Als Vlasta Kubusova ihren Gastgeber Nicolai Wolf bei Facebook sucht, kriegt sie erst mal einen Schock. Sie schaut auf einen übergewichtigen Mann mit Kapuzenpullover und Jogginghose. Auf dem Pullover sind weiße und dunkle Flecken. Der Typ, den sie da sieht hält einen großen Fisch, Zander oder Hecht, oder so etwas. Nikolai Wolf steht neben dem Bild vom 23. September 2013. Als Vlasta dann in Berlin ankommt, ist sie erleichtert, dass ihr Gastgeber mit einem C und keinem K geschrieben wird.
Vlasta und Nicolai sind Studenten. Nicolai studiert Kamera an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFBB) und Vlasta hat Design in Bratislava studiert. In Kopenhagen will sie bald ihren Master in Produktionsdesign machen und dann am liebsten als Art Director zum Film gehen. Die DFFB veranstaltet jedes Jahr ein Couchsurfing-Dinner, um Studenten des Hauses mit Filmstudenten aus dem Ausland zusammen zu führen. Die Anglizismen sind schlimm, die Idee aber ist gut. Studenten haben ja meistens nicht so viel Geld. Die schlafen dann nicht in Hotels, was zu teuer ist. Sondern sie schlafen bei Fremden auf der Couch, kostenlos. Das nennt man Couchsurfing.
Ein Kater ist auf jeden Fall immer drin
Die Idee ist, dass gastfreundliche Menschen freundliche Gäste aufnehmen. Und wenn der Gastgeber aus Berlin zum Beispiel nach Rom will, dann sucht der sich auf einer Internetseite dort einen Gastgeber. So entstehen im besten Fall Freundschaften. Ein Kater ist auf jeden Fall immer drin. „Ist doch viel besser, als in Hotels zu schlafen“, meint Nico, „da kommst du nicht in den Genuss, mit den Mitbewohnern zu trinken.“
Die DFFB hat also eine Ausschreibung zur Berlinale gemacht. Sie laden 25 Filmstudenten von überall her ein. Israel, Paris, London, Slowakei, Japan, Mailand, Städte und Länder sausen nur so an einem vorbei, wenn man zum Dinner geht. Dinner ist einfach ein Abendessen und da lernen sich alle kennen. Vorher zeigen sie aber noch Filme, die sie gemacht haben. Ein Horrorfilm aus Skandinavien läuft in einem kleinen Produktionsraum der Akademie. Wir sind im neunten Stock des Gebäudes im Sony Center. Auf den Stühlen sitzen die Studenten, auf Tischen auch, und weil es so eng ist, stehen auch ein paar.
Der skandinavische Film kann wirklich was. Acht Minuten ist der lang. Und man sieht, wie grausam Kinder sind. Ein kleines blondes Mädchen will mit zwei älteren dunkelhaarigen Mädchen in einem herbstlichen Wald Verstecken spielen. Die beiden wollen aber nicht so richtig. Und sagen, sie soll abhauen, oder sie stopfen ihr das Maul mit Blättern voll. Am Ende fällt die eine dunkelhaarige von einem Felsen runter, die andere will sich um sie kümmern, und das jüngere Mädchen erschlägt die andere mit einem Stein. Die kleine Blonde, sie ist vielleicht fünf, arrangiert nun die beiden Toten. Und legt jedem der Beiden ein Blatt in den Mund.
Dach über dem Kopf und eine gute Party
Es laufen so sechs, sieben Filme. Für jeden gibt es Applaus, dann geht es zum Essen. Lasagne gibt es, mit und ohne Fleisch. Wein und Apfelstrudel. Auf jedem Tisch steht eine gelbe Tulpe. Und über was reden junge Menschen, wenn sie in Berlin zusammenkommen? Partys, na klar! Vlasta ist auf eine finnische Filmparty eingeladen und Nico bei der eines mexikanischen Freundes, die jetzt aber abgesagt ist, und deswegen will Nico auch mit zu den Finnen. Sollen ja ganz guten Wodka haben. Wir reden über einen Filmemacher aus Finnland, der 13-Stunden-Filme macht. Da geht man morgens ins Kino. Alle drei Stunden gibt es was zu essen, und man kann auch eine rauchen gehen oder mal kurz nach Hause. Das Prinzip des Filmes sei es, dass egal, wann und wo man aussteigt, man immer wieder einsteigen kann, sagt Nico. „Der Apfelstrudel ist wirklich lecker“, sagt Vlasta noch zur Bestätigung.
Die beiden schauen von der Terrasse im neunten Stock über den Innenhof des Potsdamer Platzes. Unten rennen die mit ihren Berlinale-Pässen um den Hals zwischen Touristen und normalen Besucher herum. Immer aneinander vorbei. Aber beim DFFB-Dinner, da findet man sich. Da findet ein Dach über dem Kopf und eine gute Party. Und wenn man will, kann man sogar noch über Filme reden.




