Eine ganze Stadt im Ausnahmezustand. Wen kümmert es, dass Berlinale ist. Oder auch sonst noch ein Alltagsleben. Am Sonnabend war der Tag von George Clooney. Im Berlinale-Palast präsentierte er seinen jetzt schon vieldiskutierten Film „Monuments Men“, den er vergangenes Jahr in Deutschland gedreht hat. Und am roten Teppich drängelten sich Massen von Schaulustigen wie bei keinem Star bisher. Peter Zander durfte den Star schon vorab sprechen. Im Soho House, wo er auch während der Dreharbeiten schon gewohnt hat.

Berliner Morgenpost: Herr Clooney, was bedeutet es Ihnen, diesen Film gerade hier auf der Berlinale zu präsentieren?

George Clooney: Nun, ich habe schon den ersten Film, bei dem ich Regie führte, „Confessions of a Dangerous Mind“, auf diesem Festival gezeigt. Ich liebe dieses Festival wirklich sehr. Und ich habe den Film nun mal auch in Babelsberg gedreht. Hier gibt es eine große Filmgeschichte, darum ist es immer eine Ehre, dabei sein zu dürfen. In einer Stadt, die offensichtlich Film liebt. Wissen Sie, auf manchen Filmfestivals geht es mehr um Show und was die Leute anhaben. Hier geht es wirklich um die Fime, die gezeigt werden. Das schätze ich sehr.

Christopf Fisser vom Studio Babelsberg gestand uns, Sie hatten zunächst erwogen, den Film in Prag zu drehen. Was hat Sie umgestimmt?

Nein, das war nie der Plan. Wir wussten, diesen Film konnten wir nur hier drehen. Die einzige Unsicherheitsfaktor war das Wetter. Das war unser größtes Problem. Erinnern Sie sich: Der Frühling letztes Jahr war echt kalt, es hat geschneit im Mai, wir hatten kein Laub an den Bäumen. Wir mussten das digital nachrüsten. Und Matt musste mal im Hemd über eine Straße in Paris, was im Sommer sein sollte. Das haben wir aber bei null Grad gedreht. Ich sagte Cut, die warfen für zehn Sekunden ihre Jacken ab, und keiner durfte atmen. Sonst hätte man den Atem gesehen.

Der Film handelt von Krieg und Kunstraub. Das sind schwere Themen. Wann entschieden Sie sich, das als Komödie zu erzählen?

Das war von Anfang an klar. Wir hatten gerade „Die Iden des März“ abgedreht, und waren mittendrin bei „Argo“, den ich mitproduziert habe. Wir saßen zusammen auf dem Boden unseres Büros, als ich sagte, wir machen die zynischsten Filme der Welt. Dabei scheint es, als seien wir die am wenigsten zynischen Menschen von allen. Wir müssen etwas tun, was mehr Spaß macht. Was auch uns mehr Spaß macht. Und dann kaufte ich dieses Buch über die Monuments Men, das ich am Flughafen gekauft habe. Und wir wussten, das ist es. Sehen Sie, es ist ein Film über Kunst. Das lässt sich gewöhnlich nicht so gut verkaufen. Wir wollten keine Sachkundestunde draus machen, wir wollten es als Entertainment.

Kamen Sie in Berührung mit großen, kostbaren Kunstwerken?

Nein, wir kamen nicht mal in die Nähe davon. Wir hatten einen Bildhauer hier in Deutschland, der uns wirklich die Madonna von Brügge nachgebaut hat. Er hat drei Monate daran gearbeitet, nur nach Fotografien. Er ist dem wirklich nahegekommen. Es ist wirklich gut, es ist nicht ganz dasselbe. Aber der Mann hat gesagt: Nun, ich bin ja auch nicht Michelangelo. Wir haben das benutzt und es erst im nachhinein digital ersetzt.

Ihr Film ist eine Hommage auf die, die Kunst bewahrt, gerettet haben. Ist das heute noch noch vorstellbar?

Nun, im Irak ist es uns sicher nicht gelungen. Und wenn wir jetzt nach Syrien blicken, bin ich auch skeptisch. Was das Interessante an dieser Story ist: Es war das erste Mal in der Geschichte, dass der Sieger des Krieges die Beute nicht behielt. Das haben sie sonst immer getan. Okay, die Russen haben es getan. Aber die haben 25 Millionen Menschen verloren und hatten das Gefühl, sie hatten das Recht dazu. Aber überall auf der Welt haben Museen Kunst, die ihnen nicht gehört. Das wird ein langer Prozess, sie zurückzugeben. Aber wir müssen unsere Kunstschätze besser bewahren, sie sind unsere Geschichte.

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Waren noch Veteranen am Set?

