Der Afghanistan-Film ist fast schon ein eigenes Film-Subgenre, seit Deutschland wieder im militärischen Einsatz ist. Aber noch nie wurde ein solcher Film vor Ort gedreht. Das hat nun Feo Aladag, die vor vier Jahren auf der Berlinale mit dem Ehrenmorddrama „Die Fremde“ reüssierte, gewagt. Als Frau, noch dazu schwanger, mit lauter Frauen am Set und „embedded“ von Schutzpersonal. Ihr Film „Zwischen Welten“ läuft am nächsten Dienstag im Wettbewerb. Wir haben mit der Filmemacherin gesprochen.

Berliner Morgenpost: Frau Aladag, darf ich fragen: Wieso sieht man sich so etwas an?

Feo Aladag: Gute Frage. Das frage ich mich auch manchmal. Aber ich wollte es einfach erzählen. Ich habe dafür auch andere Sachen abgesagt, mit denen ich es wohl einfacher gehabt hätte. Dieser Stoff hat einfach gebrannt. Ich wollte zeigen, wie das Bild des deutschen Soldaten im Einsatz gesellschaftlich reflektiert wurde, wie man sich dem Trauma von Gefallenen nähern kann. Aber auch: Wie gehen wir mit unseren Partnern um, den Übersetzern, den Fahrern etc. Ich bin keine Politikerin, aber ich wollte das in eine Geschichte bündeln, die berührt.

Es gibt ja schon einige Afghanistan-Filme, die werden aber gern in Marokko gedreht. Warum musste es bei Ihnen vor Ort sein?

Genau deshalb. Ich weiß, dass klingt erst mal verrückt, in einem Land wie Afghanistan einen Film zu drehen. Mir ging es zu allererst um Authentizität. Weil man es, wie ich finde, meist sieht, wenn es in Marokko gedreht ist. Da sind es dann auch gern deutschtürkische Darsteller, die im schlimmsten Fall eine Fantasiesprache sprechen. Hat man alles schon erlebt. Wenn du wirklich versuchst, die Menschen, die diesen Job in diesem Land machen, zu zeigen, dann ist es Teil deiner eigenen Sorgfaltspflicht, das so authentisch wie möglich zu gestalten. Ich wollte es so machen oder gar nicht. Es ging mir gleichzeitig darum, ein Signal zu setzen: dass man gemeinsam einen Film herstellen kann, mit Afghanen. Von denen wir alle ein durch die Medien geprägtes Bild haben. Wenn man aber dort ist, mit den Menschen dort arbeitet, bekommt man allein dadurch einen anderen kreativen Input. Das füttert dich ganz anders, wenn du Dinge vor Ort erlebst, die du dann auch noch einarbeiten kannst. Alles riecht anders, alles schmeckt anders.

Sie waren schwanger, hatten ein kleines Kind dabei, einen Stab mit vielen Frauen. Wie schwierig war es, vor Ort zu drehen?

Mir wurde auf politischer Ebene, vom Minister Asala bis zum Polizeichef der Provinz, immer nur Respekt entgegengebracht. Ich habe mich nie abschätzig behandelt gefühlt. Ich fühlte mich willkommen, respektiert und ernst genommen. Selbiges gilt für alle Afghanen im Team. Auf der Straße war das natürlich etwas ganz anderes. Du bist fremd, du bist ein Wesen der dritten Art, du bist offensichtlich nicht muslimisch, aber Frau – das war schon schwierig. Und natürlich mussten wir Kopftuch tragen oder ein Basecap aufsetzen. Aber dennoch: Ich hatte mehr Probleme erwartet. In anderen Ländern habe ich da schon ganz andere Blicke bekommen.

Wie konnten Sie da drehen? Sie waren vermutlich ein „embedded" Filmteam, immer von Sicherheitsleuten umgeben?

Die Bundeswehr darf das für einen solchen Zweck gar nicht. Wir durften zwar bei ihnen im Camp wohnen und waren immer über die Sicherheitslage informiert. Und ich würde mal behaupten, dass auch eine Patrouille an einem gewissen Tag zufällig in der Nähe war. Doch wir waren nicht embedded. Ich habe aber von politischer Seite des Landes Schutz beantragt. Ich brauchte sichtbaren und unsichtbaren Schutz. Wir hatten die Afghan National Police (ANP) vor Ort – und den afghanischen Geheimdienst. Letztlich drei verschiedene Netze.

Wie stand die Bundeswehr zu Ihrem Film? Hat sie geholfen, hat sie geblockt oder versucht, Einfluss zu nehmen?

