Berlinale

Morgenpost-Leser küren „Boyhood“ zum Publikumsliebling

Lange waren sich die 12 Geschworenen unserer Leserjury unsicher. Am vorletzten Wettbewerbstag verliebten sie sich dann in den Film von Richard Linklater.

Foto: Krauthoefer

Die Bären werden erst heute vergeben. Aber ein Preis steht bereits fest: Der Publikumspreis des Wettbewerbs, der von der Leserjury der Berliner Morgenpost verliehen wird, geht in diesem Jahr an „Boyhood“ von Richard Linklater. Lange ging das Urteil der zwölf Geschworenen breit auseinander. Das war auch noch so, als wir uns zur Hälfte des Festivals getroffen haben. Aber dann, am Donnerstag, einen Tag, bevor der Wettbewerb auslief, gab es den großen Umschwung. „Boyhood“ kam bei der Pressevorführung großartig an. Zum Abspann wurde begeistert geklatscht wie zuletzt vor drei Jahren bei „Nader und Simin“. Auf allen Kritikerspiegeln, so auch auf unserem (siehe rechte Seite) führt er mit den besten Bewertungen.

„Boyhood“ ist nicht nur die anrührende Geschichte einer amerikanischen Familie über fast zwölf Jahre hinweg, es ist vor allem ein filmhistorisch einmaliges Konzept: Richard Linklater hat beschlossen, diesen Film tatsächlich über einen langen Zeitraum hinweg zu drehen. Er hat sich zwei Stars, Patricia Arquette und seinen Leib- und Magen-Darsteller Ethan Hawke, für die Rollen der geschiedenen Eltern ausgesucht. Seine eigene Tochter Lorelei hat den Part der Tochter übernommen, für die Hauptrolle des anfangs sechsjährigen Mason wählte er den völlig unbekannten, schauspielerisch völlig unerfahrenen Ellar Coltrane.

Vom Dreikäsehoch zu den ersten Pickeln

Der 164-Minüter hätte leicht in die Hosen gehen können. Weil die Schauspieler nicht immer die Zeit hätten finden können. Oder der heranwachsende Coltrane irgendwann die Lust hätte verlieren können. Man kennt das ja bei Teenagern. Aber alle sind bei der Stange geblieben, alle sind den Weg bis zu Ende gegangen. So wird man Zeuge einer ganz einmaligen Filmerzählung.

Sonst werden Zeitsprünge ja bei Erwachsenen Darstellern immer mittels Maske und Perücken überspielt, und bei den Kindern kommt unweigerlich der Moment, wo sie gegen ältere Darsteller ausgetauscht werden. Hier aber sehen wir allen Beteiligten beim Altern zu: Patricia Arquette und Ethan Hawke, die in Würde altern, und vor allem dem kleinen Dreiskäsehoch, der bald schon ein Sechskäsehoch ist, dem irgendwann die Stimme bricht und zuletzt seine Sachen packt und Richtung Universität sein Zuhause verlässt.

Ganz alltägliche und doch geschliffene Dialoge

Das alles ist, wie man es bei Linklater, mit seiner „Before“-Triloge „Before Sunrise“/„Before Sunset“/„Before Midnight“ ein Berlinale-Dauergast, nicht anders kennt, gespickt mit wunderbaren, scheinbar ganz alltäglichen und doch kunstvoll geschliffenen Dialogen. Ein Triumph, für den Regisseur, seine Tochter und das ganze Team.

Der undotierte Leserpreis der Berliner Morgenpost wird seit 1974 verliehen und ging an Filme wie „Solo Sunny“, „Rain Man“, „Der mit dem Wolf tanzt“ und „Wir können auch anders“, in jüngeren Jahren an „Magnolia“, „Nader und Simin“ und „Barbara“. Die Trophäe, eine Filmspule aus Glas, entworfen von der Designerin Susanne Meixner, wird heute Mittag, zusammen mit Preisen anderer unabhängiger Jurys, in Anwesenheit von Festivalleiter Dieter Kosslick in der Landesvertretung des Saarlandes verliehen.