Ich hatte sie sogar in der Familie. Mein Vater war zu jung, der war zwar in Deutschland stationiert, in Frankfurt, aber erst 1952. Aber alle meine Onkels waren im Krieg. Mein Onkel Jack hat ein Glasauge, er hat das Auge schon in der Kindheit verloren. Aber als er aus dem Krieg kam, ging er immer in Uniform in die Bar und nahm das Glasauge heraus. Und sagte, Krieg ist die Hölle. So hat er Freigetränke bekommen. Ist wohl eine Familientradition: free drinks.

Wann haben Sie erstmals mitbekommen, dass das Thema noch nicht vorbei ist? Wann hörten Sie das erste Mal den Namen von...

Gurlitt? Wir waren noch in der Nachbearbeitung. Das war ein komisches Timing. Wir wussten alle, dass da draußen noch Kunst versteckt ist. Aber ich war überrascht von der Größe dieses Fundes. Und dass er sie versteckt hat und alle zwei Jahre mal ein Bild verkauft hat. Das zeigt aber nur, dass man noch viel mehr finden wird. Vor allem, wenn diese Generation geht und die nächste das Erbe bekommt. Und oftmals nicht mal wissen wird, was diese Kunst wert ist.

Glauben Sie, es wird einmal eine Lösung geben, wie man mit der gestohlenen Kunst, die man bei neuen Eigentümern findet, umgehen wird?

Das ist eine knifflige Sache. Ich möchte gerne glauben, dass diese großartige Kunst der Welt gehört. Und ihr gehören sollte. Und nicht irgendwelchen Eigentümern. Es ist halt nur die Frage, wie man zu den Kunstwerken gekommen ist. Wenn Sie im Krieg Juden weggenommen wurde oder sie sie verkaufen mussten, um Deutschland verlassen zu können, dann sollten sie die Nachkommen zurückbekommen. Das sollte der erste Schritt sein. Dann aber gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass diese sie wieder der Welt zugänglich machen. Aber wenn Sie ein Gemälde kaufen, eine Million dafür ausgeben und später herausfinden, das ist Beutekunst, dann werden Sie das natürlich auch nicht so einfach zurückgeben. Das ist eine komplizierte Sache. Aber es gibt wohl kein Museum der Welt, dass nicht ein Kunstwerk hat, das jemand anderem gehört.

Die Russen sollen ja nicht so erfreut sein, dass sie in Ihrem Film als die Bösen dastehen.

Naja, die bad guys sind ja wohl die Deutschen. Die Russen haben 25 Millionen Menschen im Krieg verloren, das scheint nur fair, wenn sie die Kunst als Beute, als Trophäe sehen. Aber ja, es gab nun mal so eine Konkurrenz, wer die von den Nazis gestohlene Kunst zuerst findet. Deswegen sind sie nicht gleich die Bösen. Es ist aber auch eine Generationenfrage. Die Jüngeren dort sehen das schon ganz anders, die würden die Kunst eher zurückgeben. Während die Älteren das immer noch als Reparation für ihre verlorenen Familien und zerstörten Städte ansehen. Aber selbst unser Russe im Film lächelt am Ende.

Sie sind einer der gefragtesten Stars. Warum tun Sie sich sowas wie Regie an?

Ich könnte auch ein Restaurant führen. Das wäre aber Bullshit. Sehen Sie, ich war für eine ziemlich lange Zeit in meiner Karriere erfolglos. Und weiß, was für ein Glück und Geschenk es ist, zu den Studiobossen zu gehen und zu sagen, will einen 70-Millionen-Film über Kunst drehen. Ich weiß schon, was für eine privilegierte Situation das ist. Es ist einfach mehr Spaß. Der Unterscheid zwischen Regisseur und Schauspieler ist wie der zwischen Maler und Modell. Schauspiel ist nur ein kleines Teil vom Filmemachen, kein unbedeutendes, aber das gilt auch für Kamera und Schnitt. Wenn du inszenierst, bist du für alles verantwortlich. Das ist viel kreativer.Wir wissen doch, wie Karrieren verlaufen. Meine Tante Rosemary war eine große Sängerin, aber ihr Stern verblasste. Sie sang nicht schlechter, aber Dinge, Moden verändern sich. Kein Schauspieler bleibt über Jahrzehnte auf der gleichen Höhe. So funktioniert das eben nicht. Ich möchte einfach mehr Kontrolle über meine Karriere haben, nicht so abhängig davon sein, was ein Produzent oder auch nur ein Casting-Agent von mir hält.Allerdings: Niemand zweifelt deine Intelligenz als Schauspieler an. Als Regisseur schon. Als ich „Confessions“ drehte, hat ja jemand geschrieben, das müsse in Wirklichkeit Steven Soderbergh gedreht haben. Ich habe dem Kritiker einen Brief geschrieben, dass man alles von mir in Frage stellen kann, aber nicht meine Integrität. Den Brief haben sie dann auch veröffentlicht: der Brief, der wirklich von George Clooney geschrieben wurde.

