Auf der letzten Berlinale war „The Spirit of ’45“ zu sehen. Ein Film über die Reformen der britischen Labour-Partei seit ihrem Wahlsieg im Juli 1945, über das Bekenntnis zum Sozialismus und zum Wohlfahrtsstaat. Aber eben auch über Maggie Thatcher, die ab 1979 das Reformwerk zerschlug. Die Doku handle nicht von Geschichte, sagte sein Regisseur Ken Loach, sondern darüber, dass Missstände „von unten“ behoben werden können. „Ich will, dass die Leute wütend werden“ – im Grunde lässt sich das für alle seine Filme sagen.

Den Finger auf Wunden legen, die Ignoranz der Mächtigen zeigen, den schwierigen Alltag der sogenannten kleinen Leute schildern – das tut Ken Loach seit den 60er-Jahren. Natürlich war er, Prototyp des politischen Filmemachers, immer wieder Berlinale-Gast.

Im Wettbewerb war er zuletzt 2004 mit „Just a Kiss“, ging aber leer aus. Dafür bekam Loach zwei Jahre darauf für „The Wind That Shakes the Barley“ die Goldene Palme von Cannes, das Drama aus dem irischen Unabhängigkeitskrieg zählt zu seinen größten Erfolgen. In der Berlinale-Hommage mit zehn Loach-Filmen ist ein weiterer Historienfilm zu sehen: „Land and Freedom“ (1995) spielt im spanischen Bürgerkrieg.

Loachs sozialrealistisches Kino speist sich aus seinem Gerechtigkeitssinn. Zunächst studierte er Jura in Oxford, wechselte aber – zum Leidwesen seines Vaters – bald ans Theater und wurde Regieassistent an einer Provinzbühne. 1963 bekam er ein Angebot von der BBC. Zunächst, um Livesendungen zu inszenieren, woher sein Gespür für Improvisation rühren könnte. Seine Schauspieler, statt ihnen das komplette Drehbuch zu geben, überrascht er gern. Zu sehen ist das auch im jüngsten Film der Hommage, „Looking for Eric“ (2009), wenn der deprimierte Protagonist seinem Namensvetter und Fußball-Idol Eric Cantona zum ersten Mal begegnet. Die echte Verblüffung steht dem Darsteller Steve Evets ins Gesicht geschrieben.

Thatcher-Ära war ein schlechtes Jahrzehnt

Die richtige Balance zwischen wahrhaftigem Milieu und dramatischer Zuspitzung in „Cathy Come Home“, bei dem die Loach-Retro einsetzt, brachte dem Regisseur 1966 den internationalen Durchbruch. Das halbdokumentarische BBC-Drama erzählt vom sozialen Abstieg einer jungen Arbeiterfamilie. Mit einem Unfall fängt es an, darauf wird der Job des Mannes gekündigt, dann die Wohnung. Das verzweifelte Paar verstößt gegen Gesetze, die Familie wird auf behördlichen Befehl auseinandergerissen, die Kinder kommen ins Heim.

Aufgrund der landesweiten Debatten, die der Film auslöste, wurde die Wohlfahrtsorganisation Shelter gegründet. Ein „Tropfen auf den heißen Stein“, wie Loach heute einschränkt. Immerhin: „Cathy Come Home“ zählt zu den einflussreichsten Filmen der Fernsehgeschichte. „The Gamekeeper“ (1980), die zweite TV-Produktion in der Ehrung, zeigt, dass Loach dem Fernsehen treu blieb (bis in die jüngste Zeit übrigens).

Die Thatcher-Ära war auch künstlerisch ein schlechtes Jahrzehnt für den linken Filmemacher. Bis auf „The Gamekeeper“ hat es kein Werk aus diesen mageren Jahren in die Hommage geschafft. Starke Loach-Filme wie „Raining Stones“ (1993), „Ladybird Ladybird“ (1994) und „My Name ist Joe” (1998) sind als Abrechnungen mit der Eisernen Lady zu lesen. Doch bei allen Kämpfen, die die Figuren zu bestehen haben, lassen sich die working class heroes nicht unterkriegen. Auch „The Navigators“, die Gleisarbeiter im großartigen Film von 2001, nehmen den ungleichen Kampf gegen die britische Eisenbahnorganisation auf.

Überhaupt, das Spätwerk! „Sweet Sixteen“ (2002) ist Loachs meisterhaftes Porträt eines jungen Schotten, der bei seinem Überlebenskampf unter die Räder zu kommen droht. Nachdem Ken Loach die Dreharbeiten zu seinem, „aufwendig inszenierten Kostümfilm“ (Loach) mit dem Titel „Jimmy’s Hall“ gerade abgeschlossen hatte, kündigte er das Ende seiner Regiekarriere an. „Ich weiß nicht, ob ich so einen Kraftakt noch mal hinkriege“, sagt der 77-Jährige. Energie und Engagement – in geballter Form sind sie nun jedenfalls auf der Berlinale-Leinwand zu erleben.

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