Man hat es am Anfang versucht. Bis auf ministerielle Ebene wollte man natürlich Einblick nehmen, wollte wissen, was man da unterstützt. Ist ja auch nachvollziehbar. Das hat uns zunächst eher ausgebremst. Ich habe irgendwann gesagt, es darf keine Forderung nach inhaltlicher Kenntnis kommen. Und es war ein gewisses Grundvertrauen da. Ihnen war klar, dass ich nichts beschönigen würde, dass ich sie aber auch nicht in die Pfanne hauen will.

„Zwischen Welten“ ist der erste Afghanistanfilm, der mal nicht nur vom Trauma deutscher Soldaten handelt, sondern auch vom Risiko von Afghanen, die für die Truppen arbeiten und deshalb als „Verräter“ gelten. Gilt dasselbe Risiko auch für die Afghanen Ihres Teams? Muss man sich Sorgen um sie machen?

Sorgen machen vielleicht nicht direkt. Aber man muss „monitoren“, muss es genau beobachten, sehen, wie die Sicherheitslage sich entwickelt. Verantwortung ohne Risiko gibt es nicht. Und wenn es brenzlig wird, werden wir helfen. Sobald sich nur das kleinste Indiz auftut, dass da Gefahr in Verzug wäre, würde ich alle Hebel in Bewegung setzen, dass man Optionen anbietet.

Ihr afghanischer Hauptdarsteller Mohsin Ahmady war noch nie im Ausland. Wird er den Rummel verkraften? Tragen Sie da eine Verantwortung? Gerade im Hinblick auf den tragischen Fall des serbischen Laiendarsteller Nazif Mujic, der vergangenes Jahr mit einem Bären ausgezeichnet wurde und ernsthaft glaubte, eine Karriere als Schauspieler starten zu können.

Ja, dieser Fall hat mich sehr betroffen gemacht. Und mir sehr zu denken gegeben. Die Gefahr ist bei Mohsin vielleicht nicht so groß, weil er jünger ist. Aber klar, er war überhaupt erst einmal in Kabul. Ihn dann gleich in diesen Wahnsinn zu werfen, den auch wir nicht so einfach wegstecken, ist eine große Herausforderung. Wir werden ihn aber einfach nicht alleine lassen. Einer von uns wird immer bei ihm sein.

Ursula von der Leyen hat sich als neue Verteidigungsministerin gleich für eine familienfreundliche Bundeswehr eingesetzt. Wenn man vor Ort in Afghanistan ist, ist das wirklich ein vordringliches Problemt?

Es war sicher ein kluger Schritt, um aus der Truppe Respekt zu bekommen. Das ist ja erst mal ein gutes Gefühl, dass sich da jemand mütterlich um dich sorgt. Das kaufe ich ihr auch absolut ab. Die Bundeswehr an sich ist ein familienfreundlicher Laden, die konkreten Arbeitsbedingungen sind es zumeist absolut nicht. Das ist kein schöner Zustand. Aber natürlich ist das erst mal von innen nach außen gedacht, das hat mit der Umstrukturierung zur Berufsarmee zu tun, dass man dafür wirbt, Anreize dafür zu bieten. Ob das jetzt wirklich das dringlichste Problem ist, möchte ich nicht diskutieren.

Wird Frau von der Leyen denn zur Premiere kommen?

Sie wird eingeladen. Aber ich weiß nicht, ob sie kommen wird. Ich weiß auch nicht, ob das aus ihrer Sicht klug wäre. Da wären ja sofort Hunderte Mikros auf sie gerichtet. Das kann ja ganz schnell zu einer politischen Veranstaltung werden. Lieber zeigen wir ihr den Film zu einer anderen Gelegenheit als jetzt hier auf der Berlinale.

Das ISAF-Mandat läuft im Februar aus, insofern ist Ihr Film brandaktuell. Im April wird in Afghanistan neu gewählt. Was haben Sie dort als vorherrschende Stimmung empfunden?

Angst. Ganz klar. Das war zumindest mein Eindruck, als ich vor fünf, sechs Monaten das letzte Mal dort war. Angst vor den Wahlen. Die Menschen dort haben in der jüngsten Geschichte traumatische Erfahrungen machen müssen. Natürlich werden die ISAF-Truppen nicht einfach abgezogen, der Auftrag wird umbenannt, da werden Übergänge geschaffen. Aber es bleibt die Unsicherheit, was kommen wird. Etwa bei den Guards, die dort die Camps bewachen. Das sind gestandene Männer, die Tränen in den Augen hatten, ANA-Soldaten und viele, die sich auch nur mal liberal geäußert haben. Den ersten Fall eines ermordeten Übersetzers hatten wir ja gerade, der erdrosselt im Kofferraum gefunden wurde.

Wird es denn auch eine Premiere dieses Films in Afghanistan geben?

Unbedingt. Ich weiß noch nicht, wie und wo. Kinos nach unserem Standard gibt es da ja keine. Aber ich will unbedingt, dass wir den Film in Afghanistan zeigen.