Film gedreht, den ich von allen meinen Filmen als den schönsten empfinde: „Emigranten“. Der Film, das weiß ja leider auch niemand, war es, der mir meine erste Oscar-Nominierung eingebracht und der mich nach Amerika gebracht hat. Aber ich sollte stolz sein. Ich weiß nicht, was ein Genie ist. Aber Ingmar kam dem wohl sehr nahe. Er wusste vielleicht nicht immer, was er tat, es kam ihm einfach so. Aber das ist ja auch eine Gabe. Und er hat mir das schönste Kompliment gemacht, das ich je bekommen habe.

Das müssen Sie uns jetzt natürlich verraten.

Er hat mal gesagt: „Ich verstehe nicht, warum das keiner sehen kann, dass du meine Stradivari bist.“ Leider hat er das meines Wissens niemand anderem gesagt, das wäre auch schön gewesen. Egal, ich bin so froh, dass es ihn gegeben hat. Andererseits hat er wohl auf mich abgefärbt mit seinen depressiven Geschichten. Ich halte mich eigentlich für einen sehr fröhlichen Menschen. Ich hätte auch gern Komödien gedreht, aber nach den Bergman-Filmen kam niemand auf die Idee, mich mal in einer komischen Rolle zu besetzen.

Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?

Kurz vor seinem Tod. Ich hatte an diesem Tag im Juli, daheim in Norwegen, plötzlich das Gefühl, dass Ingmar nach mir rufen würde. Ich habe dann die nächste Maschine nach Schweden gebucht und bin zu ihm, auf seine Insel auf Farö gefahren. Wir haben noch einmal gesprochen, ich konnte ihm danken, für alles. Ich bin sehr froh, dass ich diesem Gefühl vertraut habe. Denn noch in der gleichen Nacht ist er gestorben.

Hatte die Entscheidung, selber Regie zu führen, auch damit zu tun, dass Sie von Bergman beeinflusst waren?

Nein. In all den Jahren, die wir zusammen waren, hat er nur Filme mit mir gemacht. Ich habe aber so viel andre Sachen gemacht. Ich habe auch viele andere Filme gedreht, habe am Broadway in fünf, sechs Produktionen gespielt, habe zwei Bücher geschrieben, bin jahrelang in der Welt gereist für Flüchtlingsorganisationen und Unicef. Ich habe so viel anderes getan. Regisseurin wollte ich nie werden, ich habe nie darüber nachgedacht. Aber ich habe gerne Scripts geschrieben. Und eine Produktionsfirma hatte mich eines Tages gebeten, ein Buch zu adaptieren. Ich habe das auf sehr persönliche Weise getan. Sie fanden das großartig, meinten aber, das müsse ich inszenieren. Ich war völlig verblüfft. Und habe, natürlich, Ingmar angerufen: Glaubst du, ich könnte Regie führen? Er sagte nur: Ja, könntest du. Also habe ich den Film gedreht. Und nach einer Woche wusste ich, ja ich kann das wirklich.

Sind sie als Regisseurin ein Geschenk für Schauspieler? Weil Sie selbst Schauspielerin sin?

Ich weiß, wie man als Schauspieler behandelt werden muss. Ich weiß vor allem, was man zu Schauspielern nicht sagen sollte. Vielleicht bin ich deshalb ein Geschenk. Es ist aber vor allem ein Geschenk für mich. Denn plötzlich habe ich mit Schauspielern gearbeitet und konnte sehen, wie sich ihr Gesicht verändert, wie sie in der Rolle aufgehen. Das hat mich so überrascht, weil ich mich selbst schon lange nicht mehr überraschen konnte. Die erste Woche habe ich meinen Hauptdarsteller noch gefragt, ob ich ihm einen Kaffee bringen soll. Danach habe ich das nicht mehr gemacht.

Sie leben seit Ewigkeiten in New York. Wie europäisch fühlen Sie sich eigentlich noch?

Ich fühle mich nach wie vor sehr europäisch. Ich war noch nie in Riga, aber wenn ich Shirley MacLaine wäre, würde ich sagen, ich muss in einem früheren Leben hier gelebt haben. Einfach weil ich wieder in Europa bin. Ich habe nach wie vor einen norwegischen Pass, ich bin kein amerikanischer Staatsbürger, habe nach wie vor eine Green Card. Meine Familie ist nach wie vor in Norwegen. Und wenn ich nach Hause komme oder nach Riga oder sonstwo in Europa, dann merke ich immer, wie europäisch ich bin. Auch „Fräulein Julie“ ist ja durch und durch europäisch. So einen Film lassen sie dich drüben heute doch gar nicht mehr machen. Es gibt vieles, wofür man die Amerikaner lieben muss, sie sind so enthusiastisch, sie verzeihen dir deine Sünden, auch im Beruf. Aber sie haben auch Waffen und die Todesstrafe. Und wenn Sie CNN gucken, geht es nur um die USA. Wenn ich in Norwegen Nachrichten schaue, geht es um die ganze Welt.

Und werden Sie eines Tages ganz nach Europa zurückkehren?

Ich komme doch immer wieder. Vielleicht nicht mehr ganz so häufig wie früher, vielleicht ist das dem Alter geschuldet. Aber ich habe hier „Lange Reise eines Tages in die Nacht“ auf der Bühne gespielt, das erste Mal in Norwegen seit 20 Jahren, dafür war ich lange hier. Ich bin damit auch durch das ganze Land getourt. Dann habe ich „Onkel Wanja“ inszeniert und werde nächstens Jahr erneut ein Stück inszenieren. Zum Arbeiten bin ich also ständig hier. Und dann fühle ich mich sehr wohl und aufgehoben. Weil wir dieselbe Sprache sprechen. Womit ich nicht nur die Worte meine.

Wenn Sie so oft in Europa sind, wann waren Sie das letzte Mal in Berlin?

Oh, aber das war doch, als man mir das Angebot zu „Fräulein Julie“ machte.

Wie, das verraten Sie erst jetzt? Das wurde Ihnen in Berlin gemacht?

Darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Das war auf der Berlinale. Ich weiß nicht, warum ich da war, es war nicht nur privat. Es war das Jahr, als Isabella Rossellini Jury-Präsidentin war.

Das war 2011, da gab es eine Bergman-Retro.

Ingmar, natürlich. Und da traf ich diese beiden Produzenten. Die hatten schon eine französische und eine spanische Regisseurin. Und ich bin die einzige, die bislang einen Film gemacht hat. Die ganze Reise ging also bei Ihnen in Berlin los. Wäre ich nicht dort gewesen, hätte ich vielleicht nie wieder einen Film inszeniert. Dafür bin ich sehr dankbar.