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Wie die Leserjury der Morgenpost die Berlinale erlebt

Eng getakteter Zeitplan: 20 Filme muss die Leserjury der Berliner Morgenpost in diesen Tagen schauen, das sind drei Filme am Tag. Und manchmal winkt auch Berlinale-Juror Christoph Waltz rüber.

Foto: David Heerde

Jetzt aber ganz schnell. Der erste Wettbewerbsfilm ist gerade zu Ende, der zweite beginnt schon in etwas mehr als einer Stunde. Das Zeitfenster ist klein, um mal eben zu zwölft einen Kaffee trinken zu gehen. Wir huschen aus dem Berlinale-Palast hinüber ins „Hyatt“-Hotel. Dort hat uns die Tesiro-Lounge freundlich ihr Zimmer zur Verfügung gestellt. Eine kleine Ruhe-Oase im Festivalrummel. Gleich nebenan finden die Pressekonferenzen statt, da spricht aktuell Feo Aladag über „Zwischen Welten“. Vom Fenster aus kann man das Treiben vor dem Berlinale-Palast beobachten. Hier drinnen aber kann man mal kurz zur Ruhe kommen. Aber nur ganz kurz.

20 Filme muss die Leserjury der Berliner Morgenpost in diesen Tagen schauen, 20 Filme, die im Wettbewerb laufen und nicht nur um die Bären buhlen, sondern auch um den Publikumspreis, den unsere zwölf Geschworenen vergeben. Das sind oft drei Filme am Tag. Und das ist nicht nur Pflicht. Nikos Fragkou hat es schon auf fünf Filme gebracht, das ist der Rekord in diesem Dutzend. Einer davon war „Nymphomaniac“, der ist so lang, das zählt eigentlich doppelt. Aber dafür, gibt er zu, musste er sich aus einem anderen Film auch deutlich früher herausstehlen.

Mit den gelben Badges kommt man überall rein

Für Harriet Wollenberg wäre das nichts. Drei Filme seien wirklich genug, schließlich werfen die einen in die verschiedensten Stimmungen. „Da muss ich mich erst mal sammeln.“ Und abends, von sechs bis neun, müsste sie auch noch ein bisschen arbeiten, da kommt sie nicht drum herum. „Das macht mich schon traurig, dass ich nicht noch mehr gucken kann.“

Das ist so praktisch als Jury-Mitglied. Die Berlinale funktioniert nach der Farbenlehre: Rot sind Journalisten, Grün sind Filmemacher, Gelb aber sind die Mitglieder der Haupt- und Nebenjurys. Und mit den Gelben, diese Erfahrung machen sie alle, kommt man überall rein. Auch wenn andere noch in der Schlange stehen müssen. Das reizt auch zu der einen oder anderen Neidsituation.

Die Leserjury hat sich von Anfang an zusammengetan. Und hält sich immer gegenseitig Plätze frei. Das ist nicht immer einfach, eine halbe Reihe besetzt zu halten. Aber so ist man beisammen. Und kann sich auch schon mal über die Filme austauschen. Die internationale Jury sitzt zwei, drei Reihen weiter vorn. Reiner Zufall, das sind nun mal die besten Reihen in der Mitte. Aber lustig ist es schon. Und „der Christoph“, gemeint ist Christoph Waltz, der winke auch schon manchmal herüber. Juroren unter sich.

„Meine Tage sind viel geordneter als sonst“

Zwischen den Filmen geht es dann kurz raus. Frische Luft tanken. Einen Kaffee trinken. Und auch mal eine Kleinigkeit essen. Zu mehr ist ja nie Zeit. Silke Ewald nimmt sich Stullen mit. Und Obst. Aber da muss man höllisch aufpassen. Die Saalordner gucken manchmal in die Taschen. Und an strengen Tagen wie heute türmen sich die Schnittchen draußen. Sind die Festivaltage Chaostage? Nein, schüttelt Severin Mahncke den Kopf. „Meine Tage sind eigentlich geordneter als sonst. Man isst nur wenig, aber öfter, das ist doch viel gesünder. Es müssen ja nicht immer die Kässpätzle vom ,Street Food‘ sein.“

Schwierig sind eigentlich nur die sozialen Kontakte. „Meine Mutter hat sich schon total beschwert“, meint Christiane Burrell. Severin zieht abends mit seiner Freundin noch mal um den Block. Um überhaupt mal reden zu können. Juliane Hélary genießt die Auszeit. Ihr Baby ist zehneinhalb Monate alt. Darauf passen jetzt aber der Vater und der Opa auf. Und sie darf mal was anderes tun. Urlaub von der Mutterschaft. Und auch die Frau von Lutz-Peter Schmitz nimmt die Zeit ohne ihren Mann sportlich: Sie lässt sich jetzt in aller Ruhe die Zähne richten. Familie ist nicht. In der Zeit werden die Juroren zur Ersatzfamilie.

Nun aber genug geschwatzt. Der nächste Film beginnt schon bald. Also auf, zurück in den Berlinale-Palast. Plätze erobern. Und dem Christoph zuwinken.