Die Katastrophe drohte um kurz vor zehn. Es war der erste Verkaufstag an den Ticketschaltern der Berlinale. Die Schlang war ewig lang. Die meisten, die hier warteten, hatten die Nacht in den Potsdamer Platz Arkaden verbraucht. In wenigen Minuten würde er losgehen: der Kartenverkauf für die 64. Berlinale. Dann aber ging etwas ganz anderes los. Nämlich der Feueralarm.

An drei Orten in der Stadt kann man Tickets für die Berlinale kaufen: im International, im Haus der Berliner Festspiele und eben in den Arkaden direkt am Berlinale Palast. Jede Schlange hat ihr eigenes Stammpublikum. Die in den Potsdamer Platz Arkaden ist besonders bei denen beliebt, die es gerne etwas gemütlicher haben. Bei den anderen muss man nämlich die Nacht im Freien verbringen, hier aber ist man gut bedacht in der Shopping-Mall.

Dass man aber die Nacht über ansteht bzw. auf Iso-Matten anliegt, das gehört auf jeden Fall dazu für den harten Kern der Berlinale Fans. Dafür kennt man sich untereinander. Schließlich sind es jedes Jahr mehr oder weniger dieselben, die sich hier versammeln. In diesem Jahr war in den ersten Nächten sogar ein Filmteam mit dabei. Es wird also bald einen Film geben über die Fans des Films.

„Es ist deutlich ruhiger geworden“

Drinnen in dem geräumigen Kassenhäuschen der Arkaden sitzen an diesem Morgen fünf fröhliche junge Frauen. Vier an den Kassen, eine die regelt, was sonst noch so anfällt. Wenn ein Kunde sich zum Beispiel übermäßig aufregt darüber, dass ausgerechnet er kein Ticket mehr bekommt. Dann wird schon mal geflucht und geschimpft und Krisenintervention ist nötig. Kino ist ein Ort für Emotionen, das fängt an der Kasse an.

Allerdings ist die Zeit der übergroßen Gefühle dieses Jahr am Ticketverkauf schon vorbei. „Es ist deutlich ruhiger geworden“, erzählt die eine Verkäuferin durch ihr Lochmuster in der Glasscheibe. Die Berlinale 2014 ist zweigeteilt. Die ersten Tage gehörten den Stars. Wer kann wann so gesehen werden? „Jetzt geht es mehr um Qualität.“

An der Nachbarschlange ist jetzt eine Frau ganz vorn. Sie scheint schon fast zu flehen: „La Belle e la Bete, zweimal für Samstag, bitte“. Es gibt noch Karten. Die Frau strahlt. „Tausend Dank.“ Sie steckt die Tickets ein, dreht sich dann nochmal um: „Ich könnte Sie knutschen.“

Flirtversuche und kleine Geschenke als Bestechung

Manchmal ist es ganz gut, dass eine Glaswand zwischen Ticketverkäufer und Menschenschlange ist. „Einige flirten schon sehr heftig“, sagt eine Verkäuferin. Die würden einen dann gerne zum Kaffee einladen, oder zum Essen. Manche sind ganz einfach nur dankbar. Die bringen dann kleine Geschenke. Süßigkeiten zum Beispiel, oder Schokolade. Es macht Spaß, Leuten etwas zu verkaufen, was sie beglückt. Und das passiert häufig. Was war der Glücklichmacherverkauf der Berlinale 2014? Kein Zweifel: Wes Andersons „Grand Budapest Hotel.“

Nicht alle Käufer sind gezielte Käufer. „Manche kommen auch nur her und sagen, haben Sie eine Idee, was ich mir anschauen könnte?“ Dann blättert man gemeinsam das Programmheft durch. Lieber Dokumentation oder Unterhaltung? Eher Jugendfilm oder etwas düsteres aus Norwegen? „Ich kenne natürlich nicht alle 400 Filme“, sagt die Verkäuferin. Aber nach zwei Tagen hat man einen guten Überblick. Manchmal erzählen auch die Cineasten in der Schlange etwas über einen Film, den schauen sich die Verkäuferinnen dann selbst an. „Concerning Violence“ zum Beispiel, das war in diesem Jahr ein Besuchertipp.

In der Schlange bleiben Enttäuschungen nicht aus

„Haben Sie noch zwei Karten für ‚Long way down’? Nein? Oh, je, was mach ich denn jetzt?“ In der Schlange bleiben Enttäuschungen nicht aus. Am ersten Abend gab es große Empörung, als die Kasse geschlossen wurde. Im Haus der Berliner Festspiele spielte sich sogar ein Drama ab, als die Technik ausfiel. Die Leute seien völlig aus dem Häuschen gewesen. In den Arkaden aber lief es bis jetzt alles friedlich ab.

„Selbst der Feueralarm am ersten Tag ging gut aus“, erzählt die Verkäuferin. Da weigerten sich die Schlangen erst, sich evakuieren zu lassen. Als sie aber dann wieder ins Gebäude durften, da stellten sie sich genau so an, wie sie vorher gestanden hat.