Wissen Sie überhaupt, was da draußen für ein Rummel ist? Dass die Stadt seit Wochen von nichts anderem mehr spricht und selbst Dieter Kosslick Sie als „G-Spot der Berlinale“ ankündigt?

O, tut er das?

Man bietet sogar schon eine Million für ein Date mit Ihnen.

Es waren sogar 1,2 Millionen.

Haben Sie eine Ahnung, wie das so explodieren konnte?

Das hat einfach damit zu tun, dass ich bei „Emergency Room“ mitgespielt habe. Das haben weltweit 45 Millionen Menschen gesehen. Auch da sind Gaststars wie Mel Gibson aufgetreten und wir dachten: O mein Gott, es ist Mel Gibson.

Genau das tun ja die Leute jetzt bei Ihnen. Da draußen rufen Sie: O George.

Der Schlüssel ist: Ich war bei Ihnen zuhause. Nicht im Kino, bei ihnen im Wohnzimmer. Sie könnten mich laut oder stumm schalten, an- oder ausschalten. Aber du bist Teil Ihres Lebens. Und da glauben die Menschen wohl, sie kennen dich persönlich.

Viele Stars wollen sich nicht über Politik äußern. Bei Ihnen ist das genau andersrum. Woran liegt das?

Das Interesse an der Politik war immer da, das kommt ganz klar von meinen Eltern. Ich mache auch keine Politik, aber ich kann auf Dinge hinweisen, ich kann auf schlechte Politik aufmerksam machen. Oder auf gute. Wenn du eine Stimme hast, musst du die nutzen. Ich war sehr sauer, als wir in den Iran zogen. Ich war damals in London, und da demonstrierte eine Million auf der Straße gegen ihre Regierung, weil die in den Krieg ziehen wollte. Und ich musste auf dem Weg zum Flughafen da durch. Ich flog damals nach Berlin, auf die Berlinale, und da marschierte eine Million auf die Straße für ihre Regierung, weil die nicht in den Krieg wollte. In zwei Stunden zwei so konträre Positionen. Das gab mir ein sehr gutes Gefühl, in Berlin zu sein.

Das war wahrscheinlich die Zeit, in der die NSA begann, unsere Kanzler auszuspähen.

Oh, ich bin sicher, sie haben auch mich ausgehorcht in dieser Zeit. Ich habe in „Syriana“ einen CIA-Mann gespielt, dessen Vorbild habe ich mal gesprochen. Ich hatte den Computer auf, und er hat ein Post-it auf die Kamera geklebt. Ich sagte, wir leben doch nicht mehr in der Nixon-Zeit. Und er meinte: Denkst du wirklich, das sei besser geworden? Das habe ich immer noch auf dem Computer.

Den alten Clooney im Film spielt Ihr Vater. Was war seine Reaktion, als Sie ihn fragten?

Er wollte es erst nicht machen. Und dann hatte ich Probleme. Denn, wissen Sie, auch in meinem Alter können Sie immer noch nicht Ihrem Vater sagen, was er zu tun hat. ER hatte nur ein Wort zu sagen, „Yes“. Und ich sagte: Sag es anders. Er wieder: „Yes.“ Das ist wohl die klassische Vater-Sohn-Sache.

Wie ist Ihr Verhältnis zueinander? Wie hat Sie das geformt?

Er war ein Nachrichtenmann und –regisseur. Das hat wohl meine Neugierde auf die Welt und mein Interesse an den Sachen da draußen vor der eigenen Türschwelle. Vor allem nach dem Krieg, wenn die amerikanischen GIs heimkamen, hat uns das die Welt eröffnet. Die wussten plötzlich was von Europa, von Kunst da drüben zu erzählen. Ich weiß nicht wann, vielleicht nach Watergate, haben wir aufgehört, über die eigene Türschwelle hinwegzugucken. Wir haben nicht mal mehr in unsere Stadt geguckt. Oder unseren Staat. Wir gucken nur noch auf unser eigenes Heim und wie wir es beschützen können. Das würde aber sehr helfen.

Wie kunstliebend ist George Clooney?

Ich bin kein Sammler. Ich kenn mich da auch nicht besonders aus. Ich lerne aber immer mehr. Gerade Berlin war ich in vielen Museen. Die Stadt ist für die Kunst ja gerade der absolute Brennpunkt, das explodiert geradezu. Aber ich habe keine Bilder zuhause hängen. Ich dekoriere mein Haus immer selber, mein Kumpel Randy guckt sich das immer an und will, dass das erwachsener aussieht. Er nimmt alle die Bilder weg, die ich aufgehängt habe. Die habe ich als junger Mann in Paris gekauft, die bedeuten mir etwas, ob das große Kunst ist oder nicht. Und andere Bilder habe ich von meiner Tante. Die hängen deshalb wieder. Für mich ist Kunst etwas, was dir etwas bedeutet. Das kann auch etwas sein, was dein Kind gemalt hat und was du an den Kühlschrank klebst.